Die letzten Tage (1998)

Dokumentarfilm | USA 1998 | 87 Minuten

Regie: James Moll

Fünf ungarische Juden, Überlebende des Holocaust, kehren an die Orte ihrer Vergangenheit zurück und erzählen von ihren Familien, der Deportation sowie der Vernichtungspraxis. Ein ausgesprochen bewegender dokumentarischer Film, dessen emotionaler Gehalt jedoch mitunter die Zeugenschaft der Überlebenden zu untergraben droht. Zwar erreicht der filmische Diskurs zuweilen eine ungeheure Dichte, die jedoch durch die musikalische Dramaturgie des Films, die sich als kontraproduktives Element zu den Zeugenaussagen erweist, immer wieder geglättet wird. Trotz dieser Einwände dennoch ein unverzichtbarer Beitrag zum Thema, der zur nachhaltigen Diskussion einlädt. - Ab 14 möglich.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
THE LAST DAYS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1998
Produktionsfirma
Steven Spielberg Prod./The Shoah Foundation
Regie
James Moll
Buch
James Moll
Kamera
Harris Done
Musik
Hans Zimmer
Schnitt
James Moll
Länge
87 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14 möglich.
Genre
Dokumentarfilm
Externe Links
IMDb | TMDB | JustWatch

Diskussion
Ein bewegender Film. Ein dokumentarischer Film, der bewegen will. Fünf ungarische Juden, Überlebende des Holocaust, mittlerweile in den USA lebend, kehren nach Europa, an die Orte ihrer Kindheit und in die Vernichtungslager zurück, begleitet von Angehörigen und Filmteams. Sie erzählen von ihren Familien, von der beginnenden Verfolgung, von den Deportationen, von der mangelnden Solidarität seitens der Bevölkerung, von Rettungsversuchen, von der Vernichtungspraxis in den Konzentrationslagern, von der Befreiung durch die alliierten Truppen, von ihrem Leben danach. Der Film beansprucht eine doppelte Repräsentativität: Die Vernichtung der ungarischen Juden wurde erst nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen im März 1944 im Eiltempo durchgeführt, binnen dreier Monate wurden 440.000 Juden deportiert, ab Oktober 1944 wurde die einzig verbliebene jüdische Gemeinde von Budapest systematisch vernichtet. Als Ungarn Anfang 1945 von der Roten Armee befreit wurde, waren etwa 620.000 ungarische Juden umgebracht worden. „Die letzten Tage“ lässt fünf Überlebende dieses Infernos davon berichten, darunter den Kongressabgeordneten Tom Lantos, die Künstlerin Alice Lok Cahana und die Lehrerin Renée Firestone. Auch diese Auswahl ist eine Narration, doch dazu später.

Der erste Dokumentarfilm der neugegründeten Shoah-Foundation unter der Regie von James Moll wurde 1998 gleich „Oscar“-prämiert und wird hierzulande mit großem Aufwand präsentiert. Tatsächlich wird es spannend sein, die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Film zu beobachten, denn es geht ein weiteres Mal darum, über die Vermittlungsformen des historischen Gedächtnisses nachzudenken. „Die letzten Tage“ rekurriert unübersehbar auf die Erfahrungen eines zeitgenössischen (amerikanischen) Publikums, will es „abholen“. Insofern ist Molls Film (auch) ein kontroverser Beitrag, eine Intervention in einen dominanten Diskurs. Er zeigt, dass man einer akademischen Debatte, zum Beispiel derjenigen über die Modi der Repräsentation des Holocaust, nur ausreichend Zeit zur Ausdifferenzierung lassen muss, um sie dann mit einem Statement, das sämtliche Subtilitäten zugunsten der populistischen Simplifizierung wegwischt, zu revidieren. „Zeugnis ablegen zu müssen ist keine Auszeichnung“, kann man in einer aktuellen Publikation zu diesem Thema lesen. (U. Baer, Hg., „Niemand zeugt für den Zeugen. Erinnerungskultur nach der Shoah“. Suhrkamp Verlag) „Für mich ist eine der wichtigsten Aussagen von ‘Die letzten Tage’ (...), dass diese schrecklichen Ereignisse wirklichen Individuen passiert sind, nicht gesichtslosen Millionen, und dass dasselbe auch mir, dir, deinem Nachbarn passieren könnte“, hat sich demgegenüber der ausführende Produzent Stephen Spielberg geäußert und damit reflexiv eine prä-“Shoah“-Position bezogen. Auch hält es sich der Film zugute, ausschließlich die Zeugen zu Wort kommen zu lassen und auf einen Off-Kommentar verzichtet zu haben. Das ist zwar richtig, andererseits ist der Film formal derart konventionell (dies allerdings in perfekter Machart), dass ein expliziter Kommentar verzichtbar ist. Insbesondere zu Beginn, bevor der Film in den Sog der Erzählungen der Interviewten gerät, werden leichthin Fakten und Kommentar durch eine rasante Montage auf eine Weise zusammengefügt, die scheinbar für jede Erinnerung ein Archivbild bereithält. Teilweise sind die Interviews so eng verzahnt, dass die Sprecher einander ins Wort fallen, sich wechselseitig korrigieren. Solch ausgestellte auktoriale Macht stimmt höchst misstrauisch, setzt allein auf die authentifizierenden Effekte der emotionalen Identifikation und untergräbt auch die Bedeutung der Zeugenschaft der Überlebenden. Erst allmählich erobert sich der filmische Diskurs eine größere Freiheit gegenüber der Montage und erreicht dokumentarische Kraft, zum Beispiel, wenn Renée Firestone nach den Todesumständen ihrer Schwester Edith forscht und schließlich dem ehemaligen Lagerarzt begegnet, einem freundlichen, älteren Herrn, der, angesprochen auf den Todeszeitpunkt Ediths, achselzuckend bemerkt, dass ihre „sechs Monate“ Überleben in Bergen-Belsen doch die „ganz normale Zeit“ gewesen sei. Renée sei doch dabei gewesen und müsse das doch erinnern. In solchen Momenten (und der Film hat einige davon) wird klar, warum diese Geschichten wieder und wieder von den Überlebenden erzählt werden müssen.

Ob sie allerdings gegen eine musikalische Dramaturgie, die jede präsentierte emotionale Regung mit einem musikalischen Ausrufezeichen für die Zuschauer versieht und damit auf ärgerliche Weise verdoppelt, erzählt werden müssen, scheint fraglich. Denn damit erhält die Dokumentation eine Glätte, die sie auf kontraproduktive Weise mit fiktionalen Elementen auflädt. „Die Einstellung ist die Einstellung“ ist der Titel einer Aufsatzsammlung von Gertrud Koch zur komplexen Problematik: Hier erinnert eine Einstellung des historischen Budapest an einen bekannten Blick auf Manhattan, als sollte dem amerikanischen Publikum ein Angebot gemacht werden, den Flair dieser europäischen Metropole qua Analogiebildung zu imaginieren. Auch ist allen Erzählungen eine verdeckte Teleologie unterlegt, die auf die USA zielt und in deren expliziter Präsentation als „gelobtem Land“ den Ereignissen einen Sinn einschreibt, der mit einigen Familientableaus kommuniziert, wie man sie sonst aus dem amerikanischen Werbefernsehen kennt.
Kommentar verfassen

Kommentieren