Abbildung aus Posy Simmonds Kinderbuch "Fred"
Abbildung aus Posy Simmonds Kinderbuch "Fred" (© Reprodukt)

Ein Interview mit der Comic-Künstlerin Posy Simmonds

Interview mit Posy Simmonds, der 80-jährigen Grande Dame der britischen Comic-Kunst, die beim Comic-Salon Erlangen für ihr Lebenswerk geehrt wurde

Veröffentlicht am
20.06.2026 - 17:47:16
Diskussion

Die 80-jährige Comic-Künstlerin Posy Simmonds ist in England schon lange eine Ikone der grafischen Erzählkunst. Auch hierzulande hat sie dank ihrer Kinderbücher und der deutschsprachigen Veröffentlichung ihrer Graphic Novels „Tamara Drewe“, „Gemma Bovery“ und „Cassandra Darke“ sowie der Verfilmungen ihrer Werke eine treue Fangemeinde. Beim Comic-Salon Erlangen wurde sie für ihr Lebenswerk geehrt.

 

Sie haben in den frühen 1960er-Jahren als Illustratorin und Cartoonistin begonnen. Aufgewachsen sind Sie auf dem Land, auf einem Milchhof. Wie war Ihr Verhältnis zu Comics in Ihrer Kindheit und Jugend? Gab es eine spezielle Inspiration, ein Vorbild?

Posy Simmonds: Wir durften zuhause Comics lesen, aber Comics waren für Kinder, und es wurde erwartet, dass man da herauswächst. Auf der weiterführenden Schule durften wir sie dann nicht mehr lesen, man sollte Bücher lesen. Ich las auch englische Comics, aber kurz nach dem Krieg waren noch viele US-Amerikaner bei uns stationiert, deren Kinder auch in meine Schule gingen. Die Amerikaner hatten nicht nur diese riesigen Autos und Coca Cola, sondern auch Comics. Ein Freund fragte mich, ob ich seine Comics haben möchte, wenn er sie gelesen habe. Klar wollte ich das! Und so hatte ich eine riesige Sammlung mit 1950er-Jahre-Comics … Superman, Spider-Man, Mickey Mouse oder Donald Duck … auch Horrorcomics, die ich wohl nicht hätte lesen sollen (lacht). Zu der Zeit habe ich auch meine ersten eigenen Comics gezeichnet. Wenn ich einen Proust’schen „Madeleine-Moment“ hätte, dann wäre es an einem sonnigen Tag im Gras zu liegen mit einem amerikanischen Comic auf meinem Gesicht und dem Geruch der Druckertinte in der Nase.

 

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Sie haben in Paris Kunst und in London Graphic Design studiert. Warum hat es Sie weder zur Malerei noch zur Werbung getrieben?

Simmonds: Das war mit 17, und ich wollte Französisch lernen und meinem strengen Internat entfliehen. Ich kam ja vom Land und hatte nie in einer Stadt gelebt, das war sehr aufregend! Ich hatte ein Interesse fürs Malen, aber als ich nach London ging, habe ich mich sehr fürs Zeichnen und fürs Schreiben interessiert. Graphic Design war zu der Zeit vor allem Typografie. Mich hat die Illustration mehr interessiert, aber die Typografie hat mich damals schon auf das Handlettering in den Sprechblasen vorbereitet.

Posy Simmonds
Posy Simmonds (© IMAGO/Renaud Monfourny)

 

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?

Simmonds: Man rennt mit seinem Portfolio zu den Zeitungen und Verlegern. 1969 habe ich das wochenlang ohne Erfolg gemacht und stattdessen Häuser geputzt, Babys gehütet, Hunde ausgeführt. „The Times“ fragte dann sehr spontan, ob ich eine Vertretung machen kann. Ich war natürlich sehr aufgeregt. Es war 14 Uhr, und sie brauchten bis 17 Uhr fünf Zeichnungen für einen Artikel. Am nächsten Morgen hat meine Mutter fünf Ausgaben der Zeitung gekauft! Ab 1972 habe ich dann als Freelancer für den „Guardian“ gezeichnet, wann immer aus layouttechnischen Gründen Platz frei wurde. Format und Ressort änderten sich ständig, sodass das für mich eine gute Übung war, schnell zu arbeiten. Solche Jobs gibt es in Zeiten von KI leider nicht mehr ...

 

Im deutschsprachigen Raum hat man Ihre Arbeit erst ab 2010 durch die drei Graphic Novels kennengelernt. Wir wissen also so gut wie nichts über Ihre Arbeit in den 1970er- und 1980er-Jahren und Serien wie „The Silent Three of St. Botolph’s“ oder Kinderbüchern wie „Fred“ um das geheime Leben eines Katers, das gerade auf Deutsch erschienen ist...

Simmonds: Ja, meine Karriere spaltet sich in zwei Teile. Der zweite Teil begann mit der Serie „Gemma Bovery“. 100 Tage lang wurde je eine Episode im „Guardian“ veröffentlicht – über vier Monate.

Aus Simmonds Kinderbuch "Fred"
Aus Simmonds Kinderbuch "Fred" (© Reprodukt)

 

Jeden Tag …?

Simmonds: Ja, das hat mich beinahe umgebracht ... Ich hatte ein paar im Voraus gemacht, und daher war ich teilweise sogar eine Woche voraus. Von 1977 bis 1987 hatte ich ja „The Silent Three of St. Botolph’s“, eine Serie über eine Familie gemacht, in der sich viel wiederholt hat – es gab wenig Veränderung. Als ich dann sagte, dass ich eine Story mit Anfang und Ende machen will, hat man mir diese 100 Episoden versprochen, allerdings in einem ungewöhnlich schmalen Hochformat. Das Thema fand ich in einem Urlaub, wo uns eine Frau an Madame Bovary erinnerte. Zu der Zeit haben viele Engländer in der Normandie Häuser gekauft, um einem Ideal des Landlebens nahezukommen. Meist zerplatzten die Träume an der Wirklichkeit, und das passte ganz gut zu Flauberts Geschichte über Träume und Unzufriedenheit.

 

Sie machen sich in „Gemma Bovery“ und auch in „Tamara Drewe“ über Schriftsteller – vor allem männliche – lustig. Kennen Sie viele Schriftsteller?

Simmonds: Ich habe im „Guardian“ auch für die Literaturseiten gezeichnet, also: ja, ich kenne viele Schriftsteller. Während „Gemma Bovery“ noch in unterschiedlichen Ressorts veröffentlicht wurde, wurde „Tamara Drewe“ komplett im Literaturteil abgedruckt und mein Verleger bat mich nun, wie bereits in „Gemma Bovery“ eine literarische Anspielung zu verstecken. Ich hatte das ursprünglich gar nicht vor, hatte aber bereits die Idee, über ein Retreat für Schriftsteller zu schreiben. Ich habe mich dann etwas von Thomas Hardys „Am grünen Rand der Welt“ und seiner Düsternis inspirieren lassen.

 

War von Anfang an geplant, die Serien als Graphic Novels zu veröffentlichen, und war es viel Arbeit, die Serie in eine Buchform zu übertragen?

Simmonds: „Gemma Bovery“ war ein so großer Erfolg, dass es von meinem Verlag so schnell veröffentlicht wurde, dass wir nicht mal Schreibfehler korrigieren konnten. Bei „Tamara Drewe“ hatten wir mehr Zeit und ich konnte sogar einer Figur mehr Platz einräumen, indem ich zwei Szenen hinzugefügt habe.

 

In beiden Graphic Novels ist auffällig, dass es neben den Zeichnungen lange Textpassagen gibt, die auch Ihre Liebe zur Literatur spiegeln. Wie haben Sie zu dieser Mischform gefunden?

Simmonds: Die Franzosen waren erst erschrocken von dieser Hybridform ... (lacht). Ich musste das für „Gemma Bovery“ erfinden, weil ich nur diese 100 Episoden vom „Guardian“ bekommen hatte und meine gesamte Story dort einpassen musste. Mit Text kann man Dinge ausdrücken, um sie nicht zeichnen zu müssen, zum Beispiel Informationen wie „Sie hatte sie bereits dreimal zuvor gesehen“. Man kann in Textpassagen auch die Erzählperspektive wechseln, zum Beispiel über das Tagebuch von Gemma. Bilder hingegen sind wichtig, um das Setting festzulegen, bedeutende Details aufzuzeigen oder wichtige Dialoge wiederzugeben. Auch wenn man etwas mehr Stille haben möchte, kann man das über Bilder ausdrücken. Ich musste also ständig überlegen, welche Informationen ich in Textform und welche ich als Bilder transportiere. Trotz der ersten Reaktionen in Frankreich wurde „Gemma Bovery“ dort sehr gut verkauft und ich war in Angoulème [bedeutendes französisches Comicfestival, wo Posy Simmonds 2024 als erste britische Cartoonistin den Großen Preis erhalten hat, Anm. d. Autor] zusammen mit „Persepolis“ von Marjane Satrapi nominiert, die den Preis verdienterweise gewonnen hat. Dieser Erfolg hat für mich alles verändert. Es war ein tolles Gefühl, festzustellen, dass ich Teil dieser großen Comic-Community bin.

 

Mit „Cassandra Darke“ kehren Sie nach Ihrem Kunststudium zur Kunstszene zurück. Hatten Sie Kontakt zur Kunstszene? Würden Sie sagen, dass Sie sich wie bei der Literaturszene über sie lustig machen?

Simmonds: Lustig machen … nun ja, ich beobachte sie. Ich kenne die Kunstszene, weil mein Mann Richard Hollis als Graphic-Designer mit vielen Künstlern und Galerien in London gearbeitet hat. Wir waren deswegen auch auf vielen Vernissagen. Ich habe meine Recherchen gemacht, damit Cassandras Figur realistisch ist. Ich wollte, dass sie eine komplett freie Frau ist, die sich anders als die meisten um nichts und niemanden schert. Sie will nicht nett sein, ist nicht sehr attraktiv ... Es ist toll, eine solch freie Protagonistin zu haben.

Coverabbildung zu "Cassandra Darke"
Coverabbildung zu "Cassandra Darke" (© Reprodukt)

 

Mit „Immer Drama um Tamara“ von Stephen Frears (2010) und „Gemma Bovery“ von Anne Fontaine (2014) wurden bereits zwei Ihrer drei Graphic Novels verfilmt. Wie ist Ihr Verhältnis zum Kino, und wie verhält sich generell der Film zum Comic?

Simmonds: Wir haben drei Kinos direkt in der Nachbarschaft, die auch fremdsprachige Filme zeigen, und gehen ziemlich viel ins Kino. Ich glaube, eine Graphic Novel zu machen ist gar nicht so unterschiedlich wie einen Film zu machen: Du schreibst ein Script, denkst dir eine Location aus, schreibst Dialoge, machst die Beleuchtung, erfindest Requisiten und Kostüme, legst Kameraeinstellungen fest und Schnitte, du produzierst, führst Regie und machst einfach alles.

 

Ein Film basiert ja auch auf einem Storybook, das aussieht wie ein Comic.

Simmonds: Genau, aber der Film entfaltet sich linear, beim Comic hingegen sieht man mehrere Bilder auf einmal, kann zwischen den Bildern hin- und herspringen, zurückblättern, und wenn zu viel Text kommt, überspringt man ihn einfach (lacht).

 

Wie kam es zu den Adaptionen?

Simmonds: Stephen Frears kannte ich bereits vorher, aber als ihm die Produktionsfirma das Script vorlegte, stand da gar nicht mein Name drauf. Er fand es gut und wollte es machen und hat erst später erfahren, dass es mein Buch ist. Ich habe den Rat eines Freundes befolgt, als die Angebote kamen: „Take the money and run!“ Die Drehbuchautoren haben mich ab und zu konsultiert, wenn Fragen aufkamen, aber am Ende ist eine Adaption dann doch etwas anderes. Ich habe erwartet, dass der Film anders sein wird als meine Bücher, und so sollte es auch sein, statt einer genauen Transkription.

 

Wurden Ihre Bücher durch die Filme noch mehr beachtet?

Simmonds: Ja, ich denke schon. Es gab viel Publicity, alleine schon, weil der Film in Cannes lief. Cannes war eine sehr spannende Erfahrung für mich, und ich hatte dort eine sehr gute Zeit.

Szenenbild aus Stephen Frears "Immer Drama mit Tamara" mit Luke Evans und Gemma Arterton
Szenenbild aus Stephen Frears "Immer Drama mit Tamara" mit Luke Evans und Gemma Arterton (© Prokino)

 

Arbeiten Sie aktuell an einer neuen Graphic Novel?

Simmonds: Ja, aber die Arbeit daran ist sehr langwierig, weil ich auf einem Auge sehr an Sehkraft verloren habe. Es geht darin wieder um Cassandra, aber jetzt ist sie 16 Jahre alt. Wir sind im Jahr 1960, das Ende einer Ära, bevor sich alles ändert: vor der Pille, vor Miniröcken, vor den Beatles. Die Menschen waren recht unschuldig, vor allem Mädchen. Uns wurde nichts erklärt. Cassandra ist also auf der Suche nach der Wahrheit. Der erste Teil des Buches ist Theorie und verhandelt die Gerüchte über Sex und das Leben, und der zweite Teil handelt von der Praxis. Ich habe noch alte Tagebücher von mir, die mir helfen, mich zu erinnern, wie das damals war. Cassandras Charakter, der schon im ersten Teil eine Backstory bis in die Kindheit hatte, kenne ich gut und der unterscheidet sich sehr von mir. Die Graphic Novel wird direkt als Buch veröffentlicht. Aber mein Verleger ist sehr nett und lässt mich in Ruhe. Es gibt also keinen Druck durch eine Deadline. Ich bin jetzt 80 Jahre alt und muss es etwas langsamer angehen!

 

 

Hinweis

Posy Simmonds’ Werke „Gemma Bovery“, „Tamara Drewe“ und „Cassandra Darke“ sind in deutscher Übersetzung im Reprodukt Verlag erschienen, wo auch ihr Kindercomic „Fred“ publiziert wurde. Die Posy-Simmonds-Verfilmung „Immer Drama um Tamara“ von Stephen Frears und die auf Deutsch unter dem Titel „Ein Sommer mit Flaubert“ erschienene Filmadaption von „Gemma Bovery“ sind als Stream & Download auf diversen Streamingplattformen verfügbar und beim Label Prokino auf DVD & BD erhältlich.

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