Dokumentarfilm | Finnland/Deutschland/Schweiz 2008 | 79 Minuten

Regie: Mika Kaurismäki

Betont subjektive Dokumentation über den Jazz-Schlagzeuger und Komponisten Billy Cobham auf der Suche nach den transatlantischen Spuren afrikanischer Kultur, wobei deren Erbe in der brasilianischen Musik, aber auch im Jazz, Blues und Soul hörbar ist. Der Schwerpunkt des leicht zerfahrenen Films liegt auf Cobhams musiktherapeutischer Arbeit mit Autisten, wobei sich der Verzicht auf einen Off-Kommentar in diesem Fall eher als Manko erweist; den beeindruckenden Impressionen von der heilenden Kraft der Musik hätte die Einbettung in einen umfassenderen Zusammenhang gut getan. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
SONIC MIRROR
Produktionsland
Finnland/Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2008
Produktionsfirma
Marco Forster Prod./Uwe Dresch Film/Doc Prod./Marianna//SF/SRG/YLE
Regie
Mika Kaurismäki
Buch
Mika Kaurismäki · Uwe Dresch · Marco Forster
Kamera
Jacques Cheuiche
Schnitt
Oli Weiss · Uwe Dresch
Länge
79 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
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Diskussion
Die Trommel ist der Katalysator. Ohne die Trommel passiert gar nichts“, sagt der Pianist William Cobham sr., der einst auf Familienfesten, Tanzabenden und Hochzeiten aufspielte. Und der Tanz, ergänzt sein Sohn Billy, der sei der „sonic mirror“ des Klangs. Musik und Tanz gehörten schließlich zusammen. Mit seinem neuen Musikfilm knüpft Mika Kaurismäki nahtlos dort an, wo „Moro No Brazil“ (fd 35 286) und „Brasileirinho“ (fd 37 716) aufhörten. „Sonic Mirror“ erzählt von der Musik als Ausdruck kultureller Identität und als Medium gelingender interkultureller und zwischenmenschlicher Kommunikation. Es geht in der betont subjektiven Dokumentation, die den berühmten Fusion-Schlagzeuger Billy Cobham auf seinen Reisen begleitet, um die transatlantischen Spuren afrikanischer Kultur, deren Erbe in der brasilianischen Musik, aber auch im Jazz, Blues und Soul hörbar ist. Kenner hören immer mehr: Wo sich die Cobhams auf der Basis von Ahnen- und Namensforschung ihrer nigerianischen Wurzeln versichern, hört der nigerianische Musiker Chief Rabiu dem Schlagzeugspiel Cobham unmittelbar dessen Herkunft aus der Yoriba-Kultur ab. Es geht aber auch um soziale Initiativen und therapeutische Arbeit, in der Musik und Rhythmus wichtige Funktionen einnehmen; und nicht zuletzt um die pure Freude des Musizierens, das Erlebnis der Kommunikation mit anderen Menschen, die jenseits der Sprache möglich ist. Man sieht (kurze) Ausschnitte eines Konzerts mit Cobham, aber ungleich wichtiger ist eine Reise ins brasilianische Salvador-Bahia, wo Cobham mit der afro-brasilianischen Kulturgruppe Malê Debalê arbeitet, die den dortigen Straßenkarneval prägt. Malê Debalê ist eine kulturelle wie auch sozial-politische Initiative, richtet sich gegen Diskriminierung der afro-brasilianischen Bevölkerungsteile und verlangt von den jungen Musikern gute Schulleistungen, aber auch, dass sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Zur Belohnung dürfen sie Teil von Malê Debalê werden. Kaurismäki begleitet die Kinder mit der Kamera, interviewt Musiker und zeigt ausführlich, wie mit einfachen Mitteln eine Trommel hergestellt wird. Ihren thematischen Schwerpunkt findet diese etwas rastlose Dokumentation jedoch erst, als Kaurismäki Cobham in dessen Schweizer Wahlheimat begleitet, wo es um die musiktherapeutische Arbeit mit Autisten geht. Hier nimmt sich der Film die Zeit für Beobachtungen, die ihm sonst etwas abgeht. Auch fällt auf, dass der Musiker Billy Cobham, der in diesem Rahmen ein Konzert mit befreundeten nigerianischen Musikern gibt, deutlich in den Hintergrund rückt und Platz schafft, um Eindrücke von der Arbeit mit gehandicapten Menschen zu sammeln. Aber auch hier erweist sich der Verzicht auf einen Off-Kommentar als Manko, weil der Film zwar beobachtet, aber seine Impressionen nicht in größere Zusammenhänge stellt. So beeindruckend die Bilder sind, wenn sie zeigen, wie authentisch die Patienten auf die Musik reagieren, so sehr gerät der Film durch seine vornehme Zurückhaltung mitunter etwas tautologisch: Rhythm is rhythm is rhythm. Anders gesagt: „Music is the healing force of the universe“. Aber das wusste schon Albert Ayler. Kaurismäki scheint zu viel und zugleich zu wenig Material gehabt zu haben, als er „Sonic Mirror“ montierte. Als Zentrum eines abendfüllenden Films taugt Cobham nicht, aber auch das übrige Material war offenbar nicht tragfähig genug. Ein Indiz dafür findet sich in den letzten Minuten, wenn die Musik aus Brasilien plötzlich auch in der Schweiz gedrehte Bilder untermalt. Ganz zum Schluss gibt es dann noch einige Takte Big Band Jazz, diesmal aus Finnland. „Sonic Mirror“ hätte etwas mehr Liebe und Aufmerksamkeit des Filmemachers verdient gehabt.
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