Right Now, Wrong Then

Komödie | Südkorea 2015 | 121 Minuten

Regie: Hong Sang-soo

Ein südkoreanischer Filmemacher kommt einen Tag früher als geplant in eine Provinzstadt, wo er in einem Tempel eine junge Künstlerin kennenlernt. Beide kommen sich näher, bis der Regisseur eingesteht, dass er verheiratet ist. Danach beginnt der Film neu und erzählt in der zweiten Hälfte die Geschichte noch einmal, mit Nuancen, Abweichungen und entscheidenden Akzenten. Ein leichtfüßiges, humorvoll-charmantes, in den Hauptrollen hervorragend gespieltes Traktat über den Zufall und verpasste Chancen, das die Figuren in alltäglichen Miniaturen beobachtet und ohne dramatische Zuspitzungen in Bann zieht. (O.m.d.U.) - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
JIGEUMEUN MATGO GEUTTAENEUN TEULLIDA
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2015
Regie
Hong Sang-soo
Buch
Hong Sang-soo
Kamera
Park Hong-yeol
Musik
Jeong Yong-jin
Schnitt
Hong Sang-soo
Darsteller
Jung Jae-young (Ham Cheon-soo) · Kim Min-hee (Yoon Hee-jeong) · Ko Ah-sung (Yeom Bo-ra) · Yun Yeo-jong (Kang Duk-soo) · Gi Ju-Bong (Kim Won-ho)
Länge
121 Minuten
Kinostart
08.12.2016
Fsk
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Komödie

Kunstsinnige Charade über eine romantische Beziehung von Hong Sang-soo

Diskussion
Der Filmemacher Ham Chun-su soll in der Provinzstadt Suwon einen seiner Filme persönlich vorstellen. Aus Versehen ist er aber einen Tag zu früh aus Seoul angereist. So vertreibt er sich die Zeit und besucht einen alten Palast, der erst kürzlich restauriert wurde. Im Innenhof spricht er eine junge Künstlerin an: Yoon Hee-jung. Die beiden verbringen den Tag miteinander. Sie reden über sich und ihr Leben, spinnen im Café philosophische Gedanken oder suchen ihr Atelier auf, wo sie ihm ihre Bilder zeigt. Am Abend treffen sie sich mit ihren Freundinnen. Man spürt als Zuschauer die Anziehung zwischen den beiden, sie kommen sich immer näher. Doch dann fragt Hee-jung den Regisseur, ob er verheiratet sei. Chun-su muss die Frage bejahen – zur großen Enttäuschung der jungen Frau. Alles könnte so einfach sein, doch irgendetwas läuft schief. Dann aber, nach einer Stunde, springt der Film zum Anfang zurück, und erzählt seine Geschichte noch einmal, mit kleinen, aber wichtigen Abweichungen, unterschiedlichen Akzenten und anderen Konsequenzen. „Right Now, Wrong Then“ ist ein wundervoll leichtfüßiges Traktat über den Zufall und verpasste Chancen, ein Spiel um Möglichkeiten und Bedauern, eine Variation über Begegnungen und Trennungen. Es könnte auch anders passiert sein, ehrlicher vielleicht, offener im Umgang miteinander. Wie der südkoreanische Regisseur Hong Sang-soo das inszeniert, erinnert in seinem Charme, der komischen Art und einer gelassenen Heiterkeit an die Filme von Eric Rohmer. Aber auch an „Melinda und Melinda“ (fd 37 108) von Woody Allen, „Smoking/No Smoking“ (fd 31 016) von Alain Resnais oder „Sliding Doors“ (fd 33 414) von Peter Howitt, in denen ebenfalls unterschiedliche Pfade einer Geschichte verhandelt wurden. Und doch ist hier etwas anders, weil es nicht um Entscheidungen geht. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Hong Sang-soo bietet keine Lösung an. Er forciert die Geschichte nicht, sondern lässt die Handlung unaufgeregt fließen. Das Leben geht weiter, Gefühle ändern sich. In kleinen, fast alltäglichen Miniaturen beobachtet Hong seine Figuren, ihre Mimik, ihre Reaktionen und Worte. Ohne dramatische Ausbrüche oder übertriebene Aktionen involviert der Regisseur das Publikum in den Film und hält das Interesse wach, weil dieses „Was wäre gewesen, wenn…“ oder ein „Es hat nicht sollen sein“ nur allzu vertraut sind. Damit schlägt Hong auch eine Brücke zu seinen eigenen Filmen. Der narzisstische Mann erinnert an den selbstgefälligen Professor aus „Haewon und die Männer“ (2013), wie Filmschaffende auch in anderen seiner Filme im Zentrum stehen, etwa in „Ha Ha Ha – Das Leben ist ein Witz“ (2010) oder „In einem fremden Land“ (2012). Keiner dieser wunderbaren Filme ist in Deutschland ins Kino gekommen; „Right Now, Wrong Then“ ist der erste „Hong Sang-soo“, der es hierzulande regulär auf die große Leinwand schafft. Hier ist der Regisseur ein sensibler Autor, dem es vor allem um seine künstlerische Integrität geht; Komplimente von weiblichen Bewunderern nimmt er mit gespielter Verlegenheit entgegen. Dass er das Frage-und-Antwort-Spiel nach Filmvorführungen verabscheut, könnte eine kleine Spitze Hong Sang-soos gegen Pressekonferenzen sein; doch das ist nur eine kleine Beobachtung am Rande. „Right Now, Wrong Then“ gewann 2015 in Locarno den Goldenen Leoparden und der Hauptdarsteller Jung Jae-young wurde als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet. Ganz zu Recht: Wenn man ihn dabei beobachtet, wie er geschmeichelt auf die Bewunderung der Künstlerin reagiert und sich ständig die vollen Haare aus der Stirn streicht, glaubt man seine Gedanken fast hören zu können. Mal ist er verlegen oder unentschlossen, mal wortkarg oder ungestüm, mal betrunken oder vernünftig. Manchmal drohen ihm auch die Gesichtszüge zu entgleiten angesichts der moralischen Zwickmühle, in der er steckt. Und immer glimmen begehrende Blicke auf das Gegenüber auf, die im beredten Widerspruch zum Gesagten stehen. Dieses Gesicht will einem nicht mehr aus dem Kopf.
Kommentar verfassen

Kommentieren