Der internationale Wettbewerb des 79. Locarno Film Festivals (5.-15.8.2026) präsentierte sich auf gutem Niveau mit einigen Überfliegern. Die thematische Bandbreite des Festivals war hoch, als prägnantes Motiv durchzog aber etliche Filme eine auffallende Art von Natursehnsucht, darunter viele der deutschen Produktionen und Co-Produktionen wie „The Riverbank“. Die Natur erscheint oft nicht allein als Rückzugsort, auch ihre Klänge werden in den Festivalpremieren kreativ aufgegriffen. Ein Fazit des Festival-Jahrgangs.
Drei Themenschwerpunkte hatte Festivaldirektor Giona A. Nazzaro bei der Programmbekanntgabe des 79. Locarno Film Festivals angegeben: Geschichten um Familien; solche, die das Funktionieren größerer Gemeinschaften beleuchten; und als drittes Filme, die sich mit Transformationen menschlicher Körper auseinandersetzen. Das mag in Bezug aufs gesamte Programm stimmen. Bei den 17 Werken des Concorso Internazionale aber sprang etwas Anderes ins Auge, nämlich eine gewisse Natursehnsucht: Filme, deren Storys Landschaften erkunden, und andere, in denen Natur und Landschaft als Sehnsuchtsorte von Erholung oder Ekstase funktionieren.
Zu beobachten war das bereits in den früh zu sehenden Filmen „Manhunt“ und „Violence du corps de l’autre“, wo das Eintauchen in die endlosen Wälder Kanadas und der einsame Spaziergang in waldiger Seenlandschaft die Befindlichkeiten der Protagonisten spiegeln. Ähnliches sah man im weiteren Verlauf des Festivals in „D’ici là“ von Sarah Leonor, in Ann Orens „Objet a“ und Hong Sang-soos „Nun Dul Dega Eonme“ („Nowhere to Lay My Eyes“) sowie nicht zuletzt in „A Margem do Rio“ („The Riverbank“) von Matheus Farias und Enock Carvalho.
Enge Verbundenheit mit der Natur
„D’ici là“ verortet in einem abgelegenen Tal in den Vogesen drei lose miteinander verbundene Geschichten. Die erste handelt vom Städter Lucien, der in den Wäldern des Tales Ruhe und Frieden sucht. Die zweite von Aline, die lieber einem Wolf nachstellt, als dass sie sich mit ihrer Krebsdiagnose auseinandersetzt. Die dritte erzählt von der jungen Jade, die von Zweisamkeit und einem eigenen Hof träumt, aber ein Stipendium in Paris erhält. Leonor zeigt ihre Protagonisten in enger Verbundenheit mit der sie umgebenden Natur, bei der Suche nach einem Unterschlupf, auf nächtlicher Pirsch, bei einer Tändelei auf einer Wiese – aber auch im Hadern mit der Vorstellung, diese zu verlassen.
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Das sozusagen umgekehrte Setting findet sich in „Objet a“ von Ann Oren. Der Film beginnt im perfekt getakteten Alltag eines Chirurgenpaares, dessen gegenseitiges Begehren sich in der Obsession für edle Gegenstände manifestiert. Ein verknackster Fuß bringt die geheimnisvolle Gaia in ihr Leben. Gaia weiß mit anzupacken. Sie hat aber auch ein Flair für halluzinogene Kräuter und Pilze und führt das Paar aus seinem Alltagstrott ins berauschende Grün eines Waldes. Orens Film verweist im Titel auf einen von Jacques Lacan in der Psychoanalyse verwendeten Begriff menschlichen Begehrens. Er überzeugt durch das sehr kontrollierte Spiel von Aenne Schwarz, Louis Hofmann und Simone Bucio ebenso, wie durch die ausnehmend sorgfältige Gestaltung von Bild und Ton, die das Eintauchen in die Natur zur befreienden Ekstase werden lassen.
Zufluchtsorte vor dem Alltag
Sozusagen als Zufluchtsorte vor dem Alltag funktionieren Natur und Naturräume in den Filmen von Hong Sang-soo sowie Matheus Farias und Enock Carvalho. In Farias’ und Carvalhos „The Riverbank“ verzieht sich der Protagonist nach getaner Arbeit jeweils in die von Flüssen durchzogenen Mangrovenwälder rund um Recife, wo der Sage nach Geister hausen, Menschen unterschiedlicher Couleur sich sexuell vergnügen und er eines Tages einem rätselhaften Fischer begegnet. Ebenfalls in die Natur zieht es die Jungfilmerin, die in Hong Sang-soos „Nowhere to Lay My Eyes“ nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder ihre ehrgeizige Mutter und ihren Stiefvater besucht und dabei feststellen muss, dass diese mit ihrer Lebensweise als Künstlerin und ihren der Naturbetrachtung gewidmeten YouTube-Filmen nichts anzufangen weiß.
Zu entdecken gab es in Locarnos Concorso Internazionale zwei weitere wunderschöne Filme, welche Natur und Landschaft als Klangräume erkunden. Der eine von ihnen ist „Lejos de los árboles“ („Far from the Trees“), in dem Meritxell Colell Aparicio eine Klangkünstlerin aus Mexiko in den peruanischen Anden auf die Suche nach vom Verschwinden bedrohten Sprachen schickt. Sie wird begleitet von einem lokalen Führer und beginnt im Laufe der Reise, eingeholt von der Vorstellung der eigenen Vergänglichkeit, zunehmend auch Gesänge und Rituale aufzuzeichnen. Colell Aparicio bezeichnet ihren Film als „Liebesbrief“ an ihre Großeltern, von denen sie nie Abschied nehmen konnte. „Far from the Trees“ ist darüber zweifelsohne auch eine Aufforderung ans Publikum, Erinnerungen nicht zu löschen, sondern wachzuhalten.
Der zweite Klangfilm ist „Thính Giác“ („Hearing“) des Vietnamesen Lê Bảo. Im Zentrum steht der Mechaniker Ninh, der, wo immer es solche braucht, Dezibelmesser installiert. Er vermisst seine Ex-Frau und seine Kinder, wohnt bei seiner betagten Mutter und hofft, dass seine seit Jahren getrennten Eltern wieder zusammenfinden. Zwischen Stadt und Land pendelnd, klettert er in luftige Höhen und taucht ab in schummrige Innenräume; sanfte Naturklänge stehen dabei im krassen Gegensatz zu wummerndem Technosound, das Gekreische einer Affenherde im Kontrast zur Stille einer vernebelten Morgenlandschaft.
Gesellschaftliche Umwälzungen
Der Rückzug in die Natur war in Locarno nicht nur im Concorso Internazionale ein Thema, sondern auch in zwei deutschen Beiträgen des Concorso Cineasti del Presente: „September Afternoon“ von Nicolaas Schmidt und „Morgen vor langer Zeit“ von Luise Donschen. Wo Schmidt in seinem experimentellen Spielfilm ein Ehepaar am Meer einen Nachmittag lang gegen heftige Winde ankämpfen lässt, blickt Donschen zurück in die Zeit der Wiedervereinigung. Im Zentrum ihres Films stehen die Freundinnen Patty und Jelena, die infolge des Mauerfalls ihre Jobs in der staatlichen Filmproduktion verlieren. Während die jüngere Jelena sich danach in den Westen absetzt, hangelt sich die 50-jährige Patty mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. Sie lässt sich auf den jüngeren Franz ein und stellt ihre Wohnung mit Fundstücken zu. Als sie diese nicht mehr betreten kann, zieht sie sich zurück in die nahen Wälder, wo sich ihre Spur irgendwann verliert.
Während sich der im Desaster endende „September Afternoon“ als düstere Dystopie deuten lässt, setzt sich „Morgen vor langer Zeit“ mit den gesellschaftlichen Veränderungen Deutschlands in einem Moment einschneidender historischer Umwälzungen auseinander. Ebenfalls thematisiert werden solche gesellschaftlichen Veränderungen im in Locarno außer Konkurrenz uraufgeführten Film „Übergang“ von Peter Badel und Chris Wright. Er beleuchtet das Leben und filmische Schaffen des Dokumentarfilmers Thomas Heise, der einen Film über Berlins Schönhauser Allee in Arbeit hatte, als er 2024 unerwartet starb. Auf Heises Wunsch haben Badel und Wright diesen Film fertiggestellt, als eindrückliches Dokument eines großen Denkers, der allen sich ihm bietenden Widerständen zum Trotz seinen scharf beobachtenden Blick auf die deutsche Politik und Gesellschaft zu bewahren verstand.
Heißes Jahr mit ausverkaufter Piazza Grande
Das Locarno Film Festival 2026 dürfte mit tagsüber öfters die 35-Grad-Grenze überschreitenden Temperaturen als eines der heißesten in die Annalen eingehen. Dass die Open-Air-Vorstellungen auf der nur schwer abzukühlenden Piazza Grande dennoch fast jeden Abend ausverkauft waren, spricht für die Qualität des Programms und die Standhaftigkeit des Publikums. Auf dem Programm der zweiten Festivalhälfte standen Filme, die von sozialem Engagement zeugen. So etwa Petra Volpes mit Standing Ovations gefeierter „Frank & Louis“, der erzählt, wie ein lebenslänglich Inhaftierter mit der Betreuung eines an Alzheimer erkrankten Mitinsassen betraut wird und plötzlich neuen Sinn in seinem Leben entdeckt. Oder der von wahren Begebenheiten inspirierte „Down the Arm of God“ von Peter Brunner, der unbeschönigt erzählt, wie in einem texanischen Kaff der Einsatz eines neuzugezogenen Pastors für die in eisiger Winterkälte frierenden Obdachlosen am Widerstand der Gemeinde scheitert.
Ein Filmfestival von der Größe Locarnos kommt kaum je ohne Liebesfilme aus. Im diesjährigen Concorso Internazionale zu entdecken gab es mit „Brave New Love“ von Maria Bräck und Nelson Yeos „The House on the Moon“ zwei große Lovestorys. Bräcks Film erzählt eine von Dänemark nach Griechenland führende Dreiecksgeschichte, in der das geheime Doppelleben einer verheirateten Frau und Mutter in Griechenland zu einer überraschend neuen Beziehungskonstellation führt. Der zum Abschluss des Wettbewerbs gezeigte Film von Nelson Yeo führt in einer futuristischen Erzählung eine feenhafte Frau auf der Suche nach ihrem Geliebten, der die Sonne vom Himmel schoss, in Begleitung eines Astronauten auf die dunkle Seite des Mondes.
Am zweitletzten Abend des 79. Locarno Film Festivals wurde auf der Piazza mit Martin Provosts „Demain je tombe amoureux“ („Love Lessons“) keine eigentliche Lovestory vorgestellt, wohl aber eine mit Fabrice Luchini in der Hauptrolle großartig besetzte Abhandlung über die Liebe. Am letzten Abend dann stand „Ni vue, ni connue“ („All About Corinne“) von Marc Fitoussi auf dem Programm. Die Komödie erzählt mit Isabelle Huppert und Sandrine Kiberlain in den Hauptrollen von Auseinandersetzungen einer Statistin mit einer erfolgreichen Schauspielerin. Der Originaltitel, der wörtlich übersetzt „Weder gesehen, noch bekannt“ lautet, formuliert eine Einsicht, die nachgerade Filmschaffenden am Herzen liegen muss: Bekannt (und auch geredet) wird nur über das, was gesehen wird. Etwa die Filme eines Filmfestivals wie Locarno, das seine 79. Edition mit Bravour meisterte.
Die wichtigsten Preise:
„Goldener Leopard“ für den besten Film: „Nu e locul tau aici“ („You Don't Belong Here“)
Spezialpreis der Jury: „A Margem do Rio“ („The Riverbank“)
Beste Regie: Hong Sang-soo für „Nun Dul Dega Eomne“ („Nowhere to Lay My Eyes“)
Schauspielpreise: Monica Bellucci für „Ketticè“ & Kim Min-hee für „Nun Dul Dega Eomne“
Preis der Ökumenischen Jury: „Nun Dul Dega Eomne“
FIPRESCI-Preis: „Lejos de los árboles“ („Far From the Trees“)
Publikumspreis: „Frank & Louis“
Eine Liste mit allen am 79. Locarno Film Festival vergebenen Preisen findet sich hier.
Das 80. Locarno Film Festival findet statt vom 4.-14.8.2027.