Der internationale Erfolg von „In die Sonne schauen“ hat sich auch bei den Nominierungen für den 76. Deutschen Filmpreis niedergeschlagen. Mit elf Nennungen darf das komplexe Vier-Zeitebenen-Drama von Mascha Schilinski als Favorit für die „Lolas“ gelten. Daneben hat die Deutsche Filmakademie mit der Bekanntgabe der „Lola“-Auswahl unter anderem auch die Filme „Gelbe Briefe“, „Amrum“ und „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gestärkt.
Fast exakt vor einem Jahr erlebte die deutsche Filmbranche am 10. April 2025 eine ihrer größten Feierstunden der jüngeren Zeit. Die sonst oft ernüchternd bis demütigend ausfallende Bekanntgabe der Filmauswahl in Cannes vermeldete mit „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski einen Beitrag im Wettbewerb, und auch die internationale Co-Produktion „Das Verschwinden des Josef Mengele“ mit August Diehl fand dort ihren Platz. Hinzukam die Weltpremiere von Fatih Akins „Amrum“ in einer Nebensektion. Eine willkommene Streicheleinheit für das deutsche Kino-Ego, die durch die begeisterte internationale Aufnahme von „In die Sonne schauen“ und den „Preis der Jury“ für Mascha Schilinski in Cannes überdies auch noch ein Happy End fand.
Der Nachhall von „In die Sonne schauen“, der sich im Kino zu einem respektablen Achtungserfolg mauserte, in viele Länder verkauft wurde und auf der Shortlist für den „Auslands-Oscar“ landete, war auch bei der Bekanntgabe der Nominierungen für den 76. Deutschen Filmpreis am 31. März 2026 deutlich zu spüren. Mit insgesamt elf Nominierungen geht Schilinski als hohe Favoritin ins Rennen um die „Lolas“, wobei neben den Nennungen als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch sowie für Claudia Geisler-Bading und Lena Urzendowsky als besten Nebendarstellerinnen außerdem auch die ausgeklügelte technische Zusammenarbeit von Kamera, Szenenbild, Kostümen, Schnitt, Ton und Maske bedacht wurde. Die Neigung der Akademie, einen Einzelfilm mit einem Preisregen zu überschütten, könnte durch die virtuose Erzählform des zwischen vier Zeitebenen springenden Werks nochmals gesteigert werden.
Erst der Bär, dann die Lola?
Bei den Konkurrenten für den Preis als bester Film finden sich mit „Amrum“ nach den Kindheitserinnerungen von Hark Bohm und „Das Verschwinden des Josef Mengele“ über den berüchtigten Nazi-Verbrecher auch die beiden anderen Cannes-Beiträge. Wichtigster Herausforderer von „In die Sonne schauen“ dürfte aber das insgesamt neun Mal nominierte Politdrama „Gelbe Briefe“ von Ilker Çatak sein, mit dem der Regisseur im Februar den „Goldenen Bären“ auf der Berlinale gewann. Çatak hatte bereits für „Das Lehrerzimmer“ mehrere „Lolas“ errungen; angesichts der aktuellen Entwicklung der Türkei zu einer Diktatur könnte bei „Gelbe Briefe“ auch das klare Bekenntnis des Films zur Kunstfreiheit das Votum beeinflussen. Komplettiert wird die Kategorie „Bester Spielfilm“ durch zwei Buchverfilmungen: „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ nach der autobiografischen Vorlage des Schauspielers Joachim Meyerhoff sowie „22 Bahnen“ nach dem Roman von Caroline Wahl.
Diese sechs Werke dominieren die 2026er-Auswahl der Deutschen Filmpreise. So treten „In die Sonne schauen“, „Gelbe Briefe“ und „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ sowohl in der Regie- als auch in der Drehbuch-Kategorie gegeneinander an. Tansu Biçer und Özgü Namal als Künstlerpaar im Zwiespalt zwischen Anpassung und Widerstand sind für „Gelbe Briefe“ als Darsteller nominiert, ebenso wie Bruno Alexander als junger Meyerhoff und seine Film-Großeltern Senta Berger – die allererste „Lola“-Nominierung der 84-jährigen Aktrice – und Michael Wittenborn. Berücksichtigt wurden auch August Diehl in seiner Transformation zu Josef Mengele sowie mit Luna Wedler, Laura Tonke und Jannis Niewöhner das Schauspieltrio aus „22 Bahnen“.
Eine Überraschung ist vor allem das Getümmel bei den männlichen Nebendarstellern, wo gleich fünf Akteure gegeneinander antreten: Neben Wittenborn und Niewöhner sind mit Peter Kurth und Thorsten Merten auch zwei Darsteller aus der Komödie „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ sowie Leonard Kunz für seine Rolle in dem Weltkriegsdrama „Der Tiger“ nominiert.
Lücken bei Kritikerfavoriten und Kassenhits
Ansonsten muss sich „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“, der letzte Film des kurz nach Drehende verstorbenen Regisseurs Wolfgang Becker, mit einer weiteren Nominierung für seine Musik begnügen. Gänzlich außen vor bleiben der frühere „Lola“-Dauerkandidat Christian Petzold mit „Miroirs No. 3“ sowie weitere Kritikerfavoriten wie „Rote Sterne überm Feld“, „Der Fleck“ oder „Sehnsucht in Sangerhausen“. Aber auch das kommerziell erfolgreiche Kino findet sich in der Auswahl kaum wieder. Eine Ausnahme bildet der Preis für die Visuellen Effekte, wo mit „Die Schule der magischen Tiere 4“, „Momo“ und „Woodwalkers 2“ gleich drei Kinderfilme im Wettstreit gegeneinander stehen und sich vielleicht ein Trostpreis für die „Magische Tiere“-Reihe anbietet, deren drei erste Teile jeweils als „Besucherstärkster Film“ gewonnen haben. Für 2026 steht in dieser Kategorie bereits ein anderer Film fest: Michael Bully Herbigs „Das Kanu des Manitu“.
Als „Bester Kinderfilm“ konkurrieren zwei Produktionen jenseits des Mainstreams: „Das geheime Stockwerk“ von Norbert Lechner setzt die Berücksichtigung der inhaltlich ambitionierten Filme des Labels „Der besondere Kinderfilm“ fort, und „Zirkuskind“ von Anna Koch ist ein dokumentarischer Glücksgriff, weil der Film nicht nur um Kinder als Protagonisten kreist, sondern einem jungen Publikum gekonnt entgegenkommt.
Als „erwachsene“ Dokumentarfilme wählten die Mitglieder der Akademie „Im Prinzip Familie“ über eine Wohngruppe für Kinder aus schwierigen Verhältnissen, „Soldaten des Lichts“ über die Verflechtung von Influencern und Reichsbürgern sowie „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“ über die US-Schriftstellerin.
Schon bekanntgegeben wurde neben der Auszeichnung für die kommerzielle Leistung von „Das Kanu des Manitu“ auch der Ehrenpreis für Wim Wenders – dessen Überfälligkeit noch mehr ins Auge sticht als bei spät bedachten „Vorgängern“ wie Volker Schlöndorff (2023) oder Edgar Reitz (2020). Verliehen wird der Preis am 29. Mai im Palais am Funkturm in Berlin; die Gala wird erneut von dem Schauspieler und Musiker Christian Friedel moderiert.
Die Nominierungen im Überblick
Bester Spielfilm
22 Bahnen
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Amrum
Gelbe Briefe
In die Sonne schauen
Das Verschwinden des Josef Mengele
Bester Dokumentarfilm
Im Prinzip Familie
Siri Hustvedt – Dance Around the Self
Soldaten des Lichts
Bester Kinderfilm
Das geheime Stockwerk
Zirkuskind
Beste Regie
Ilker Çatak für „Gelbe Briefe“
Mascha Schilinski für „In die Sonne schauen“
Simon Verhoeven für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Bestes Drehbuch
Simon Verhoeven für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Ilker Çatak, Ayda Meryem Çatak, Enis Köstepen für „Gelbe Briefe“
Mascha Schilinski, Louise Peter für „In die Sonne schauen“
Beste weibliche Hauptrolle
Senta Berger für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Özgü Namal für „Gelbe Briefe“
Luna Wedler für „22 Bahnen“
Beste männliche Hauptrolle
Bruno Alexander für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Tansu Biçer für „Gelbe Briefe“
August Diehl für „Das Verschwinden des Josef Mengele“
Beste weibliche Nebenrolle
Claudia Geisler-Bading für „In die Sonne schauen“
Laura Tonke für „22 Bahnen“
Lena Urzendowsky für „In die Sonne schauen“
Beste männliche Nebenrolle
Leonard Kunz für „Der Tiger“
Peter Kurth für „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“
Thorsten Merten für „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“
Jannis Niewöhner für „22 Bahnen“
Michael Wittenborn für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Beste Kamera/Bildgestaltung
Karl Walter Lindenlaub für „Amrum“
Judith Kaufmann für „Gelbe Briefe“
Fabian Gamper für „In die Sonne schauen“
Wladislaw Opeljants für „Das Verschwinden des Josef Mengele“
Bester Schnitt
Gesa Jäger für „Gelbe Briefe“
Evelyn Rack für „In die Sonne schauen“
Maxine Goedicke für „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“
Beste Tongestaltung
Eckhard Kuchenbecker, Dominik Schleier, Nico Krebs, Christoph Merkele, Hanse Warns für „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Joern Martens, Tobias Fleig, Corinna Fleig, Richard Borowski für „Amrum“
Claudio Demel, Billie Mind, Kai Tebbel, Sebastian Heyser, Jürgen Schulz für „In die Sonne schauen“
Jacques Kieffer, Tobias Koch, Bertin Molz für „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“
David Almeida-Ribeiro, Olivier Touche, Olivier Goinard für „Das Verschwinden des Josef Mengele“
Beste Filmmusik
Dascha Dauenhauer für „22 Bahnen“
Stefan Götsch alias Hainbach für „Amrum“
Marvin Miller für „Gelbe Briefe“
Lorenz Dangel für „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“
Bestes Szenenbild
Zazie Knepper für „Gelbe Briefe“
Cosima Vellenzer, Maike Kiefer für „In die Sonne schauen“
Wladislaw Ogaj für „Das Verschwinden des Josef Mengele“
Bestes Kostümbild
Birgit Missal für „Amrum“
Sabrina Krämer für „In die Sonne schauen“
Tatiana Dolmatowskaja für „Das Verschwinden des Josef Mengele“
Bestes Maskenbild
Maike Heinlein für „Amrum“
Anne-Marie Walther, Irina Schwarz für „In die Sonne schauen“
Mariia Tutukina für „Das Verschwinden des Josef Mengele“
Beste visuelle Effekte
Michael Wortmann, Frank Schlegel für „Momo“
Tomer Eshed, Dennis Rettkowski, Frank Kaminski für „Die Schule der magischen Tiere 4“
Max Riess, Mona Mohr für „Woodwalkers 2“
Ehrenpreis
Wim Wenders
Besucherstärkster Film
Das Kanu des Manitu