Herr Zwilling und Frau Zuckermann

- | Deutschland 1999 | 132 Minuten

Regie: Volker Koepp

Das Porträt zweier hochbetagter deutschstämmiger Juden in Czernowitz, einer fast schon untergegangenen, durch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte im 20. Jahrhundert weithin vergessenen deutschsprachigen Kulturlandschaft in der westukrainischen Bukowina. Die beiden Überlebenden des Holocaust pflegen ihre innige Freundschaft und lassen in ihren Erinnerungen eine versunkene Welt wieder auferstehen. Eindrucksvoll fängt der Dokumentarfilm ihre Erinnerungen ein, wobei er bei aller Nähe zu den beiden alten Menschen stets die notwendige Distanz wahrt, um sie nicht der bloßen Schaulust preiszugeben. Intensiv macht er ihre Lebensneugier erfahrbar und verknüpft sie ebenso beiläufig wie amüsant mit episodischen Einblicken in das sich wieder regende Leben in der jüdischen Gemeinde. (O.m.d.U.) - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
1999
Regie
Volker Koepp
Buch
Volker Koepp · Barbara Frankenstein
Kamera
Thomas Plenert
Schnitt
Angelika Arnold
Länge
132 Minuten
Kinostart
30.05.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Diskussion
Eine singuläre, zugleich bestürzende und erheiternde Entdeckung mit kathartischer Wirkung ist Volker Koepps Doppelporträt des traurigen Herrn Zwilling und der unverwüstlichen Frau Zuckermann. Koepp gelang es mit dieser einfühlsamen Charakterstudie zweier Menschen, die sich trotz des erlebten Elends ihre bewunderswerte Eigenwilligkeit bewahrt haben, eindrucksvoll, außerordentliche Schicksale in einer bewegten Geschichtslandschaft einzufangen. Daß er dabei Maßstäbe im dokumentarischen Bereich setzen konnte, verdankt Koepp nicht zuletzt auch der glücklichen Fügung, die richtigen Personen gefunden zu haben, was Krzysztof Kieslowski, dessen Wurzeln im Dokumentarfilm lagen, einmal als „Wink Gottes“ im Leben eines Dokumentaristen bezeichnete. Denn die beiden Protagonisten repräsentieren auf bemerkenswerte Weise die letzten Juden von Czernowitz, einer fast schon untergegangenen, durch die Irrungen und Wirrungen der Geschichte im 20. Jahrhundert zumindest weithin in Vergessenheit geratenen deutschsprachigen Kulturlandschaft in der westukrainischen Bukowina. In diesem multikulturellen Babylon Galiziens lebten einst Ukrainer, Polen, Rumänen, Deutsche und Juden miteinander – ein Vielvölkergemisch mit wechselnder Obrigkeit: Bis zum Ersten Weltkrieg war Bukowina ein Kronland Österreich-Ungarns, dann kam es zu Rumänien, nach dem Hitler-Stalin-Pakt gehörte es schließlich zur Sowjetunion. Während der deutschen Besatzung wüteten hier zusammen mit den Deutschen die Rumänen. Heute liegt Bukowina in der Ukraine. Einst Zentrum der jüdischen Kultur mit einem über 50prozentigen Bevölkerungsanteil, ist Czernowitz zum Synonym einer versunkenen Welt geworden, die der Dichter Paul Celan als eine Gegend, „in der Menschen und Bücher lebten“, literarisch für die Nachwelt in seinen Erinnerungen erretten wollte.

Bereits in „Kalte Heimat“, einem Film über die Menschen und die Landschaft Ostpreußens, fragte Koepp nach dem Zusammenleben verschiedener Nationalitäten in der verlorenen Heimat des Dichters Johannes Bobrowski, die heute, nach dem Ende der Sowjetunion, erneut zu einem Schnittpunkt von Migrationssbewegungen geworden ist. „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ ist einem ähnlichen Impuls entsprungen, und obwohl Koepp auf den Spuren Paul Celans nach Czernowitz reiste, nahm sein Filmprojekt wie damals eine andere Richtung, weil er sich auch diesmal mehr für die dort lebenden Menschen interessierte als für eine retrospektivische Betrachtung. Daß er mit seinen beiden betagten Gesprächspartnern ebenso liebenswürdige wie scharfsinnige Zeitzeugen gefunden hat, macht den besonderen Reiz dieses geistreichen Films aus, der die Geschichte an Hand individueller Erfahrungen nicht nur begreifbar, sondern auch lebendig macht.

Zwischen der glanzvollen Vergangenheit der k.u.k.-Monarchie, wovon prächtige Bauten in Czernowitz ein Zeugnis ablegen, und der tristen postkommunistischen Gegenwart liegt die Ausrottung fast aller jüdischen Bürger der Stadt. „Daß ich einem Deutschen mal zuhören und ihm die Hand geben würde – wer das vor 50 Jahren zu mir gesagt hätte, den hätte ich umgebracht“, bekennt die energische, unerschrockene Frau Zuckermann mit Bestimmtheit, aber ohne Groll. Sie ist die einzige Überlebende ihrer Familie, die noch berichten kann: In nur wenigen Tagen sah Frau Zuckermann Vater, Mutter, Ehemann und ihren kleinen Sohn im Schweinekoben eines Lagers in Transnistrien sterben. Dennoch hat die Lehrerin die deutsche Sprache in der ukrainisch geprägten Umgebung nicht aufgegeben. Das verbindet sie mit Herrn Zwilling ebenso wie eine innige Freundschaft. Der 70jährige Berufsschullehrer entstammt einer Medizinerfamilie und verpaßte bei Kriegsende die letzte Passage nach Palästina. Als Zionist konnte er sich nur mit fingierten Papieren vor einer Deportation in den sowjetischen Gulag retten. Jeden Abend zwischen sechs und sieben kommt der eingefleischte Melancholiker bei Frau Zuckermann, die ihn liebevoll „meinen Ritter vom traurigen Angesicht“ nennt, mit einer Hiobsbotschaft vorbei. Da heißt es für sie wider besseres Wissen nur noch: das Prinzip Hoffnung. Wenn die weise Greisin in ihrem Stuhl wippt und auf die Frage hin, was die Zukunft bringen mag, versichert, einen Hitler und Stalin wird es wohl nicht mehr geben, unterläuft der notorische Pessimist erwartungsgemäß ihren unverbesserlichen Optimismus und sagt einen besonders harten Winter voraus.

In einer Mischung aus Sarkasmus, Trotz und Abgeklärtheit erzählt die quirlige 90jährige von ihren traumatischen Erlebnissen und demonstriert unbändige Lebensneugier und Geistesgegenwart, wenn sie im vollen Bewußtsein, gefilmt zu werden, mit einem Seitenblick in die Kamera des neuen Bundeskanzlers wegen gratuliert. Es macht genau die Qualität der Herangehensweise von Koepp aus, daß er der charmanten, in ihrer Originalität umwerfenden Frau Zuckermann, aber auch dem verschlossen-mimosenhaften Herrn Zwilling in langen, oft statischen Einstellungen genug Zeit und Raum läßt, um Nähe und authentische Regungen zu ermöglichen, was seinen Film so leichtfüßig und beschwingt macht. Aber nicht zuletzt dank seinem kongenialen Kameramann Thomas Plenert gelingt es Koepp auch, die notwendige beobachtende Distanz zu wahren, um seine Protagonisten nicht der bloßen Schaulust preiszugeben. Heute erteilt Frau Zuckermann trotz ihrer 90 Jahre Kindern auswanderungswilliger Russen und Juden Englisch-Unterricht, um ihre sporadisch ausgezahlte Rente aufzubessern. Auch die Chemie-Kenntnisse von Herrn Zwilling, der seit acht Monaten kein Gehalt mehr bekommt, werden seine Studenten vielleicht nur im Ausland gebrauchen können. Die desolate wirtschaftliche Lage treibt die Menschen außer Landes. Auf den Streifzügen durch die Stadt besucht Herr Zwilling das ehemalige jüdische Kulturhaus, in dem eine Klinik untergebracht ist. Nach 1945 wurden hier in dem Treppengelände, das mittlerweile wiederhergestellt ist, an den Davidsternen je zwei Zacken abgesägt, um die alten Spuren des jüdischen Lebens zu verwischen. Der Ausflug in ein umliegendes Dorf führt Koepp zu der betagten Rosa Liebermann. Ihre Familie fiel dem Racheakt eines rumänischen Bauern aus der Nachbarschaft zum Opfer, der sich die Not der Juden zunutze machte, um sich selbst während des Krieges zu bereichern. Da werden auch manche aktuelle Reminiszenzen wach.

Mit diesen Erinnerungen verknüpfen Koepp und Plenert episodische Einblicke in das sich seit dem Ende der Sowjetunion wieder regende Leben der jüdischen Gemeinde. Dabei gelingen ihnen ganz beiläufig amüsante Beobachtungen, wie in der Synagoge von Czernowitz, wo der Versuch zweier Männer, über der Thora-Nische eine Neonröhre anzubringen, slapstickartige Dynamik erlangt. Einmal schweift der Blick der Kamera auch über den großen jüdischen Friedhof, als Herr Zwilling das Grab seiner Familie besucht. Nach der Beendigung der Dreharbeiten sind dort 80 jüdische Grabsteine zerstört worden. „Der Film ist so etwas wie ein Fazit“, sagt Koepp. „Frau Zuckermann hat in diesem Jahrhundert 90 Jahre durchschritten, und es wird deutlich, daß es ein elendes, trauriges Jahrhundert war.“
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