Gefängnisfilm | Deutschland 2009 | 109 Minuten

Regie: Philip Koch

Ein junger Mann landet im Gefängnis und behauptet sich in der dortigen Hierarchie, indem er sich vom Drangsalierten zu jemandem mausert, der selbst drangsaliert. In einer Nacht eskaliert die physische und psychische Gewalt auf drastische Weise. Der Film vermittelt suggestiv den Druck, der auf den Inhaftierten lastet, und treibt ihn ebenso schmerzhaft wie intensiv einem grausamen Höhepunkt zu. Seinen Anspruch, die Gewalteskalation über den Knast-Kosmos hinaus als gesellschaftliches Phänomen zu problematisieren, löst er freilich nicht ein. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2009
Regie
Philip Koch
Buch
Philip Koch
Kamera
Markus Eckert
Schnitt
André Bendocchi-Alves
Darsteller
Constantin von Jascheroff (Kevin) · Frederick Lau (Marc) · Joel Basman (Tommy) · Martin Kiefer (Andy) · Jule Gartzke (Frau Schmitt)
Länge
109 Minuten
Kinostart
03.02.2011
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Gefängnisfilm

Heimkino

Die Extras enthalten u.a. ein Feature mit fünf im Film nicht verwendeten Szenen (10 Min.).

Verleih DVD
movienet (16:9, 1.78:1, DD5.1 dt.)
Verleih Blu-ray
movienet (16:9, 1.78:1, dts-HD dt.)
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Diskussion
Ein Kinofilm als Mutprobe. Auf dem Max Ophüls-Festival 2010 in Saarbrücken war „Picco“ Tagesgespräch. Genauer gesagt, die letzte halbe Stunde von „Picco“. Drin geblieben oder raus gegangen? Ist der Film zu hart? Bist Du zu schwach! Dazu ein Regisseur, der nicht müde wurde, sich zu seiner eigenen Kompromisslosigkeit zu beglückwünschen. Schließlich gilt für den Film: „Basierend auf einer wahren Begebenheit“. Den jungen Darstellern sah man nach der Premiere an, dass sie mit ihrer knallharten Darstellung homophober Dummköpfe sehr zufrieden waren. Später konnte man lesen, dass Frederick Lau seiner Mutter verboten habe, den Film anzusehen, weil er ihr die ganzen „Du Opfer!“-Sprüche ersparen wollte. Leider dreht sich das ganze Bohei letztlich doch nur um einen Gefängnisfilm, der die dort herrschende Gewalt nicht nur schonungslos anprangert, sondern eben auch mit großem Kunstverstand inszeniert und ausstellt. Der Film will zeigen, was schmerzt: die Realität hinter den Gefängnismauern, wo die Inhaftierten selbst das „Überwachen und Strafen“ (Foucault) in die Hand nehmen. In Zeiten, in denen schon lang nicht mehr über mögliche Alternativen zum geschlossenen Strafvollzug diskutiert wird, könnte der Blick hinter die Gefängnismauern tatsächlich ein Tabu berühren. Andererseits ist fraglich, ob die quälende Beschränkung auf die Knast-Binnenperspektive tatsächlich die intendierte Wirkung nach außen erzielt. Im Presseheft erläutert Regisseur Philip Koch, dass es in diesem Film „um uns selbst (geht), als Teil einer Gesellschaft, die trainiert wurde, überall dort weg zu sehen, wo es weh tut. Dieser Film tut nicht weh wegen der radikalen Darstellung physischer Gewalt, nicht wegen der schonungslosen Brutalität, den ständigen Demütigungen, den unfassbaren seelischen Grausamkeiten. Dieser Film tut weh, weil er uns mit unserem eigenen Versagen konfrontiert. Wir können diese wütenden Kinder nicht verleugnen, die Verantwortung für ihr Scheitern nicht ihnen selbst zuschreiben. Diese Kinder sind wütend auf uns. Wir selbst haben sie zu dem gemacht. Die einzigen Täter in ‚Picco‘ sind wir.“ Ein ehrenwertes Statement; allein, die Filmdramaturgie nimmt einen Verlauf, der diese These zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise belegt. Stattdessen wird die Geschichte von Kevin erzählt, einem sensiblen Sohn aus gutem Hause, der zum ersten Mal „einfährt“ und lernen muss, wie schmerzhaft es sein kann, wenn man die gewalttätige Knast-Atmosphäre qua Reflexion auf Distanz halten zu können glaubt. Denn Kevin ist der Picco, der Neue – und steht damit automatisch in der Knast-Hierarchie ganz unten. Respekt will hier verdient sein. Am besten dadurch, dass man jemanden findet, den man seinerseits drangsalieren kann. Die Hierarchien im Knast sind fließend; niemand kann sicher sein, nicht als nächster zum Opfer zu werden, weshalb die „Offensive“ die beste Strategie zu sein scheint. Anhand einer Reihe exemplarischer Episoden vermittelt der Film einen Eindruck des Drucks, der auf den Inhaftierten lastet. Man lernt die Protagonisten kennen: den Sadisten, den Dealer, den Intriganten, den Bodybuilder – bis sich das erste Opfer „weggehängt“ hat. Man sieht, wie Kevin zunächst rebelliert und dann zum Mitläufer wird, der dank seiner Intelligenz schnell lernt, wie hier der Hase läuft. Man wird Zeuge der „Verrohung des Kevin“, um einen alten Film von Reinhard Hauff in Erinnerung zu rufen, der gar nicht so weit von „Picco“ entfernt ist. Kevin lernt: Wer nicht länger Opfer sein will, muss anfangen, sich zu wehren. Die Zuschauer lernen: Wer in den Knast kommt und noch kein Verbrecher ist, ist es spätestens, wenn er wieder raus kommt. Nach seiner eher allgemeinen Einführung in die Verkehrsformen hinter Gittern widmet sich der Film dann einer „dichten Beschreibung“ der gruppendynamischen Prozesse einer Nacht in der Vier-Mann-Zelle, in deren Verlauf ein Mithäftling in den Selbstmord getrieben wird. Diese Zuspitzung ist locker angelehnt an Ereignisse, die 2006 die JVA Siegburg in die nationalen Schlagzeilen gebracht haben. So intensiv sich der Film der Darstellung der Eskalation von Gewalt widmet, so sehr fallen Schwächen jenseits der Zellen-Klaustrophobie ins Gewicht: Der Versuch, über eine Besucherszene den Blick auf die sozialen Milieus der Inhaftierten zu öffnen, bleibt bestenfalls skizzenhaft und führt innerhalb des Films zu nichts. Zudem finden sich in den stilisiert redundanten Dialogen immer wieder Momente, die quasi für den Zuschauer formuliert sind, der offenbar als begriffsstutzig erachtet wird. So beklemmend die Gewalt inszeniert ist, so beschränkt bleibt die Kunst des Films auf diese Momente. Insbesondere der Transfer aufs gesellschaftlich Ganze, das Koch so ostentativ in seinem „Statement“ anführt, gelingt nicht. So sitzt man den Film wohl oder übel aus, registriert vielleicht, dass der Habitus der jungen Darsteller bei allem Engagement letztlich immer „gutbürgerlich“ bleibt und denkt bereits beim Abspann an den Titel eines Gefängnisfilms von Damiano Damiani aus dem Jahre 1971: „Das Verfahren ist eingestellt. Vergessen Sie’s!“(fd 20 337).
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