Gilbert Adair

Diskussion

Wenn Ideen ausbleiben und die Schreiblust versiegt, blättere ich gern in den Schriften von Gilbert Adair (1944-2011). Sie sind ein Quell immerwährender Inspiration und Aufmunterung. Der besondere Blick Adairs auf die Filme fordert heraus, die Hingabe, mit der er ins Kino eintaucht, steckt an. Für Adair war das Kino eine geheimnisvolle und innig vertraute Sphäre. Er bewegte sich darin kenntnisreich, urteilssicher, mit breit gefächertem Interesse, schrieb über die grossen Filmemacher, die meisten Genres, auch über B-Pictures, Trash-Movies – und das nicht nur in seinen direkt dem Kino gewidmeten Kritiken oder Essays, auch in seinen Krimis und den zeitdiagnostischen Kolumnen.

Geboren 1944 in Edinburgh, hatte er das Glück, in den Jahren von 1967 bis 1970 in Paris zu sein (als Englischlehrer), wo die von Henri Langlois geleitete Cinémathèque Française ihm eine Art geistiger Heimat wurde. Dort sei er auch, wie er bekannte, „politisiert und erotisiert“ worden. Dort erlebte er im Februar 1968, wie die Proteste gegen die Langlois-Entlassung zum Fanal für die Mai-Revolte wurden. Historische und legendäre Ereignisse, die er in seinem autobiographischen Roman „Träumer“ (verfilmt von Bernardo Bertolucci 2003) festhielt.

Von seiner Cinephilie gibt Adair in „Flickers“ (1995), seinem Buch zur 100-Jahr-Feier des Kinos, das schönste Zeugnis. Für jedes der hundert Jahre seit 1895 stellt er seinen Lieblingsfilm vor, und das ist für 1942 natürlich nicht „Casablanca“, sondern Preston Sturges’ „Sullivans Reisen“. Ein herrliches Buch, das jeden auch nur ein wenig am Kino Interessierten sogleich zum glühenden Cinephilen macht. Es enthält Elogen u.a. auf Rohmer, Bergman, Hawks, Griffith, Truffaut, Straub, Jerry Lewis, Raoul Ruíz (mit dem Adair befreundet war), und verblüfft mit den immer neuen Perspektiven, aus denen die Filme beleuchtet werden.

In der für ihn typischen, das Paradox und die Pointe suchenden Manier schreibt er zu Godards „Außer Atem“: „Godard war der Erste darin, den Schnitt als eine Kunst eher der Diskontuinität als der Kontinuität aufzufassen.“ Wenn er sich für 1951 John Fords Western „Rio Grande“ vornimmt, erklärt er sein Staunen darüber, dass viele Western Muster und Codes von anderen, „dem Western eigentlich antithetischen Genres“ verwenden: „Zinnemanns ‚Zwölf Uhr mittags‘ ist mindestens so sehr urbaner Thriller wie Western, Nicholas Rays ‚Johnny Guitar‘ ist ein Melodram, Raoul Walshs ‚Verfolgt‘ ein film noir, und George Marshalls ‚Der große Bluff‘ eine screwball comedy.“

In Paris schrieb Adair seine ersten Filmkritiken, später auch Essays nach dem Vorbild von Roland Barthes’ „Mythen des Alltags“. Er lebte in London, seine Krimis machten ihn berühmt – „Blindband“ (verfilmt von Raoul Ruiz) war in Deutschland ein gefeierter Bestseller –; und eine Auswahl seiner Kolumnen erschien in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Wenn die Postmoderne zweimal klingelt“. Aus seiner „Single Takes“ Kolumne (Sight&Sound 1985) hier einige Merksätze und Aphorismen:

Beurteile niemals die Intelligenz eines Menschen nach seinem Filmgeschmack.

Im Britischen Kino finden sich viele wunderbare Schauspieler, aber es gibt eine Disziplin, die die meisten von ihnen nicht beherrschen: wie man nicht schauspielert.

Eine Meinung kann geteilt werden, eine Idee kann man nur stehlen.

Ich sehe Buster Keatons „The Navigator“ in einem Filmkunstkino und lache laut. Ein Nachbar ermahnt mich, nicht so laut zu sein. „Aber es ist eine Komödie“, antworte ich. „Es ist keine Komödie“, gibt er zurück, „es ist ein Klassiker!“

Das Kino war lunar (Schwarz-Weiß), jetzt ist es solar (Farbe).

Die Karriere eines Filmkritikers kennt drei Stadien. Erstens: Er ist begeistert, dass man ihn überhaupt bittet, über Filme zu schreiben, sodass die Frage der Entlohnung kaum zur Sprache kommt. Zweitens: Er kann sein Glück kaum fassen, dass er dafür bezahlt wird, über Filme zu schreiben. Drittens: Er ist außer sich vor Zorn, weil man ihm so wenig dafür zahlt, dass er über Filme schreibt.

Das Kino selbst wird kein Happyend haben.


(Foto aus Bernardo Bertoluccis Verfilmung von Gilbert Adairs "Die Träumer" (2003) © EuroVideo)

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