Die Auswahl des 79. Filmfestivals in Cannes (12.-23.5.2026) holt die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach mit „Das geträumte Abenteuer“ in den Wettbewerb, wo sie unter anderem mit neuen Filmen von Andrey Zvyagintsev, Pedro Almodóvar, Marie Kreutzer und Pawel Pawlikowskis „Vaterland“ über Thomas und Erika Mann konkurriert. Premiere feiert in Cannes auch Volker Schlöndorff mit „Heimsuchung“. Während große US-Produktionen fehlen, setzt Cannes auf jüngere Autorenfilmer und hat das osteuropäische Kino wieder mehr im Blick.
Sie machen es spannend bei der knapp einstündigen Pressekonferenz. Zunächst Iris Knobloch, die aus Deutschland kommende Präsidentin des Festivals, die sich etwas salbungsvoll in aktuellen Diskursen versucht. Cannes sei „die Festung im Sturm“, der (H)Ort des Kinos, aber man „drehe sich dort eben nicht nach dem Wind“. Nach fast 15 Minuten darf dann ein aufgeräumter Thierry Frémaux erst einmal in numerischen Superlativen schwelgen, vergleicht sein Festival auch einmal kurz mit Olympia. 2541 Filme aus 141 Ländern wurden dieses Jahr eingereicht, das sind 1000 mehr als noch vor 10 Jahren.
Bereits in seinem Einstieg weist Thierry Frémaux auf die veränderte Filmlandschaft hin und warnt schon einmal vor, dass es durchaus amerikanische Filme im Programm von Cannes gäbe, aber kaum Studiofilme der Majors. Dafür werden Dokumentar- und Animationsfilme in Cannes immer zahlreicher. Die Nebensektion „Un Certain Regard“ konzentriert sich mehr und mehr auf Debütfilme und noch unbekanntere Namen. Erstmalig überhaupt in Cannes dabei ist ein Film aus Costa Rica, aber auch Lettland sowie Ruanda mit einem Film über Versöhnung nach dem Völkermord sind vertreten. Eröffnet wird die Reihe mit einem amerikanischen Independentfilm: „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ von Jane Schoenbrun, der als Slasher-Horrorfilm in einem Sommerlager angekündigt wird. Ebenfalls in dieser Sektion dabei sind die deutsche Regisseurin Katharina Rivilis mit ihrem ersten Spielfilm „I’ll Be Gone in June“ und die an der Filmakademie Baden-Württemberg ausgebildete Österreicherin Sandra Wollner mit „Everytime“.
Große Namen bei den „Special Screenings“
In der Sektion „Special Screenings“ finden sich die ersten großen Namen. Steven Soderbergh ist nach jahrelanger Abwesenheit wieder mit dem Dokumentarfilm „John Lennon – The Last Interview“ in Cannes dabei. Ebenso Ron Howard, der in der Doku „Avedon“ den Fotografen Richard Avedon porträtiert. „Les survivants du Ché“ von Christophe Réveille erinnert, mit Benico del Toro als Erzähler, daran, dass nach der Ermordung von Ernesto „Che“ Guevara andere Genossen aus Bolivien fliehen konnten, während der Franzose Régis Debray bereits verhaftet war. Er wurde für den Film auch interviewt.
In der Sektion „Cannes Premiere“ wird Hollywood-Star John Travolta als Regisseur mit „Propeller One-Way Night Coach“ dabei sein. Der begeisterte Flieger und Pilot erinnert sich dabei an seinen ersten Flug mit einer Maschine der Trans World Airlines. Viel Raum widmet Thierry Frémaux bei der Programmpräsentation auch Volker Schlöndorff, der seine Verfilmung des Romans „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck in Cannes zeigen wird. Es gehe dort um die Geschichte Deutschlands, referiert der Franzose, ähnlich wie bei Fatih Akins „Amrum“ im Vorjahr oder Wim Wenders’ Film über Anselm Kiefer vor zwei Jahren.
Geschichtsfilme und aktuelle politische Ereignisse finden sich auch bei den Filmen „außer Konkurrenz“ und im Wettbewerb. Ein zweiteiliges De-Gaulle-Biopic feiert mit dem ersten Teil „L’age de fer“ Premiere. Ein Film über die Vichy-Zeit findet sich auch im Wettbewerb wieder mit „Notre Salut“ des Belgiers Emmanuel Marre.
Filmbiografien über Jean Moulin und Thomas & Erika Mann
Ebenfalls im Wettbewerb zeigt der ungarische Regisseur László Nemes, der 2015 in Cannes mit „Son of Saul“ entdeckt wurde, „Moulin“. Der Film kreist um Jean Moulin, einen der wichtigsten französischen Widerstandskämpfer. Die Hauptrolle spielt Gilles Lellouche. Man darf gespannt sein, wie ein Biopic bei László Nemes aussehen wird und ob der Ungar für sein französischsprachiges Debüt seinen sehr eigenwilligen Regiestil gewechselt hat.
Der Pole und Kosmopolit Pawel Pawlikowski, der einen Großteil seines Lebens in England verbrachte, aber auch eine Weile bei seinem Vater in Deutschland lebte, widmet sich in „Vaterland“ Thomas und Erika Mann. 1949 unternahmen diese ihre erste Reise nach Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, als Thomas Mann in Weimar den „Goethe-Preis“ bekam. Hanns Zischler und Sandra Hüller spielen Vater und Tochter. „Vaterland“ wurde erneut in Schwarz-weiß von Pawlikowskis Stamm-Kameramann Łukasz Żal gefilmt, der auch für die betörenden Bilder in „Ida“ und „Cold War“ verantwortlich war.
Gerade die großen Namen des osteuropäischen Kinos sind in diesem Jahr prominent in der wichtigsten Festivalsektion vertreten. Neben Pawlikowski und Nemes auch der Rumäne Cristian Mungiu, der mit „Fjord“ einen Film in Norwegen drehte. Ebenso gehört der nicht mehr in Russland lebende Andrey Zvyagintsev dazu, der mit „Minotaur“ nach Cannes zurückkehrt ist, wo er einst mit Filmen wie „Die Rückkehr“ oder „Leviathan“ entdeckt und gefeiert wurde. Sein neues Werk könnte sein bisher politischster Film werden. Es geht um die russische Bourgeoisie und ihr Verhalten bei der Einberufung zum Ukraine-Krieg. Thierry Frémaux schwärmte aber auch darüber, dass Zvyagintsevs Film eine Art Remake von Claude Chabrols „Die untreue Frau“ sei.
Historisches im Wettbewerb kommt auch aus Spanien und Belgien. Der immer noch junge flämische Filmemacher Lukas Dhont hat mit „Coward“ einen Film gedreht, der 1914 im Ersten Weltkrieg angesiedelt ist und sich farblich am damals schon vorhandenen Farbfilmmaterial im Autochrome-Verfahren orientiert, das die Brüder Lumière bereits 1903 entwickelt hatten. Penélope Cruz ist in „La Bola Negra“ zu sehen, einem spanischen Film über den Dichter García Lorca von Javier Ambrossi and Javier Calvo. .
Wettbewerb mit Valeska Grisebach und Marie Kreutzer
Fünf Regisseurinnen sind im Wettbewerb vertreten, darunter die Österreicherin Marie Kreutzer mit „Gentle Monster“, in dem Léa Seydoux und Catherine Deneuve mitspielen, und erstmalig auch die deutsche Filmemacherin Valeska Grisebach mit „Das geträumte Abenteuer“. Seit „Western“ (2017) hatte diese keinen Film mehr gedreht. Ihr neues Werk spielt wie „Western“ in Bulgarien.
Große Autorenfilmer runden den Wettbewerb ab. Darunter sind „Sheep in the Box“ von Hirokazu Kore-eda, der 2018 für „Shoplifters“ die „Goldene Palme“ gewann, und die in Frankreich gedrehten Filme „All of a Sudden“ vom Japaner Ryusuke Hamaguchi und „Parallel Tales“ vom Iraner Asghar Farhadi. Erneut bekommt auch Altmeister Pedro Almodóvar mit „Bitteres Fest“ die Chance, in Cannes mit dem Hauptpreis ausgezeichnet zu werden. In Spanien läuft sein neues Werk bereits erfolgreich in den Kinos. Aber für den großen Almodóvar verzichtet sogar Thierry Frémaux schon mal auf eine Weltpremiere und begnügt sich mit der „Internationalen Premiere“.
Hinweis
Eine Übersicht über alle bisher bekannten Filme beim 79. Festival de Cannes findet sich hier.