Allein in vier Wänden

Dokumentarfilm | Deutschland 2008 | 85 Minuten

Regie: Alexandra Westmeier

Dokumentarfilm über ein Jugendgefängnis im Ural, der in ruhigen Bildern den streng reglementierten Alltag der inhaftierten Teenager beleuchtet. Einige von ihnen geben in Interview-Sequenzen Auskunft über ihre Gefühle und Gedanken, ihre familiären Hintergründe und die Verbrechen, für die sie verurteilt wurden. Aus der sinnlichen, kommentarlosen Beobachtung entsteht nach und nach das Bild einer Gesellschaft, deren strukturelle Gewalt die Lebensläufe der Protagonisten prägt. Dabei wird ein soziales Vakuum sichtbar, das den Sinn der Jugendstrafanstalt als Resozialisierungseinrichtung in Frage stellt. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2008
Regie
Alexandra Westmeier
Buch
Alexandra Westmeier
Kamera
Inigo Westmeier
Schnitt
Alexandra Westmeier
Länge
85 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12 (DVD)
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
Linger On
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Diskussion
Der Beginn von Alexandra Westmeiers Film erinnert an David Cronenbergs „Eastern Promises“ (fd 38 506): Da erklärt ein Krimineller die Code-Sprache der Tattoos auf seinem Körper – eines bedeutet „Kniet nie vor den Bullen“, ein anderes „Die Tränen meiner Mutter“, ein weiteres steht für den ersten Knastaufenthalt. Nur ist der Träger dieser Tattoos hier kein altgedienter Russenmafioso, sondern ein Junge von vielleicht dreizehn Jahren, und statt um einen Thriller handelt es sich um eine Dokumentation über ein Jugendgefängnis in Tscheljabinsk im Ural. Der Titel, „Allein in vier Wänden“ scheint auf den ersten Blick gar nicht zu den gezeigten Verhältnissen zu passen: Alleine sind die jungen Insassen der Straf- und Erziehungsanstalt, soweit man sehen kann, eigentlich nie. Im Schlafsaal stehen etwa ein Dutzend Betten, die morgens mit militärischer Präzision gemacht werden müssen; auf dem Hof beim Frühsport in Schlappen und Boxershorts kommen rund 80 Jungen zusammen; und vom Schulunterricht über den Hofgang und die Hausaufgaben bis zum Arbeiten in diversen Werkstätten bleibt kein Platz für Privatsphäre. Einer der Jungen, die Westmeier in Interviews zu Wort kommen und über ihr Leben erzählen lässt, sagt, man sei hier nie für sich, sondern ständig unter Beobachtung der Erzieher und Lehrer. „Allein in vier Wänden“ handelt also nicht von physischer Isolation; allerdings geht es hier um andere Formen des Alleinseins. Etwa ums Abgeschnittensein von den Angehörigen, denn viele der Familien können oder wollen sich nicht um die Inhaftierten kümmern. Oder um das Gefühl, durch den Makel der Schuld, die man mit sich herum trägt, ein Außenseiter zu sein. Vor allem aber sind die Jungen alle mehr oder weniger auf sich selbst gestellt in einer Gesellschaft, die ihnen außerhalb des strikten Korsetts der Haftanstalt (oder später dem des Militärs, auf das die Jungen hier auch vorbereitet zu werden scheinen) keinen Halt bietet. Da ist von einem Vater die Rede, der zu trinken anfing, nachdem er arbeitsunfähig wurde, von einer Mutter, die von ihrem Freund fast totgeprügelt wurde und nun mit ihrer kleinen Rente kaum für sich und ihren Sohn sorgen kann, von einem netten Stiefvater, der eines Tages spurlos verschwunden ist. Die materielle Not und die soziale Verwahrlosung führen direkt zu kleineren und größeren Diebstählen; Banden bieten zwar eine Alternative zu den maroden Familienverhältnissen, gehen aber oft einher mit einer immer tieferen Verstrickung in Kriminalität und Gewalt. So einengend und trostlos der streng reglementierte Alltag in der Jugendhaftanstalt auch sein mag, scheint er doch für die meisten Jungen gegenüber ihrem früheren Leben fast eine Verbesserung – ohne Aussicht allerdings auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben „draußen“. 91 Prozent der straffälligen Jugendlichen, lässt ein Insert am Schluss wissen, werden später rückfällig. Alexandra (Regie und Buch) und Inigo Westmeier (Kamera) – beide russischer Herkunft, aber seit längerem in Deutschland arbeitend – enthalten sich in ihrer Dokumentation jeden Kommentars. In langen, sorgfältig komponierten, sinnlichen Bildern beobachten sie akribisch die Räumlichkeiten, die Handgriffe und alltäglichen Rituale in dem Gefängnis und fokussieren auf die Gesichter ihrer Protagonisten, während diese von sich und ihrer Vergangenheit erzählen. Dabei zahlt sich wahrscheinlich die Tatsache aus, dass Alexandra Wetsmeier nicht nur selbst aus Tscheljabinsk kommt, sondern auch, dass „Allein in vier Wänden“ bereits ihr zweiter Film über die Strafanstalt ist, dürfte daraus doch das spürbare Vertrauen herrühren, das ihr dort entgegengebracht wird. Ergänzt wird die gesellschaftliche Lebenswelt der Jungen, die sich aus ihren Erzählungen Stück für Stück rekonstruieren lässt, durch einige Exkurse in deren Heimat, zu ihren Familienangehörigen, die ihre Sicht der Dinge darlegen. Die „Hauptfigur“ des Films, der der meiste Raum gegeben wird, ist ein etwa 15-Jähriger, der wegen nichts Geringerem als Mord im Gefängnis sitzt: Zusammen mit einem Kumpel hat Tolja einen anderen Jungen erschlagen. Die Drastik dieses brutalen Mordes, dessen nähere Umstände in der zweiten Hälfte des Films allmählich aufgerollt werden, lässt sich nur schwer mit dem introvertierten, nachdenklichen Jugendlichen in Deckung bringen, den man zuvor in den Interviews kennen gelernt hat; und so sehr einen die grausamen Details vor den Kopf stoßen, so wenig mag man doch – anders als die ebenfalls zu Wort kommende Mutter von Toljas Opfer – den Stab über den Täter brechen; hat doch Westmeiers Film zuvor glaubwürdig die strukturelle Gewalt offen gelegt, mit der er und die anderen jugendlichen Kriminellen aufgewachsen sind. Nicht nur Toljas Geschichte wirft dabei unangenehme Fragen auf, sich die über die Verortung des Films im postsowjetischen Ural hinaus an den juristischen wie gesellschaftlichen Umgang mit straffälligen Jugendlichen stellen: Wie soll Resozialisierung funktionieren, wenn außerhalb der vier Wände der Gefängnisse nur ein soziales Vakuum ist?
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