Whisky mit Wodka

Komödie | Deutschland 2009 | 104 Minuten

Regie: Andreas Dresen

Während Dreharbeiten trifft ein populärer und lebenslustiger Schauspieler auf eine Filmpartnerin, die einst seine Geliebte war und nun die Frau des Regisseurs ist. Irritiert sucht er sein Heil im Alkohol, wodurch die Produktion in dem Star ein Risiko sieht und einen Ersatz-Darsteller engagiert, was wiederum zu Eifersüchteleien und Hahnenkämpfen führt. Melancholische Tragikomödie mit einem grandiosen Schauspieler-Ensemble und punktgenauen Dialogen über die Vergänglichkeit von Träumen, große und kleine Lebenslügen sowie die Liebe zum Filmemachen. Wie immer begegnet Dresen seinen Figuren mit großer Zärtlichkeit, ist freilich mitunter auch allzu freundlich und unentschlossen, sodass der Film als mögliche Satire aufs Filmgeschäft ohne allzu viel Biss bleibt. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2009
Regie
Andreas Dresen
Buch
Wolfgang Kohlhaase
Kamera
Andreas Höfer
Schnitt
Jörg Hauschild
Darsteller
Henry Hübchen (Otto Kullberg) · Corinna Harfouch (Bettina Moll) · Sylvester Groth (Martin Teleck) · Markus Hering (Arno Runge) · Valery Tscheplanowa (Heike Marten)
Länge
104 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Komödie

Diskussion
Film im Film – sehr neu ist das Sujet von Andreas Dresens neuestem Werk nicht, und kaum je gelingt einem Regisseur eine derart vielschichtige und subtile Selbstreflexion wie seinerzeit François Truffaut in „Die amerikanische Nacht“ (fd 18 506), mit der dieser das Genre für Jahrzehnte definiert hat. Ausgerechnet von Dresen würde auch niemand Vergleichbares erwarten: Dresen ist ein sehr genauer Beobachter, mit Gespür für feine Nuancen. Zugleich ist er einer der wenigen deutschen Regisseure mit Sinn für den Unterschied zwischen erwachsener Komik und infantiler Klamotte und mit einem funktionierenden ästhetischen Immunsystem, das seine Filme immer wieder – und auch diesmal – vor dem Abgleiten in Letzteres bewahrt. Zugleich aber fehlt allen Filmen Dresens bisher die letzte Schärfe und Bosheit, ohne die ganz große Komödien eben auch nicht auskommen, eine Ironie, die sich auch gegen sich selbst richtet, die eigene Position infrage stellt und die Charaktere einer Geschichte an den Rand ihrer eigenen Abgründe führt – natürlich ohne sie deshalb hinein stürzen zu lassen. Dresen ist, mit anderen Worten, immer ein bisschen zu nett. Wenn er dann einen Film macht, in dem es unter anderem um sich selbst, den eigenen Beruf und den der Freunde und Kollegen geht, dann spätestens schadet solche Freundlichkeit dem Film. Im Zentrum von „Whisky mit Wodka“ steht der Schauspieler Otto Kullberg: Seit Jahrzehnten erfolgreich, verbindet er Star-Status mit kumpelhafter Männerbündelei und sehr viel Ankratz bei den Frauen. Zu den Beziehungsleichen auf seinem Lebensweg gehört Bettina Moll. Beim Dreh zu seinem neuesten Film trifft er sie wieder, in einer brisanten Konstellation: Die Ex-Geliebte ist seine Filmpartnerin, inzwischen aber mit dem Regisseur Martin Teleck verheiratet. Vielleicht liegt es daran, dass Kullberg alsbald am Set seiner großen Schwäche Alkohol nachgibt. Weil daraufhin der Produzent den Dreh gefährdet sieht, wird der Theaterschauspieler Arno Runge als Ersatz verpflichtet. Zur Sicherheit werden alle Szenen mit Kullberg auch mit Runge gedreht – und so entfesselt sich ein Wettstreit der Eitelkeiten, bei dem Beruf und Privates schnell miteinander verwischen. Dieser Plot geht auf eine wahre Begebenheit bei Kurt Maetzigs „Schlösser und Karten“ (1957) zurück. Wolfgang Kohlhaase verarbeitete die Anekdote zu einem Skript, das zunächst Frank Beyer verfilmen wollte. Nach dessen Tod trug man es Dresen an. Gleich doppelt nostalgisch ist der Grundton. Denn der Film im Film – sprechender Titel: „Tango für drei“ – spielt in den 1920er-Jahren, und gedreht wird in einem alten Ostsee-Seebad. Dresen setzt stark auf das Spiel mit Film-Klischees. Das funktioniert als Komödie recht gut, wenn auch verschwenderische Regisseure, geizige Produzenten, eitle Stars, zu allem bereite Starlets und dergleichen mehr selbst Stereotypen sind, die so gut wie nie überraschen. Zum Problem wird der zweite Erzählstrang, das Porträt des Hauptdarstellers. Da soll, was sonst lustig ist, nämlich ernst gemeint sei, was leicht ist, schwer werden, und was amoralisch unterhält, Moral predigen: Der in die Jahre gekommene Schauspieler, der sein Leben im Hier und Jetzt genießt, soll als einsamer, alter Mann erkennbar werden, der in der Scheinwelt Film gefangen ist und sich nur noch durch Selbstbetrug bei Laune halten kann. Weil Dresen dem Zuschauer etwas ungeheuer Ernsthaftes über Lebenslügen und verpasste Chancen sagen möchte, zugleich dank seiner Nettigkeit und seinem humanen, dabei nachgiebigen Blick auf Welt und Menschen unter grundsätzlicher Beißhemmung leidet, übernimmt mehr und mehr ein verquält-melancholischer Grundton den Film. Immer wieder färbt diese Melancholie vom Stoff auch auf die Machart ab. „Alle lieben die Wahrheit, und jeder lügt“, lautet so ein Drehbuch-Satz. Im Raum steht die Aufforderung, nun endlich nur noch die Wahrheit zu sagen. Vielleicht liegt die Wahrheit des Satzes aber genau in der Paradoxie, die er auf den Punkt bringt. In der Vermutung, dass das Glück manchmal eher in der Lüge liegen könnte, und wahre Humanität im Aushalten der Paradoxie. „Ich war gut in der Eröffnung“, sagt Kullberg einmal – und für „Whisky mit Wodka“ gilt das nicht anders. In der zweiten Hälfte plätschert der Film zwischen Moral und Amoral eher richtungslos dahin. Auch die Darsteller hängen spürbar in der Luft, weil sich die kleinen guten Einfälle und Weisheiten nicht zum Ganzen fügen wollen, weil Dresen hier keinen Bogen findet. So ist das Ergebnis ein kleiner Film, den man wohl schnell wieder vergessen wird. Man muss gar nicht an „Boulevard der Dämmerung“ (fd 1149) denken, sondern sich nur vorstellen, Billy Wilder hätte dieses Drehbuch verfilmt, um zu begreifen, was „Whisky mit Wodka“ fehlt.
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