Drama | Chile/Argentinien/Frankreich/Südkorea 2010 | 107 Minuten

Regie: Pablo Trapero

Eine drogenabhängige Ärztin und ein dubioser Anwalt, der viel Geld damit verdient, Unfallopfer aufzusuchen und juristisch zu vertreten, lernen sich kennen und lieben. Zusammen versuchen sie, ihr Leben in bessere Bahnen zu lenken. Atmosphärisch dichtes Drama mit überzeugenden Darstellern, dessen Handlung zwar allzu unübersichtlich in eine nächtlich-düstere Welt eintaucht, aber doch immer wieder zu eindrücklichen Szenen findet. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CARANCHO
Produktionsland
Chile/Argentinien/Frankreich/Südkorea
Produktionsjahr
2010
Regie
Pablo Trapero
Buch
Alejandro Fadel · Martín Mauregui · Santiago Mitre · Pablo Trapero
Kamera
Julián Apezteguía
Schnitt
Ezequiel Borovinsky · Pablo Trapero
Darsteller
Ricardo Darín (Hector Sosa) · Martina Gusman (Luján Olivera) · Carlos Weber (Perro) · José Luis Arias (Casal) · Loren Acuña (Mariana)
Länge
107 Minuten
Kinostart
26.05.2011
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Thriller

Diskussion
Sie ist drogenabhängig und Ärztin; er hat als Anwalt seine Lizenz verloren: Zwei gefallene Engel sind die Protagonisten von „Carancho“. Und das ist, wie einiges andere an diesem subkutan-fiebrigen Neo-Noir-Thriller von Pablo Trapero, verstörend. Ort des Geschehens ist Buenos Aires. Die Notaufnahme eines Krankenhauses. Nachtdunkle Straßen, Plätze, Kreuzungen, schummerige Wohnungen, eine nachmitternächtlich-leere Bar, vor allem aber, und immer wieder: Unfallorte, völlig zerstörte Autos, Asphalt, Öl, Benzin, Glassplitter, Blut, Verletzte. Zum Filmanfang klärt eine Statistik auf: Über 8.000 Tote pro Jahr, das ergibt 22 pro Tag; gibt es auf Argentiniens Straßen. Der Wirklichkeit entsprechend, oder vielleicht auch nicht – bedeutet das viel Leid und viel Geld. Denn an diesen Unfällen hängt, wie „Carancho“ ausführt, eine ganze Industrie. Und wie überall, wo Geld im Umlauf ist, haben Profiteure ihre Hände mit im Spiel. Als „caranchos“ – zu Deutsch etwa „Aasgeier“ – werden sie in Traperos Film bezeichnet: Rechtsvertreter, die Unfallopfer und Angehörige unter ihre Fittiche nehmen und dafür sorgen, dass Versicherungsgelder fließen – und die dabei einen schönen Batzen des Geldes für sich abzweigen. Ein solcher „carancho“ ist Héctor Sosa, einmal mehr wunderbar charismatisch und – gerade in gebrochenen Rollen – ungemein sexy verkörpert von Ricardo Darín. Er ist Anwalt, derzeit aber lizenzlos, und arbeitet für eine vermeintlich gemeinnützige Stiftung, die sich um Unfallopfer kümmert. Dass es da nicht mit rechten Dingen zugeht, erahnt man schon zu Anfang, als Héctor nach kurzem, verbalem Geplänkel auf der Straße verprügelt wird. In der Tat ist das Berufsumfeld hart, die Konkurrenz groß. Deswegen rekrutiert Sosa Kunden vorwiegend vor Ort: in Spitälern, Arztpraxen, noch lieber am Unfallort. An einem solchen Arbeitstag begegnet er eines Tages der Notfallärztin Luján Olivera. Sie ist hübsch, energisch, zugleich zerbrechlich. Gespielt wird sie von Martina Gusman, Traperos Frau, die auch als ausführende Produzentin zeichnet. Es ist Liebe auf den ersten Blick: Hier der charismatisch-eigennützige Samariter, dort die vor kurzem in die Stadt gezogene Jungärztin. Dass Sosa den Verletzten fachmännisch betreut, mit ins Spital fährt, hier offensichtlich bekannt ist, sodass „sein“ Verletzter bevorzugt behandelt wird, irritiert, aber nur kurz: Irgendwie gemahnt Traperos siebter Spielfilm an Walter Serners köstlich-kriminelle Liebesgeschichten. Und natürlich an Martin Scorseses „Bringing Out the Dead“ (fd 34 225). Tatsächlich werden Luján, die ihren aufreibenden Job nur mit Drogen durchhält, und Héctor, der aussteigen will, sich aber zunehmend tiefer in Betrügereien verstrickt, zu Liebenden und „Partners in Crime“. Auch wenn die Story zu oft um die Ecke führt, weniger mehr gewesen wäre, so finden sich in „Carancho“ doch einige unvergessliche Szenen. Zuvorderst diejenige, in der Luján und Héctor frühmorgens in einer Bar die Autos zählen, die bei Rot über die davor liegende Kreuzung fahren, um, falls es mehr als drei sind, sich das erste Mal zu küssen.
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