Mit der Comicreihe „Berlinoir“, in der zwischen 2003 und 2008 drei Alben erschienen, schufen Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner einen Markstein deutscher Graphic-Novel-Kultur. Anlässlich des Starts der Serie „City of Blood“ (ab 18. September bei Disney+), die den Stoff aufgreift, bringt der Carlsen Verlag eine Neuauflage der Bände mit bislang unveröffentlichtem Zusatzmaterial heraus.
Fans des Kinos aus der Weimarer Zeit oder der Filme von Fritz Lang werden ihre helle Freude daran haben, sich in das Berlin-Universum zu vertiefen, das der Comic-Künstler Reinhard Kleist und Autor Tobias O. Meißner in ihrer dreiteiligen „Berlinoir“-Reihe heraufbeschworen haben. Die dystopische Grandezza von „Metropolis“ findet sich darin ebenso wieder wie Motive aus „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ oder der Despotismus-Schrecken von „Dr. Mabuse, der Spieler".
Das Szenario spielt allerdings nicht im realen Berlin jener Ära, sondern in einem zeitlich nicht genauer definierten „Alternate History“-Berlin. So finden sich neben Anklängen an die Weimarer Zeit Reminiszenzen an Mauerbau und Wiedervereinigung. In fantastisch überhöhter, parabelhafter Form kreist die Saga um den Flirt der deutschen Hauptstadt mit dem Totalitarismus. Dessen Vertreter sind keine Nazis oder SED-Schergen, sondern Untote; aus Berlin ist hier der von Vampiren beherrschte Stadtstaat Berlinoir geworden. Die drei Bände kreisen um den Widerstand, der sich gegen diese Herrschaft formiert, um Erfolge und Rückschläge der Rebellen, vor allem aber auch um moralische Dilemmata. Denn simple Gut-Böse-Fronten meiden Reinhard Kleist und Tobias O. Meißner. Die Autoren bevölkern die fiktionalisierte Stadt mit komplexen Charakteren, die allesamt zu glauben scheinen, der richtigen Sache zu dienen, sich dabei aber in heillose Gewaltzusammenhänge verstricken, aus denen der einzige Ausweg der Tod zu sein scheint.
Mit „City of Blood“ startet am 16. September bei Disney+ eine Serienadaption des Stoffes, die „Berlinoir“ in einen aktuellen Kontext überführt. Statt einer alternativen deutschen Geschichte entwirft Regisseur Philipp Kadelbach eine dystopische, vom Klimawandel geprägte Zukunft. Es ist spannend, wie sich das auf den Verlauf der Geschichte und die Visualität auswirkt. Denn die Optik ist die große Stärke der Graphic Novel. Die Panels von Reinhard Kleist punkten nicht nur mit einer expressionistischen, von Hell-Dunkel-Kontrasten befeuerten Dramatik, sondern entfalten eine ungemein suggestive Atmosphäre und Rhythmik. Schon rein formal vermittelt die häufige Montage extrem schmaler, in die Höhe gezogener Panels ein Flair, das an enge Straßenschluchten erinnert und eine klaustrophobisch-ausweglose Stimmung verbreitet.
Noch vor Start der Serie „City of Blood“ hat der Carlsen Verlag eine mit Zusatzmaterialien angereicherte Neuauflage von „Berlinoir“ herausgebracht, die nicht nur die drei Alben „Scherbenmund“, „Mord“ und „Narbenstadt“ in großformatiger Form versammelt. Der voluminöse Band umfasst zudem im Anhang Materialien aus der Publikations- und Entstehungsgeschichte der Reihe, ein Begleitwort von Tobias O. Meißner sowie eine kleine Gegenüberstellung der Berlin-Interpretation im Buch und der in der Serienverfilmung.
Hinweis
Berlinoir (Neuausgabe). Von Reinhard Kleist, Tobias O. Meißner, illustriert von Reinhard Kleist. Carlsen Verlag, Hamburg 2026. 176 Seiten. 30 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.