Who Am I - Kein System ist sicher

Thriller | Deutschland 2014 | 106 Minuten

Regie: Baran bo Odar

Ein schüchterner Pizza-Bote mit außergewöhnlichen Programmierfähigkeiten wird von einer anarchistischen Hackergruppe rekrutiert, die durch eine Reihe subversiver Streiche zwischen die Fronten von Europol und schwerkriminellen Konkurrenz-Hackern gerät. Der ambitionierte Thriller wartet mit einem ästhetischen Dauerbeschuss auf und zitiert dramaturgisch ausführlich die einschlägigen Genre-Vorbilder. Auch wenn die allzu vertraut erscheinende Handlung wenig Überraschungen bietet, punktet der Film mit seinem selbstbewussten Referenzcharakter. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2014
Regie
Baran bo Odar
Buch
Jantje Friese · Baran bo Odar
Kamera
Nikolaus Summerer
Musik
Michael Kamm
Schnitt
Robert Rzesacz
Darsteller
Tom Schilling (Benjamin) · Elyas M'Barek (Max) · Hannah Herzsprung (Marie) · Wotan Wilke Möhring (Stephan) · Antoine Monot jr. (Paul)
Länge
106 Minuten
Kinostart
25.09.2014
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Thriller

Diskussion
Benjamin beherrscht einen Zaubertrick: Er lässt Zuckerwürfel verschwinden. Diese Aktion ist, wie so vieles in der Inszenierung des gebürtigen Schweizers Baran bo Odar, doppelt kodiert, referenziell aufgeladen, vielleicht sogar überladen – aber sie ist auch eine treffliche Metapher. Sind nicht die Hacker die Magier von heute, wo alles Wissen digital abgelegt, auffindbar und manipulierbar ist und diese Manipulationen auch direkt in den „Meatspace“ der physischen Welt zurückwirken? Das wäre der eine Mythos um die Szene. Der andere ist der einer hedonistischen Jugendkultur, die in einem seltsamen Dauerrausch gefangen steckt, der Allmacht und Rebellion paradox miteinander verbindet. Benjamin und seine Clique pumpen sich mit Ritalin voll, um solange wie möglich vor dem Rechner bleiben zu können. Der andere Mythos kreist um die Figur des Nerds. Benjamin ist der klassische Repräsentant: still, schüchtern, aber mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattet. Ein Pizza-Bote, der Superman zitiert, das passt irgendwie. Er muss Sozialstunden ableisten, weil er versucht hat, für seinen Jugendschwarm Marie die Examensfragen aus dem Uni-Rechner zu saugen. Beim Straßenfegen begegnet er Max, der ihn einführt in eine intensivierte Form des Lebens, das Benjamin bisher vorwiegend vor dem Rechner verbracht hat – und der mit zwei weiteren Kumpels weiß, was sich mit Benjamins Fähigkeiten anstellen lässt. „CLAY“ nennen sich die vier, sie tragen Clownsmasken und irritieren für kurze Momente die Infrastruktur von Neonazi-Parteien und Pharma-Firmen, den bösen Buben von Recht, Ordnung und Profit. Vor allem haben sie jede Menge Spaß dabei, den Baran bo Odar durch eine Art ästhetischen Dauerbeschuss aufs Publikum übertragen will: stakkatohaft aneinandergereihte Großaufnahmen, Stroboskop-Blitze von Diskotheken, die verwaschenen Konturen des nächtlichen Berlin, das im Porsche an den Augen vorbeifließt – und immer wieder das Zucken, Hämmern, Kratzen und Flirren der elektronischen Beats. Der Film schreit „Genre“ und „Amerika“ in allen diesen Momenten, so weit wie möglich weg vom Klischee des deutschen „Förder-Problem-Drama-Kinos“. Dafür werden andere Klischees, die Bilder von Drogen und Ekstase etwa, aber auch bemühte Wendungen des Plots umso deutlicher ausgestellt. „Who am I“ ist ein Zitatenfilm, der sich seiner Zitathaftigkeit bewusst ist und denen, die Kritik daran üben wollen, den Mittelfinger entgegenstreckt wie „CLAY“ dem Establishment. So harmlos wie die Vier sind aber nicht alle Hacker: Es wird ernst, kriminell und blutig, die Abgründe der Szene visualisieren sich in den originellsten Szenen des Films in einem vollgestopften, versifften U-Bahn-Wagen. Dieser allegorisiert den Chatroom, in dem alle Gestalten Masken tragen und im verzerrten Bass aufeinander einreden, ein unheimlicher Karneval mit dem sagenumwobenen Hacker MRX, dem großen Vorbild von Max und Benjamin. Auch das mag ein sehr bürgerliches Schreckbild sein, eine verzerrte Paranoia-Fantasie – aber der Überschuss, auch an Eindeutigkeit, ist nun einmal das Konstruktionsprinzip dieses Films.
Kommentar verfassen

Kommentieren