The Sweetest Sound

- | USA 2001 | 60 Minuten

Regie: Alan Berliner

"Ich wollte einen Film über Identität drehen, über den Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Einzigartigkeit und der Sehnsucht nach einer Gemeinschaft", bekennt der Regisseur. Sein überbordender Essayfilm über den schönen Namensklang, voll von aberwitzigen Ideen, verblüffenden Erkenntnissen und amüsanten Montagen, beschäftigt sich mit der privaten Genealogie des New Yorker Filmemachers. Er lud zwölf Namensvetter zum Essen ein, um am Ende festzustellen, dass es keine gemeinsame Eigenschaft der Gleichnamigen gibt. Eine verschroben-melancholische Reflexion über Individualismus und Vergänglichkeit, die vom unvermittelten Umschlag vom tiefsinnig Philosophischen ins alltäglich Banale (und umgekehrt) lebt. (Fernsehtitel: "Meine Name ist Alan Berliner"; O.m.d.U.) - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
THE SWEETEST SOUND
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2001
Produktionsfirma
Cine-Matrix
Regie
Alan Berliner
Buch
Alan Berliner
Kamera
Richard Dallett
Schnitt
Alan Berliner
Länge
60 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
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Diskussion
„Ich wollte einen Film über Identität drehen, über den Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Einzigartigkeit und der Sehnsucht nach einer Gemeinschaft. Heraus gekommen ist eine Geschichte über die Sterblichkeit. Denn was bleibt am Ende: ein Name auf einem Grabstein“, bekennt Alan Berliner in „The Sweetest Sound“. In seinem überbordenden Essayfilm über den schönen Namensklang, voll von aberwitzigen Ideen, verblüffenden Erkenntnissen und amüsanten Montagen, beschäftigt sich der New Yorker Filmemacher erneut mit seiner privaten Genealogie. Eigentlich wollte er nach „Intimate Stranger“ (1991), einem Dokumentarfilm über seinen Großvater, und „Nobody’s Business“ (fd 32 837), dem Porträt seines halsstarrigen Vaters, keinen Film mehr über Familienverhältnisse und sich selbst machen. Die Recherche zu seinem neuen, konzeptionell angelegten Projekt über die Bedeutung von Namen warf ihn aber bald auf sich selbst zurück. Was wie eine Abhandlung über einen Gegenstand beginnt, entwickelt sich in einem für seine Dokumentarfilme typischen Stakkato-Rhythmus zu einer hochkomplexen und verspielten Reflexion mit (selbst-)ironischen Untertönen, die in ein Mosaik aus historischen Bildaufnahmen, anonymen Familienszenen und verschiedenen Facetten der Namenssemantik mündet. Berliner befragte Menschen in den Straßen von New York nach ihrem Verhältnis zu dem eigenen Namen, stöberte in Archiven und Internet-Datenbanken, interviewte Familienangehörige, besuchte Versammlungen der National L.I.N.D.A.-Convention und der Jim-Smith-Society, die Tausende von gleichnamigen Mitgliedern aufweisen und ganze Baseball-Teams aufstellen, stolperte auf Ellis Island über einige Neuigkeiten zum Thema Namensänderung von Immigranten. Selbst Sohn jüdischer Einwanderer, wurde er zum „Name-aholic“, zählte mit an Besessenheit grenzender Akribie an die 2.300 Namen in einer Ausgabe der „New York Times“ und über 5.000-mal die Hans Hansens im Kopenhagener Telefonbuch. Sogar das jüdische Gebot, den Namen Gottes niemals zu nennen, wollte er in seinem Film ergründen. Dass Berliner seinen Platz unter all den anderen Namen zu bestimmen versuchen würde, schien unausweichlich, befasste er sich in seinen bisherigen Werken doch obsessiv mit der Erforschung der eigenen Identität, für die der Eigenname der nahe liegendste Indikator ist. Was in einer narzisstischen Selbstbespiegelung, die zeitsymptomatisch vielen Dokumentaristen eignet, hätte enden können, erweist sich mitnichten als ein intimistisches, gar exhibitionistisches Unterfangen. Mit viel Witz und Spitzigfindigkeit entledigt sich Alan Berliner dieser drohenden Gefahr, indem er Fragen nach dem Ursprung und der Macht von Namen stellt: Kommen die Berliners aus Berlin? Prägt der Name die Person oder umgekehrt? Aber auch solche, die den Beinamen von „universellen“ Fragen verdienen, selbst dann, wenn sie ins Anekdotische abschweifen: Wer bin ich und warum? Was verrät der Name über meinen Charakter und meine Wesenszüge? Warum heißt Al Capone nicht Alan Capone? Auch wenn er sich vorrangig seiner Individualität vergewissern will und sich dabei als Objekt, Hauptfigur und Autor einer schwierigen Aufgabe stellt, überführt Berliner seinen Film dank dieser anthropologischen Betrachtungsweise in eine epische Dimension, die ihn in ungeahnte Lebensbezirke vorstoßen und sich in einer behaglichen Gemeinschaft wieder finden lässt. Denn es gibt da noch alle Ala(i)n Berliners dieser Welt: Um sich von dem Gleiche-Name-Syndrom zu befreien, verschickt Berliner über 800 Briefe auf dem herkömmlichen Postweg, alle eigenhändig unterschrieben und frankiert, und lädt schließlich zwölf Namensvettern zum Dinner ein: den belgischen Regisseur Alain Berliner („Mein Leben in Rosarot“, fd 32 825) und den kalifornischen Starfotografen Alan Berliner, mit denen er oft verwechselt wird, einen Rechtsanwalt aus Ohio, einen Sozialarbeiter aus Seattle. Mit dem Ergebnis: „Es gibt kein Alan-Berliner-Gen, keine gemeinsame Eigenschaft, obwohl wir alle zur Mittelschicht gehören, weiß sind und mehrheitlich jüdisch.“ Noch etwas fand Alan Berliner heraus: Das Alphabet ist undemokratisch, kam er doch immer als Erster an die Reihe. Deshalb beginnt der Abspann seines Films nicht bei A, sondern bei Z. Mit der idiosynkratischen Erzählstruktur, die das Ende offen lässt, und der fixen Idee des Exkurses sitzt dem (Autoren-) Kommentar immer der Schalk im Nacken. Wer da an Woody Allens verschroben-melancholische Selbsterkundungen zum Thema Individualismus und Vergänglichkeit denken muss, liegt gold richtig. Auch Alan Berliners „The Sweetest Sound“ lebt vom unvermittelten Umschlagen vom tiefsinnig Philosophischen ins alltäglich Banale (und umgekehrt).
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