Wermut

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Der seltsame Titel der Doku-Serie bezieht sich auf die Bibel, und zwar auf die Offenbarung des Johannes: „Wormwood“, in deutschen Bibeln „Wermut“, ist der Name eines unheilbringenden Sterns, der im Zuge der Apokalypse vom Himmel stürzt und die Wasser vergiftet. Something is rotten – auch in den USA der Ära des Kalten Krieges, von der Filmemacher Errol Morris hier erzählt (wobei es durchaus naheliegt, Parallelen zur Gegenwart zu ziehen). Ausgangspunkt ist ein mysteriöser Todesfall: Ein Mann stürzt aus dem Fenster eines Hotelzimmers im 13. Stock in den Tod. Gefallen oder gesprungen? Ein Unfall, Selbstmord – oder Mord? Die nagende Frage, was genau mit seinem Vater passiert ist, habe ihn einfach nicht losgelassen, erzählt Eric Olson, der Haupt-Protagonist der Doku-Serie. Im November 1953, als sein Vater Frank, ein für die CIA arbeitender Wissenschaftler, in New York ums Leben kam, war Eric noch ein kleiner Junge; die genauen Umstände des Todes von Vater Frank wurden der Familie nie erklärt. Der Vater verschwand einfach aus ihrem Leben; Mutter und Kinder durften vor der Beisetzung den Leichnam nicht mehr sehen. Für Eric ein Trauma, das sein ganzes Leben prägte und ihn Jahrzehnte lang nach der Wahrheit hinter dem Todesfall fahnden ließ – Olson selbst zieht Vergleiche zu Shakespeares „Hamlet“ und dessen Mission, den Tod seines Vaters zu rächen (wozu Morris Ausschnitte aus Laurence Oliviers „Hamlet“-Film einspielt).

Im Jahr 1975 veröffentlichte dann die Rockefeller Commission einen umfassenden Bericht über zahllose illegale CIA-Aktivitäten. Darunter auch die Erwähnung von Experimenten mit LSD in den 1950er-Jahren, als im Zuge der Paranoia vor Kommunisten und antiamerikanischen Umtrieben u.a. auch in Sachen biologischer Kriegsführung und psychoaktiver Substanzen geforscht wurde. Eine Zeitung wiederum publizierte auf der Basis dieses Berichts einen Artikel, der den dubiosen Unfall/Selbstmord des Wissenschaftlers im Jahr 1953 mit jenen LSD-Experimenten in Zusammenhang bringt: dem Mann sei ohne sein Wissen LSD verabreicht worden. Was die Familie Olson, vor allem Sohn Eric, zum Anlass nahm, um vehement von der Regierung die Wahrheit über die Geschehnisse einzuklagen.

Errol Morris arbeitet den Stoff in der von Netflix produzierten, sechsteiligen Miniserie als Mischung aus Dokumentation und Thriller-Drama auf. Wie in seinen Dokumentarfilmen („The Fog of War“, „Standard Operating Procedure“, „The Unknown Known“) stützt er sich nicht zuletzt auf Zeitzeugen-Interviews: Eric Olson liefert mit seinen schmerzlichen Erinnerungen und den Einblicken in seine Jahrzehnte langen Nachforschungen den erzählerischen Rahmen; die Anwälte, die die Familie nach den Eröffnungen der Rockefeller Commission zu Hilfe holte, steuern weitere Berichte über die Suche nach der Wahrheit bei, die von der CIA und der Regierung unter Verschluss gehalten wird. Nach und nach setzt sich daraus, untermauert von Archiv-Material, ein gruseliges Mosaik nicht nur ums Schicksal Frank Olsons, sondern generell um Geheimdienstaktivitäten im Kalten Krieg zusammen, was Morris dann in Form von Reenactment-Szenen konkrete Gestalt annehmen lässt: Er und seine Darsteller, u.a. Peter Sarsgaard als Frank Olson, versuchen auf der Basis der ermittelten Tatsachen die letzten Tage und Stunden des unglücklichen Wissenschaftlers zu rekonstruieren, also das, was systematisch ausgelöscht und vertuscht wurde, sozusagen wieder herzustellen, wobei sich Morris in diesem dramatisierten Teil seines Films als geschickter, stilsicherer Erzähler erweist. Ein Versuch, die investigative Recherche der Fakten und ihre Rückkopplung an die menschliche Tragödie der Olsons auszubalancieren.

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