Irene Genhart

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Bagger Drama

  • Schweiz 2024
  • R: Piet Baumgartner
Einer schweizerischen Familie fällt es schwer, über Gefühle, Liebe oder Intimität zu sprechen. Als die Tochter tödlich verunglückt, beginnt die Familie, nach und nach auseinanderzubrechen. Der Sohn will die gemeinsam betriebene Bagger-Firma nicht übernehmen, sondern lieber in die USA auswandern. Der Vater findet Gefallen an der neuen Chorleiterin im Ort, und die Mutter steht plötzlich alleine da und schlittert in eine Depression. Mit vielen Zwischentönen und immer nahe an den Protagonisten behandelt das Drama die Selbstzerstörung einer Familie nach einem Unglücksfall und widmet sich in drei Kapiteln jeweils einer Hauptfigur. Die Bagger und andere Maschinen werden dabei kreativ eingesetzt, um für leisen Humor zu sorgen und die Schwierigkeit, passende Worte zu finden, zu illustrieren.
Irene Genhart | 03.09.2026

Diamanti

  • Italien 2024
  • R: Ferzan Özpetek
Der türkisch-italienische Regisseur Ferzan Özpetek lädt Schauspielerinnen ein, um ein Filmprojekt zu besprechen. Dieses führt in Anlehnung an Özpeteks eigene Berufserfahrung in eine Kostümschneiderei in den 1970er-Jahren, wo sich nach dem Prolog die eigentliche Filmhandlung entwickelt. Das von zwei Schwestern geleitete Atelier ringt mit mehreren parallelen Aufträgen, wobei während der Arbeit die privaten Probleme der Mitarbeiterinnen zur Sprache kommen, die letztlich den Zusammenhalt der Frauen bekräftigen. Eine sentimentale Liebeserklärung an die Kunst der Kostümschneiderei, das analoge Kino und die kreative Kraft von Frauen, schwungvoll inszeniert und gut gespielt. Die vielfältigen Themen werden allerdings kaum vertieft.
Irene Genhart | 24.08.2026

Natursehnsucht: Ein Fazit des 79. Locarno Film Festival

Der internationale Wettbewerb des 79. Locarno Film Festivals (5.-15.8.2026) präsentierte sich auf gutem Niveau mit einigen Überfliegern. Die thematische Bandbreite des Festivals war hoch, als prägnantes Motiv durchzog aber etliche Filme eine auffallende Art von Natursehnsucht, darunter viele der deutschen Produktionen und Co-Produktionen wie „The Riverbank“. Die Natur erscheint oft nicht allein als Rückzugsort, auch ihre Klänge werden in den Festivalpremieren kreativ aufgegriffen. Ein Fazit des Festival-Jahrgangs.

Irene Genhart | 17.08.2026

79. Locarno Film Festival: Erste Highlights

Das 79. Locarno Film Festival (5.-15.8.2026) punktet in seinen ersten Tagen mit einem vielfältigen Programm auf hohem Niveau. Unter den bisherigen Wettbewerbsfilmen finden sich etliche, die sich mit der Zerrüttung der Gesellschaft sowie angespannten familiären Konstellationen auseinandersetzen. Und in einem Film der Kritikerwoche begegnet man einem kaum zehnjährigen Knaben, der weiß, dass Tiere kommunizieren und man ihnen mit Achtung zu begegnen hat.

Irene Genhart | 10.08.2026

Auf zur Leopardenjagd: Das 79. Locarno-Filmfestival

Ab 5. August schauen Cineastinnen und Cineasten wieder nach Locarno, wo bis 15. August die 79. Internationalen Filmfestspiele zu Entdeckungen einladen. Neben zwei internationalen Wettbewerben und Stars auf der Piazza Grande lockt diesmal unter anderem eine Retrospektive, die sich mit der „schwarzen Liste“ der McCarthy-Ära auseinandersetzt.

Irene Genhart | 04.08.2026

Der perfekte Schein - Der Fall Bojarski

  • Frankreich 2025
  • R: Jean-Paul Salomé
Ein junger Pole flieht in den 1940er-Jahren nach Frankreich, wo er eine Familie gründet und sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Erfindungen durchschlägt. Da er keine Papiere besitzt, kann er keine Patente anmelden. Deshalb beginnt er, Geld zu fälschen, und baut dies zu einer kleinen Manufaktur aus. Der auf dem Leben von Czesław Bojarski (1912-2003) beruhende Film orientiert sich stilistisch am französischen Film noir und verbindet das Biografische sehr geschickt mit Heist Movie und Krimi zu einem süffigen Drama. Das schillernde Porträt eines genialen Fälschers überzeugt dabei auch als spannendes Katz-und-Maus-Spiel mit dem Kommissar, der dem „Cézanne der Notenfälscher“ lange vergeblich nachspürte.
Irene Genhart | 20.07.2026

H wie Habicht

  • Großbritannien 2025
  • R: Philippa Lowthorpe
Der plötzliche Tod ihres Vaters stürzt eine junge Wissenschaftlerin in eine existenzielle Krise, aus der sie sich mit Hilfe eines Habichts befreit. Der auf einem autobiografischen Roman beruhende Film übersetzt die literarische Vorlage einfühlsam und bildmächtig und zeichnet sowohl die Trauerarbeit als auch die Emanzipationsgeschichte eindringlich nach. Eine gelungene Mischung aus innigen Vater-Tochter-Rückblenden, Drama und atemberaubenden Naturbeobachtungen, wobei insbesondere die Annäherung zwischen Mensch und Raubvogel sehr authentisch dargestellt werden.
Irene Genhart | 15.07.2026

Dossier 137

  • Frankreich 2025
  • R: Dominik Moll
Eine polizeiinterne Ermittlerin der französischen Polizei übernimmt nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Gelbwesten-Demonstranten und Einsatzkräften im Dezember 2018 den Fall eines schwer verletzten Jugendlichen. Mühsam versucht sie Beweise zusammenzutragen, dass fünf Beamte für den Vorfall verantwortlich sind. Doch ihre Ermittlungen werden von den beteiligten Behörden blockiert. Als sie unverhofft Kontakt mit der Familie des Opfers erhält, kommt zum professionellen Engagement noch ein persönlicher Aspekt dazu. Der packende Polizeithriller bildet minutiös die mühselige Recherche der Protagonistin ab und entwickelt eine große Dynamik. Mit wenigen Szenen macht der wuchtige Film greifbar, wie der Glaube an den Staat oder eine juristische Gerechtigkeit zunehmend schwindet.
Irene Genhart | 07.07.2026

Bitteres Fest

  • Spanien 2026
  • R: Pedro Almodóvar
Eine Werbefilmerin wird ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter von der Trauer eingeholt und ist wegen Panikattacken auf die Hilfe einer Psychiaterin und ihres jüngeren Freunds angewiesen. Diese Geschichte wird zwanzig Jahre später von einem Regisseur in ein Drehbuch verarbeitet, wobei seine Assistentin und er uneins sind, wie sehr die tatsächlichen Personen und Ereignisse verfremdet werden müssen. Ein melodramatisch aufgeladener Film um Künstler in der Schaffenskrise, der in den parallel vorangetriebenen Geschichten eine kurzweilige, teils auch kluge Reflexion über die Kunst des Filmemachens bietet. Pedro Almodóvar kommt nicht an die Klasse früherer Werke heran, inszeniert bei aller Schwere der Themen aber mit bemerkenswerter Leichtigkeit.
Irene Genhart | 22.06.2026

Mein Leben, mein Ding

  • Frankreich 2024
  • R: Sophie Fillières
Eine geschiedene Frau mit zwei erwachsenen Kindern, die bei einer PR-Agentur arbeitet, wird mit Mitte fünfzig zunehmend von Gedanken gequält, im Leben zu oft zurückgesteckt zu haben. Darüber gerät sie in eine seelische Krise. Ihre Versuche, sich durch Verabredungen und psychiatrische Hilfe daraus zu befreien, verschlimmern ihren Zustand eher noch. Bis eine Reise auf den Spuren der Vergangenheit ihr neue Perspektiven eröffnet. Eine inhaltlich etwas mäandernde dramatische Komödie um eine großartig gespielte, von Selbstzweifeln und Erinnerungslücken gequälte, gleichwohl beachtlich starke Frau. Dem feinfühligen Entwurf und der präzisen Inszenierung mancher Szenen stehen einige erzählerische Leerstellen und holprige Momente gegenüber, die der Film aber wieder auffängt.
Irene Genhart | 01.06.2026

A Wolf Among the Swans

  • Brasilien 2024
  • R: Marcos Schechtman
Mitte der 1990er-Jahre findet der aus bescheidenen Verhältnissen in Rio de Janeiro stammende Jugendliche Thiago Soares von der Hip-Hop-Szene zum Balletttanz. Seine Begabung ist offenkundig, allerdings eckt er mit seinen ungeschliffenen Umgangsformen an und gerät mit seinem Ballettmeister, der ihn für einen internationalen Wettbewerb trainieren soll, immer wieder aneinander. Die Filmbiografie zeichnet den Beginn des Aufstiegs von Soares zum weltweit gesuchten Ballettstar nach, bei dem weniger Leidenschaft für den Tanz als ein übersteigertes Selbstbewusstsein betont wird. Dementsprechend liegt der Fokus des Films eher auf Auseinandersetzungen mit Soares’ Förderern als auf einer tieferen Einlassung auf die Hauptfigur.
Irene Genhart | 04.05.2026

Nürnberg

  • USA 2025
  • R: James Vanderbilt
Beim 1. Nürnberger Prozess (20.11.1945-1.10.1946) stehen 24 ehemalige Angehörige des Nazi-Regimes als Hauptangeklagte wegen Kriegsverbrechen vor Gericht. Der amerikanische Armeepsychiater Douglas M. Kelley soll ihre Zurechnungsfähigkeit abschätzen und gerät dabei in den Bann des Ex-Reichsministers Hermann Göring. Immer wieder besucht er ihn in der Zelle, woraus sich ein intensives Psycho-Duell entwickelt. Auch wenn die Beschreibung dieser Beziehung spekulativ bleibt, ist das Geschichtsdrama historisch exakt und setzt originales Bildmaterial effektvoll ein. Indem er aus den historischen Umständen grundsätzliche Fragen über Politik und Moral ableitet, lässt der Film sich auch als generelle Warnung vor Krieg als politischem Mittel verstehen.
Irene Genhart | 28.04.2026

Paris Murder Mystery

  • Frankreich 2025
  • R: Rebecca Zlotowski
Eine Pariser Psychoanalytikerin wird durch den plötzlichen Tod einer ihrer Patientinnen aufgeschreckt. Da die Umstände des Todes fragwürdig erscheinen, forscht die Psychoanalytikerin nach, zumal sie auch eigenes Fehlverhalten nicht ausschließen kann. Da sie sich für die Ermittlungen die Hilfe ihres Exmanns sichert, kommen sich die beiden nach Jahren der Trennung allmählich wieder näher. Ein sich eigenwillig zwischen Krimi, Komödie und Mystery verordnender Film, dessen Erzählstränge sich immer wieder als lose erweisen oder im Sande verlaufen. Unterhaltsam und anrührend ist er im Wesentlichen durch das starke Zusammenspiel seiner prominenten Besetzung.
Irene Genhart | 07.04.2026

All We Ever Wanted

  • Deutschland 2024
  • R: Frédéric Jaeger
Eine junge Frau, ihr schwuler bester Freund und ihr Lover machen zusammen Luxus-Ferien auf einer kanarischen Insel. Als sie nach wenigen Tagen unverhofft fast ganz ohne Geld dastehen, definieren sie ihren Aufenthalt spontan zu Abenteuerferien um und beginnen, die Insel eigenständig zu erkunden. Angefeuert von der still zwischen ihnen flackernden erotischen Spannung, verändern sich dabei ihre Rollen und die Verhältnisse zueinander. Das inhaltlich vage bleibende Drama zieht durch sensationelle Landschaftsaufnahmen und in seiner Vermischung von Realem und Traumhaftem in Bann. Über die Beobachtung verrät der Film bei aller Offenheit einiges über Werte und Verhaltensweisen der 25- bis 30-Jährigen von heute.
Irene Genhart | 07.04.2026

Tschernobyl 86 - Der Super-GAU

  • Deutschland 2026
  • R: Volker Heise
Am 26. April 1986 kommt es im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl zu einer Reaktorkatastrophe, eine radioaktive Wolke zieht nach Europa. Ein Dokumentarfilm blickt allein mit damals entstandenem Bild- und Tonmaterial aus vierzigjährigem Abstand auf den Super-GAU zurück, liefert aber weniger eine exakte Rekapitulation der Geschehnisse, sondern konzentriert sich auf die unterschiedliche mediale Berichterstattung in West- und Ostdeutschland: Während sich im Westen Panik ausbreitet, bleibt diese im Osten aus Mangel an offiziellen Informationen aus. Der Film springt immer wieder zwischen dem Ort des Geschehens und dem Ausland hin und her und bietet durch den Kontrast der Stimmungen intensive Einblicke in das gesellschaftliche Klima der 1980er-Jahre.
Irene Genhart | 17.03.2026

Mein Freund Barry

  • Deutschland 2025
  • R: Markus Welter
Ein verwaister Bauernbub will sein Glück in Italien versuchen, landet aber im Winter des Jahres 1800 unfreiwillig bei den Mönchen im Hospiz des Großen Sankt Bernhard. Er ist fasziniert von den Bernhardinerhunden, mit deren Hilfe die Mönche Menschen aus Lawinen retten, und zieht heimlich einen schwächlichen Welpen auf. Obwohl ihm die Novizen nicht wohlgesonnen sind, kann er sich behaupten und aus dem Welpen einen tüchtigen Rettungshund machen. Ein leicht verständlicher, kindgerechter Familienfilm um den in der Schweiz berühmten Bernhardiner Barry, der seine fiktive Geschichte mit historischer Sorgfalt und eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen erzählt.
Irene Genhart | 05.03.2026

Nawi - Dear Future Me

  • Kenia 2024
  • R: Tobias Schmutzler
Einer aus einer ländlichen Region Kenias stammenden Jugendlichen steht dank Bestnoten der Weg ins Gymnasium offen. Doch die Dreizehnjährige wird von ihrem Vater an einen viel älteren, reichen Mann verkauft. Mit Hilfe ihres Bruders, ihrer emanzipierten Lehrerin und anderen Helfern kann sie ihrem Schicksal vorerst entgehen, doch in der patriarchalischen Gesellschaft besteht auf Dauer kaum eine Chance, sich diesem Schicksal zu widersetzen. Ein erschütterndes Coming-of-Age-Drama, das am Beispiel eines exemplarischen Schicksals das Thema der Zwangsverheiratung aufgreift, von dem weltweit Millionen Frauen betroffen sind. Der einfühlsame Film lässt in der Konzentration auf die Hauptfigur auch Hoffnung und Lebensfreude aufflammen.
Irene Genhart | 03.03.2026

Unangepasste Held:innen - Die 61. Solothurner Filmtage

Bei den 61. Solothurner Filmtagen standen Filme mit einem besonderen Augenmerk auf historischen Aufarbeitungen und Geschichten über Menschen im Zentrum, die gegen den Strom schwimmen. Als bester Film wurde „Qui vit encore“ von Nicolas Wadimoff ausgezeichnet; geehrt wurde auch der Filmjournalist Michael Sennhauser, für sein langjähriges Engagement, aber auch als Vertreter eines unabhängigen Journalismus.

Irene Genhart | 03.02.2026

Blame

  • Schweiz 2025
  • R: Christian Frei
Die chinesische Virologin Zhengli Shi, ihr Landsmann Linfa Wang und der britisch-amerikanische Zoologe Peter Daszak erforschten schon früh die Übertragungswege von Erregern, die von Tieren auf Menschen überspringen, und warnten vor dem SARS-Virus. Mit Ausbruch der Covid-19-Pandemie standen die drei plötzlich im Licht der Öffentlichkeit. Insbesondere Zhengli Shi wurde im Zuge der „Laborunfall-Hypothese“ heftig angefeindet. Der Dokumentarfilm arbeitet zusammen mit den drei Wissenschaftlern den Kern ihrer Analysen heraus und konfrontiert ihre Ergebnisse mit den Auswüchsen der Pandemie. Der Dokumentarfilm setzt auf eindrucksvolle Bilder und eine ausgefeilte Tonspur; der auf der Leinwand persönlich präsente Regisseur Christian Frei fällt selbst aber keine Urteile, sondern sekundiert über weite Strecken den Virenforschern.
Irene Genhart | 28.01.2026

Immortals - Bagdads Jugend erhebt ihre Stimme

  • Schweiz 2024
  • R: Maja Tschumi
Der hybride Dokumentarfilm erzählt von einer jungen Frau und einem jungen Mann aus dem Irak, die 2019 an der sogenannten „Oktoberrevolution“ teilnahmen, um gegen die Zustände zu protestieren und mehr Rechte einzuklagen. Nach der Niederschlagung der Massenproteste konnte sich die Frau nur noch in männlicher Verkleidung auf die Straße wagen. Der Mann hat derweilen gelernt, seine Kamera im Dienst aktivistischer Tätigkeiten einzusetzen. Dokumentarische und nachgestellte Szenen gehen unmittelbar ineinander über, wobei der klug montierte Film durch eine fließende Kamera und die prägnante Musik starke Emotionen entfesselt, ohne Analyse und Informationsgehalt zu vernachlässigen.
Irene Genhart | 27.01.2026

Ein einfacher Unfall

  • Frankreich 2025
  • R: Jafar Panahi
Ein iranischer Automechaniker, der aus politischen Gründen eine Zeitlang im Gefängnis war, glaubt in einem Mann mit einer Beinprothese einen brutalen Wächter wiederzuerkennen und will ihn aus Rache lebendig begraben. Um sicherzugehen, dass es auch wirklich sein Peiniger ist, entführt er den Mann und klappert mit ihm andere ehemalige Mitgefangene ab. Auf der Fahrt kreuz und quer durch Teheran entspinnen sich erbitterte moralische Auseinandersetzungen über Gewalt, Vergeltung und Gerechtigkeit, die durch brenzlige Situationen, dezenten Humor und kuriose Wendungen aufgebrochen werden. Ein ebenso furioser wie grotesker Rachethriller, der immer wieder von Fragen nach der Menschlichkeit unterwandert wird.
Irene Genhart | 30.12.2025

Holy Meat

  • Deutschland 2024
  • R: Alison Kuhn
Ein katholischer dänischer Pfarrer lässt sich in eine schwäbische Gemeinde versetzen, die allerdings vor der Auflösung steht. Als er sich das Erbe einer Metzgereibesitzerin sichert, indem er kurz vor ihrem Tod in ihrem Pflegeheim auftaucht und sie zur Überschreibung an die Kirche überredet, hofft er, damit seine Gemeinde retten zu können. Durch die zur Beerdigung wieder ins Dorf zurückkehrende, entfremdete Tochter der Toten erwächst ihm jedoch eine Feindin. Um es dem Pfarrer heimzuzahlen, beschließt sie, seine Bühneninszenierung der „Passion Christi“ so zu torpedieren, dass es ihn die Stelle kostet.
Irene Genhart | 23.12.2025

Friedas Fall

  • Schweiz 2024
  • R: Maria Brendle
1904 wird in einem Wald die Leiche eines Kindes entdeckt. Die Mutter gesteht, ihren Sohn getötet zu haben. Nach ihrer Verhaftung entwickelt sich der Prozess zu einem Justizskandal, in dem es zwischen Staatsanwalt und Verteidiger zu erbitterten Auseinandersetzungen um Recht und Gerechtigkeit kommt. Das historische Drama rekapituliert den Fall Schweizer Kindsmörderin Frieda Keller, die aus Verzweiflung und bitterer Not ihren Sohn tötete. Ein sorgfältig inszenierter Film, der die Schuldfrage auf die gesellschaftlichen Verhältnisse ausdehnt und die rigorose patriarchale Ordnung für die Tat mitverantwortlich macht.
Irene Genhart | 27.11.2025

Zweitland

  • Deutschland 2025
  • R: Michael Kofler
Ein künstlerisch begabter Mann aus Südtirol träumt Anfang der 1960er-Jahre von einem Studium an der Kunstakademie in München. Doch als in der sogenannten „Feuernacht“ die Auseinandersetzung zwischen Südtiroler Separatisten und den Vertretern des italienischen Staats in politischen Terror umschlagen, gerät er in einen Sog aus Gewalt und dunklen Verstrickungen. Ein erschütternd handfestes Familiendrama, das weder Heldenepos noch Politthriller sein will, sondern die Auswirkungen des Unabhängigkeitskampfes auf die Menschen in den Mittelpunkt rückt. Die politischen Hintergründe bleiben unscharf, sehr genau zeichnet der Film aber die durch die Gewalt ausgelöste tragische Spirale.
Irene Genhart | 24.11.2025

Du & Ich und alle reden mit

  • Italien 2025
  • R: Paolo Genovese
Eine Frau Mitte dreißig lädt einen älteren Mann, den sie erst vor Kurzem kennengelernt hat, zu sich nach Hause in ihre Wohnung in Rom ein. Ihre Begegnung an einem lauen Sommerabend könnte der erste Schritt zu einer Beziehung sein, wenn sich bei beiden nicht ständig widerstreitende Stimmen in Gestalt ihrer Freunde in die Gespräche einmischen würden. Eine verhalten-ironische, streckenweise auch köstlich romantische Liebeskomödie, die durch die lautstarken Interventionen der kontroversen Ratgeber an Schwung gewinnt und zwischen Leichtigkeit und Tiefgang changiert.
Irene Genhart | 19.11.2025

Stiller

  • Schweiz 2024
  • R: Stefan Haupt
In den 1950er-Jahren wird ein US-Amerikaner bei einer Reise in die Schweiz festgenommen. Zeugen meinen in ihm einen sieben Jahre zuvor verschwundenen Bildhauer wiederzuerkennen, der in eine Politaffäre verwickelt war, doch der Mann streitet alles ab. Staatsanwalt und Pflichtverteidiger versuchen die Sache zu klären, doch selbst Frau und Freunde des Verschwundenen können die Identität des Festgenommenen nicht beschwören. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Max Frisch strafft die Vorlage geschickt und kreist auf zwei Zeitebenen um schillernde, nicht endgültig festgeschriebene Identitäten. Die Inszenierung arbeitet Geist und Kolorit der Zeit sorgsam heraus und kann sich auf hervorragende Darsteller verlassen.
Irene Genhart | 30.10.2025

Electric Child

  • Schweiz 2024
  • R: Simon Jaquemet
Ein Ehepaar erhält kurze Zeit nach der Geburt ihres Sohnes die Diagnose, dass er aufgrund einer Gen-Mutation binnen weniger Monate sterben wird. Während die Mutter verzweifelt, sucht der Vater, ein Computerwissenschaftler, zunehmend obsessiv nach einer Heilungsmöglichkeit. Dabei greift er auch auf eine von ihm mitentwickelte Künstliche Intelligenz mit außerordentlichen Fähigkeiten zurück und überschreitet dabei die Grenzen der Vorsicht. Der Film vermischt das Drama um einen diagnostizierten Kindstod mit Science-Fiction-Elementen und setzt die Sphären von Zuhause, Arbeitsplatz und KI-Welt durch markante visuelle Kontraste voneinander ab. Die sich aufdrängenden ethischen Fragen werden in dem unterkühlten Werk allerdings nur oberflächlich abgehandelt.
Irene Genhart | 21.08.2025

Gemeinsam oder einsam - 78. Locarno Film Festival

Jackie Chan, Lucy Liu und Alexander Payne haben dem 78. Locarno Film Festival ihre Aufwartung gemacht und Ehrenpreise in Empfang genommen. Mehr als mit Star-Glamour begeisterte das Programm aber einmal mehr mit spannenden, eigenwilligen Filmentdeckungen. Der „Goldene Leopard“ ging an den Film „Tabi to Hibi“ des Japaners Shô Miyake über das Aufeinandertreffen zweier Fremder.

Irene Genhart | 18.08.2025

Hollywoodgate

  • USA 2023
  • R: Ibrahim Nash'at
Unmittelbar nach dem Rückzug der US-amerikanischen Truppen aus Afghanistan begleitet der Filmemacher Ibrahim Nash’at eine Gruppe Taliban, die einen ehemaligen US-Stützpunkt in Kabul einnimmt. Ein Jahr lang filmt er einen jungen Kämpfer sowie den Chef der neuen Luftwaffe und hält dabei in vielen Momentaufnahmen fest, wie die islamistische Miliz das Land in einen fundamentalistischen Militärstaat verwandelt. An den Rändern blitzen auch der Terror gegen die Bevölkerung und die Arroganz einer patriarchalen Macht auf, die auf Menschenrechte pfeift und sich in einer frauenverachtenden Selbstgefälligkeit suhlt.
Irene Genhart | 14.08.2025

78. Locarno Film Festival - Zwischenbericht: Ohne Sicherheit

Stars wie Willem Dafoe und Emma Thompson haben dem 78. Locarno Film Festival in den ersten Tagen ihre Aufwartung gemacht. Die Jugendliche Moon Guo Barker empfiehlt sich derweil mit ihrem mitreißenden ersten Leinwandauftritt in Ben Rivers’ „Mare’s Nest“ als Anwärterin für einen Schauspiel-„Leoparden“. Eindruck hinterließen auch Julian Radlmaiers Komödie „Sehnsucht in Sangerhausen“ und Radu Judes „Dracula“.

Irene Genhart | 11.08.2025