© Pandora Film, 23/5

Neuer Kinotipp: „Wir sind dann wohl die Angehörigen“

Freitag, 11.11.2022

Das intensive Drama „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Hans-Christian Schmid erzählt von der Entführung des Hamburger Sozialforschers Jan Philipp Reemtsma aus Sicht seiner emotional überforderten Familie.

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Am 25. März 1996 wird der Hamburger Sozialforscher und Mäzen Jan Philipp Reemtsma aus seinem Haus in Blankenese entführt, 33 Tage später kommt er nach Zahlung eines hohen Lösegelds von 30 Millionen Mark frei. Die Medien überschlagen sich danach mit Berichten über die spektakulären Umstände der Entführung, die als einer der berühmten deutschen Kriminalfälle in die Geschichte eingeht. Wenig wird damals hingegen über die Situation von Reemtsmas Familie während der Entführung bekannt. Seine Frau Ann Kathrin Scheerer und sein damals 13-jähriger Sohn Johann erleben in den unerträglich langen viereinhalb Wochen grausame Ruhe, ohnmächtige Lähmung und existenzielle Angst.

Diese Perspektive wählt auch der deutsche Regisseur Hans-Christian Schmid für seine filmische Annäherung an die Reemtsma-Entführung, basierend auf dem gleichnamigen Bericht von Johann Scheerer. Die Krimi-Aspekte des Falls belässt der Film fast vollständig außen vor und nähert sich der Hilflosigkeit der Familie mit großer emotionaler Dichte. Die permanente Anspannung, die sich aus der Willkür der Täter ergibt, jederzeit das Leben des Opfers beenden zu können, lässt die wohlgeordnete Distanz innerhalb der Familie zusammenbrechen. Die Mutter erlebt einen psychischen Zusammenbruch und macht ihrer Frustration über das Vorgehen der Polizei Luft, der Junge ist auch angesichts nicht ausgeräumter Probleme mit seinem Vater in dieser Situation besonders verzweifelt.

Schmids Film über die seelischen Verwundungen der Angehörigen eines Verbrechensopfers beeindruckte die Kinotipp-Jury. Durch seine präzise Inszenierung und die sehr dichte, emotionale Atmosphäre nehme er von der ersten bis zur letzten Minute gefangen, heißt es in der Begründung. „Emotional“ heiße aber in diesem Fall nicht etwa aufgeregt oder chaotisch, sondern eher im Gegenteil kühl und über weite Strecken sehr rational. Gerade diese kühle Dramaturgie lasse die später gezeigte emotionale Krise von Ann Kathrin Scheerer umso eindrücklicher werden.

Warten auf einen Fortschritt in der Ungewissheit (© Pandora Film, 23/5)
Warten auf einen Fortschritt in der Ungewissheit (© Pandora Film, 23/5)

Gewürdigt wurde von der Jury auch die konsequente Entscheidung für die Perspektive der betroffenen Angehörigen, in deren Leben die Entführung „einschlägt“. Den Tätern (und der entwürdigenden Geiselhaftsituation Reemtsmas) wird so wenig Raum wie irgend möglich gegeben. Dafür geht es um das unbeschreibliche Leid, das eine Entführung in einer Familie auslöst, die Sicht des pubertierenden Jugendlichen macht die Ratlosigkeit nochmal anders und besser erfahrbar. An einer frühen Stelle im Film sagt Johann Scheerer, dass er bis dahin nicht wirklich gewusst habe, was Angst bedeutet. In dieses existenzielle Gefühl führt der Film immer tiefer hinein, gepaart mit der Hoffnung, dass nach einer erfolgreichen Geldübergabe bald alles vorbei sein wird. Immer mehr wird aber deutlich, dass es ein einfaches „Zurück in den Alltag und weiter wie bisher“ nie wieder geben wird.

Der Film fügt sich auch konsequent in das Werk Hans-Christian Schmids ein, befand die Jury: Schmid nehme seine Protagonisten absolut ernst, insbesondere Jugendliche auf dem Weg des Erwachsenwerdens. „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ erinnert in dieser Hinsicht etwa auch an „Requiem“, Schmids Film von 2005 über eine Studentin aus konservativ-christlicher Familie, die aus Überforderung einen Zusammenbruch erleidet. Auch dort bleiben die „Dämonen“ weitestgehend unsichtbar, deren Wirkungen aber umso eindrücklicher. In seinem neuen Werk wird man als Zuschauer Teil der Schicksalsgemeinschaft aus Mutter, Sohn, Anwalt, Freund der Familie und den betreuenden Polizeibeamten. Der Film bleibt bis zum Schluss auf der Höhe dieser komplexen Situation, die sich nicht einfach beschreiben oder gar zusammenfassen lässt, und kreist um Nähe und Distanz, Schuld und Verantwortung und zuletzt um die existenzielle Bedeutung des (Über-)Lebens.


Wir sind dann wohl die Angehörigen“ läuft seit Donnerstag, 3. November 2022, in den deutschen Kinos.


Der Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ ist ein Qualitätssiegel, mit dem Filme hervorgehoben werden, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen, Antworten auf existenzielle Fragen formulieren oder gegen den Status quo einer selbstzufriedenen Welt aufbegehren.

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