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Neues Filmbuch: The Sound of Fury. Hollywoods Schwarze Liste

Montag, 25.05.2020

Ein Sammelband über die Hexenjagd gegen linke Filmschaffende in Hollywood rückt die Filme der inkriminierten Künstler ins Zentrum

Diskussion

Während der McCarthy-Schauprozesse in den USA wurden die Biografien vieler Filmschaffender zerpflückt, doch nicht ihre Filme. Dazu fehlte den Schnüfflern schlicht der Sachverstand. Dieses „Vakuum“ schließt jetzt ein reich bebilderter Sammelband, der jene „un-amerikanischen“ Werke der Verfemten ins Zentrum stellt.


Mit „The Sound of Fury“ legt Hannes Brühwiler, der Gründer und langjährige Leiter des Berliner American-Independend-Festivals „Unknown Pleasures“, ein zeithistorisches und zugleich hochaktuelles Filmbuch vor. Es geht um ein düsteres Kapitel des US-amerikanischen Kinos, die Ära der Hexenjagden auf linke Künstlerinnen und Künstler, den Versuch, unliebsame Gesellschaftskritik zu unterbinden und mithilfe von Schauprozessen eine Atmosphäre der Erniedrigung und Angst zu schaffen.

Am Pranger standen Autoren, Regisseure, Produzenten und Schauspieler, die aus Hollywood angeblich ein „rotes Propagandacenter“ gemacht haben sollten. Von 1947 an, als das berüchtigte „House Committee on Un-American Activities“ entsprechende Verhöre anstrengte, über die Verhaftung der „Hollywood Ten“ bis hin zu den Schwarzen Listen der Jahre um 1951/52 herrschte in der kalifornischen Filmmetropole eine politische Eiszeit. Hunderte Zeugen wurden geladen und zur Denunziation aufgefordert. Wer als Kommunist oder womöglich als „ausländischer Agent“ enttarnt wurde, hatte in der Filmbranche kaum noch Chancen – es sei denn, er schwor öffentlich ab und denunzierte andere.

Die Wunden, die dabei zugefügt wurden, waren tief und mitunter unheilbar; Hunderte Filmschaffende erhielten Berufsverbot und fanden bis in die 1960er-Jahre hinein keine Arbeit mehr in der Unterhaltungsindustrie. Tiefe Gräben wurden gerissen: Der Regisseur Elia Kazan beispielsweise, der Kollegen und Freunde verraten hatte und in einer Anzeige in der „New York Times“ sogar dazu aufforderte, es ihm gleichzutun, blieb für viele auf ewig ein Lump. Der Schauspieler Sterling Hayden konnte es sich selbst nie verzeihen, dem Ausschuss als williger Helfer gedient zu haben, und quälte sich damit bis zum Tode. Als „Umfaller“ erwiesen sich auch Edward Dmytryk, Robert Rossen oder Budd Schulberg.


Hellsichtiger Pessimismus, leidenschaftliche Wut

Das Buch umreißt knapp und präzise die politische Grundierung der Schwarzen Liste: das Ende der Anti-Hitler-Koalition nach dem Zweiten Weltkrieg, den Beginn des Kalten Krieges und die Ost-West-Konfrontation. In einem einführenden Text weist Brühwiler auf die Zerstörung der linken Kultur in den USA und die Vergiftung des intellektuellen Klimas und schlägt den Bogen zur Gegenwart. Jene Filme des „hellsichtigen Pessimismus“, die in den 1940er-Jahren entstanden und durch die Schwarzen Listen später unterdrückt wurden, zeichneten sich durch eine „leidenschaftliche und unerschütterliche Wut“ aus, die etwas „geradezu unheimlich Zeitgenössisches“ habe.

Brühwiler macht zugleich darauf aufmerksam, dass es während der Schauprozesse der McCarthy-Anhörungen einen „blinden Fleck, eine Art Vakuum“ gegeben habe: Während im Detail über die Filmschaffenden gesprochen und deren Biografien zerpflückt wurden, seien die „tatsächlichen Filme“ weitgehend unberührt geblieben: „Von einer handfesten Filmkritik und -analyse nahm das Komitee deutlich Abstand, es fehlte schlicht das notwendige Wissen dafür.“

John Garfield in "Die Macht des Bösen" von Abraham Polonsky
John Garfield in "Die Macht des Bösen" von Abraham Polonsky

In dieses Vakuum will das Buch vorstoßen. Hier findet „The Sound of Fury“ ein reiches Betätigungsfeld. So nähern sich die Autorinnen und Autoren sowohl einzelnen Lebensgeschichten als auch den außergewöhnlichen Filmen zwischen den 1930er- und den 1950er-Jahren, die das Thema betreffen. Wichtig ist beispielsweise ein Interview mit Abraham Polonsky aus dem Jahr 1970, in dem der Regisseur von „Die Macht des Bösen“ (1949) und „Blutige Spur“ (1969) Grundsätzliches zu den Filmen und Arbeitsbedingungen jener Zeit sagt. Das kritisch-realistische US-amerikanische Kino dieser Jahre sei keine ästhetische Bewegung gewesen: „Eher war es so, dass eine Reihe von Leuten, die versuchten, Filme zu drehen, über ein allgemeines politisches Bewusstsein verfügten und dieses Bewusstsein auf verschiedene Weise in ihrer Arbeit reflektierten.“

Gina Telaroli schreibt über Filme mit Sterling Hayden, Patrick Holzapfel über die sozialkritische Autorin Dorothy Parker, die sich in der Anti-Nazi-League engagiert hatte, nicht zuletzt inspiriert von dem österreichisch-tschechischen Schriftsteller Otto Katz, der in den 1930er-Jahren weltweit antifaschistische Bewegungen beeinflusste. In einem Nebensatz weist Holzapfel darauf hin, dass Katz 1952 im Zuge des Slánsky-Prozesses in Prag hingerichtet wurde – zur selben Zeit, als Dorothy Parker in den USA in die Mühlen McCarthys geriet. Was für eine Parallele! Der Kalte Krieg tobte eben nicht nur auf der östlichen Seite, sondern genauso auf der westlichen!


Irving Lerner und seine „un-amerikanischen“ Filme

Chris Fujiwara resümiert über die sogenannten „Film gris“, die grauen Filme mit ihren arbeitslosen Männern und Frauen, die ihre Familien zusammenzuhalten versuchen: „Jeder dieser Filme basiert auf einer Struktur des Mangels und ist durchdrungen von Leere und Abwesenheit. Objekte, die nicht gefunden werden können, führen zu Katastrophen.“ Sehr schön ist der aus der Zeitschrift „Filmkritik“ nachgedruckte Text von Wolf-Eckart Bühler über den Regisseur und Cutter Irving Lerner, dessen Leben als einziges Paradox erscheint: „Er hat für die Regierung gearbeitet, und er hat gegen die Regierung gearbeitet. Er war in marxistischen Filmen tätig, er war in kapitalistischen Filmen tätig, er war in Filmen tätig, die das Etikett Film nicht einmal verdienen.“ Für Bühler gehören Lerners Filme „Man Crazy“, „Stadt in Gefahr“ und „Der Tod kommt auf leisen Sohlen zu den wichtigsten Arbeiten der 1950er-Jahre überhaupt: Low-Budget-Produktionen, die das „Un-Amerikanische“ zum inneren Prinzip erhoben. Dass Lerner, wie Bühler schreibt, nie auf den Schwarzen Listen landete, war einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass es einfach nichts gab, wovon man ihn hätte ausschließen können. Er stand nie im unmittelbaren Sold eines Studios und war erst sehr spät Mitglied der mächtigen Gewerkschaft; die hatte sich Jahrzehnte lang geweigert, ihn aufzunehmen, weil er keine dreijährige Lehrzeit hinter sich gebracht hatte.

Porträt eines Attentäters: "Der Tod kommt auf leisen Sohlen" von Irving Lerner
Porträt eines Attentäters: "Der Tod kommt auf leisen Sohlen" von Irving Lerner

Ebenso spannend wie die Begegnung mit Schicksalen ist die Begegnung mit Filmen, die im Buch mit knappen prägnanten Essays vorgestellt werden: Fünfzehn Texte nähern sich Arbeiten von Lloyd Bacons „Mord im Nachtclub“ (1937) bis Luis Buñuels „Das junge Mädchen“ (1960), darunter Werke berühmter Regisseure wie Joseph Loseys „Der Junge mit den grünen Haaren“ (1948), „Gnadenlos gehetzt“ (1950) und „M“ (1951) oder Edgar G. Ulmers „Ohne Erbarmen“ (1948), in dem versucht worden war, die „völlige Bösartigkeit und Rücksichtslosigkeit um des Geldes wegen“ als ein Merkmal des „hundertprozentigen Amerikanismus“ zu beschreiben. Christoph Hochhäusler schreibt über Robert Wise’ „Wenig Chancen für morgen“ (1959), den der auf der Schwarzen Liste gebrandmarkte Abraham Polonsky unter Pseudonym verfasste und in dem Harry Belafonte eine Hauptrolle spielte. Sehr schön, dass auch Leo Hurwitz‘ und Paul Strands dialektisch-dokumentarischer Film „Native Land“ (1942) mit dem in den USA ebenfalls stigmatisierten Sänger und Schauspieler Paul Robeson als Erzähler in den Band aufgenommen wurde.


Bert Brecht & Rosaura Revueltas

Ein langer Text gilt dem Streikfilm „Das Salz der Erde“ (1953) von Herbert J. Biberman, eine unabhängige Gewerkschaftsproduktion, die in den USA weitgehend boykottiert wurde, dafür aber unter anderem in Mexiko, Frankreich, der Tschechoslowakei und der DDR zu sehen war. Dass für die Hauptdarstellerin Rosaura Revueltas die Schauspielkarriere mit diesem Film beendet war, wie Stefan Ripplinger anmerkt, stimmt allerdings nicht. Hier muss noch ein Kuriosum der Filmgeschichte angefügt werden: Weil „Salz der Erde“ in der DDR gleichsam zum Kultfilm avanciert war und Brecht Revueltas ans Berliner Ensemble verpflichtete, besetzte sie auch die DEFA: In „Lied über dem Tal“ spielte sie unter der Regie von Gustav von Wangenheim Anfang 1956 eine Landarbeiterin. Weil die Dreharbeiten nach knapp drei Wochen aus künstlerischen Gründen abgebrochen wurden, blieb Revueltas’ Auftritt ein Fragment. Das seinerzeit belichtete Material gilt als vernichtet; selbst Standfotos waren bisher nicht zu finden. Viel später, 1976/77, trat sie noch in drei mexikanischen Filmen auf. Und 1986 war sie Jurymitglied der „Berlinale“.

Keine Frage, dass man nach der Lektüre dieses aufschlussreichen, reich bebilderten Buches gern die darin behandelten Filme sehen oder wiedersehen möchte. Weil die wenigsten hierzulande auf DVD verfügbar sind, wäre eine entsprechende Edition ein lohnendes Vorhaben.


Literaturhinweis

The Sound of Fury. Hollywoods Schwarze Liste. Von Hannes Brühwiler (Hg.). Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2020. 280 S., zahlr. Abb., 25 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.


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