Chronos - Fluss der Zeit

Dokumentarfilm | Deutschland 2026 | 207 Minuten

Regie: Volker Koepp

Seit 1972, inspiriert durch die literarischen Landschaftsbeschreibungen des Dichters Johannes Bobrowski, bereist und dokumentiert Volker Koepp den historischen Landschaftsraum zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, in der Spätantike „Sarmatien“ genannt. Anfang der 2020er-Jahre kehrt der große Chronist in die von unterschiedlichen Kulturen und Zugehörigkeiten geprägte Region zurück, in der nationalsozialistischer Terror und stalinistische Verfolgung tiefe Spuren hinterlassen haben. Gespräche mit alten Weggefährtinnen und neue Stimmen verbinden sich mit der Rückschau auf das eigene Werk, das nicht zuletzt durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine neue Aktualität erfährt. Eine tief bewegende Betrachtung von Geschichte als Zeitschichtengebilde und Strom. - Sehenswert ab 14.
Zur Filmkritik Im Kino sehen

Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2026
Produktionsfirma
Vineta Film
Regie
Volker Koepp
Buch
Volker Koepp
Kamera
Uwe Mann · Thomas Plenert · Christian Lehmann
Schnitt
Christoph Krüger
Länge
207 Minuten
Kinostart
12.03.2026
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Externe Links
IMDb | TMDB

Eine Rückkehr des Dokumentaristen Volker Koepp in den Landschaftsraum zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, in dem er angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine einmal mehr nach den Spuren von nationalsozialistischem Terror und Stalinismus fragt.

Veröffentlicht am
11.03.2026 - 11:23:06
Diskussion

„Ja, und die Gegenwart?“, fragt Volker Koepp einen Bauern, dem er 2016 im litauischen Heydekrug (Šilutė) begegnet. „Ist gespannt … ernst. Nur kein Krieg, Leute“, sagt der alte Mann tief besorgt. Sieben Jahre später laufen auf einer digitalen Anzeigentafel in Czernowitz Bilder von Soldaten, die im Krieg in der Ukraine gefallen sind. Auf den leergefegten Straßen der Stadt ertönt Sirenenalarm.

Seit 1972, inspiriert durch die literarischen Landschaftsbeschreibungen des Dichters Johannes Bobrowski („Sarmatische Zeit“), bereist und dokumentiert Volker Koepp den historischen Landschaftsraum zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, Sammelbecken unterschiedlicher Kulturen und Zugehörigkeiten. In Filmen wie „Grüße aus Sarmatien (Für den Dichter Johannes Bobrowski)“ (1973), „Kalte Heimat“ (1994) oder „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ (1999) wird die in der Spätantike Sarmatien genannte Region, in der heute die Länder Moldawien, Weißrussland, Litauen und die Ukraine liegen, als geschichtlicher wie gegenwärtiger Raum lebendig.

Zeitschichtengebilde und Strom

Die Menschen, denen Koepp begegnet, erzählen von ihrem Alltag, dem Heute und dem Früher. Sichtbar wirken die Folgen von nationalsozialistischer Vernichtung und stalinistischer Verfolgung in der Gegenwart fort, unter anderem zeigen sie sich in Form verlassener Ortschaften, zerrissener Identitäten und Migrationsbewegungen. Dass der Koepp-Zyklus Geschichte als „Work in Progress“ erkundet, als Zeitschichtengebilde und Strom, offenbart sich heute deutlicher denn je. Kurz nachdem „In Sarmatien“ (2013) in die Kinos kam, brachte Russland mit der Annexion der Krim den Krieg zurück in die Mitte Europas.

Als Koepp im Jahr 2021 für ein neues Filmprojekt an den Ursprung seiner Beschäftigung, die Memel, zurückkehrte (im Altgriechischen Chronos genannt und gleichbedeutend mit Zeit), waren große Teile des angrenzenden Kaliningrader Gebiets schon nicht mehr erreichbar. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine erfolgte während Dreharbeiten, die eigentlich schon längst beendet sein sollten, „Chronos – Fluss der Zeit“ wurde zum ungewollten „Langzeitprojekt“. Nie zuvor hat sich ein Schock, eine Erschütterung, ein Entsetzen so unmittelbar in einen Koepp-Film hineingeschrieben.

Neuen Stimmen Raum gegeben

Koepp sucht alte Weggefährtinnen wie die ukrainische Übersetzerin Tanja Kloubert und die moldawische Regisseurin Ana-Felicia Scutelnicu auf und gibt neuen Stimmen wie der belarussischen Schriftstellerin Volha Hapeyeva Raum, seit der brutalen Niederschlagung des Protests der Frauen lebt sie an verschiedenen Orten im Exil. An der Isar in München spricht sie über die Bewegung als basales Element von Flüssen, Lyrik und Geschichte. Tanja Kloubert, die Koepp im Jahr 2000 bei einer Veranstaltung für die Dichterin Rose Ausländer in Czernowitz kennenlernte, lebt inzwischen in Augsburg. Schon bei ihrem Promotionsprojekt zur Aufarbeitung der Vergangenheit habe sie bei Recherchereisen eine Umschreibung der russischen Geschichtsschreibung festgestellt – wenn etwa im einzigen Gulag-Museum des Landes die Wächter plötzlich als Verteidiger des Staates dastehen, während die Opfer politischer Verfolgung als kriminelle Elemente diskreditiert werden.

Neun Tage nach Ausbruch des Krieges spricht sie auf dem Marktplatz in Augsburg, am 28. Tag in der Akademie der Künste in Berlin („wir zählen in Tagen“). Volker Koepps „In Sarmatien“ wird dort gezeigt, in Anwesenheit auch von zwei Freundinnen Tanjas, die im damaligen Film trotz Sorge um den wachsenden Druck durch Russland eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlten. Sie stehen sichtbar unter Schock, erst vor wenigen Tagen sind sie aus der Ukraine geflüchtet. Das Nicht-Begreifen-Können ist auch Koepp deutlich anzumerken, der für eine tröstende Umarmung einmal seinen Platz hinter der Kamera verlässt.

Eine einschneidende Zäsur

Auch im Berliner Kino Krokodil wird „In Sarmatien“ wiederaufgeführt. Für das Betreiberpaar Gabriel Hageni und Debora Fiora bedeutete der Ausbruch des Krieges eine einschneidende Zäsur. Nachdenklich sprechen sie über den Verlust vermeintlicher Gewissheiten und die Herausforderungen, die die politischen Entwicklungen auch für die Programmarbeit bedeuten. „Filme aus Russland und Osteuropa“ hieß das Konzept einmal, inzwischen wurde es in „Filme aus Mittel- und Osteuropa“ umbenannt.

Tiefe Spuren in „Chronos“ hat auch der 7. Oktober 2023 hinterlassen – etwa im Gespräch mit Anetta Kahane, der Publizistin und Gründerin der Amadeu Antonius Stiftung, die mit Projekten und Initiativen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus kämpft. Das Massaker der Hamas an Jüdinnen und Juden lässt auch Momentaufnahmen aus Koepps früheren Filmen wie „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ näher an die Gegenwart rücken. In einer Szene tritt die Holocaust-Überlebende Rosa Liebermann als einzig verbliebene jüdische Bewohnerin ihres Dorfes vor die Kamera. Auf dem Friedhof in Waschkoutz weint die alte Frau am Grab ihres Vaters bittere Tränen: „Ich bin allein geblieben wie ein Stein.“

Kommentar verfassen

Kommentieren