Cemetery of Splendour

Drama | Thailand/Großbritannien/Frankreich/Deutschland/Malaysia/Südkorea 2015 | 122 Minuten

Regie: Apichatpong Weerasethakul

Thailändische Soldaten, die an einer rätselhaften Schlafkrankheit leiden, werden in einer zur Klinik umgewandelten Schule behandelt. Während die Ärzte selbst mit neuester Technik vor einem Rätsel stehen, findet eine Pflegerin mit unkonventionellen Methoden Zugang zu den Schlafenden, was imaginäre Türen zur Geisterwelt, aber auch in die Vergangenheit auftut. In eher angedeuteten als ausformulierten Erzählungen entfaltet der „magische“ Film eine dokumentarisch grundierte Weltsicht, in der das Wunderbare inmitten des durchaus auch politisch konnotierten Alltags aufscheint. Menschen und Götter, Geschichte und Zukunft sind darin metaphorisch-konkret allgegenwärtig. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
RAK TI KHON KAEN
Produktionsland
Thailand/Großbritannien/Frankreich/Deutschland/Malaysia/Südkorea
Produktionsjahr
2015
Regie
Apichatpong Weerasethakul
Buch
Apichatpong Weerasethakul
Kamera
Diego García
Schnitt
Lee Chatametikool
Darsteller
Jenjira Pongpas Widner (Jenjira) · Banlop Lomnoi (Itt) · Jarinpattra Rueangram (Keng) · Petcharat Chaiburi (Schwester Tet) · Tawatchai Buawat (Mediator)
Länge
122 Minuten
Kinostart
14.01.2016
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Rapid Eye Movies
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Diskussion
Jenjira, eine Frau mittleren Alters, sitzt an einem Tisch, unter einem Pavillondach. Im Hintergrund und um sie herum, wie während des gesamten Films: Straßengeräusche, Alltagsleben. Jenjira verzehrt ein Picknick: Longkong-Früchte, die sie in einer Plastiktüte mitgebracht hat. Bald setzt sich eine jüngere Frau zu ihr, dann noch eine zweite. Es entspinnt sich ein Gespräch, das eine unerwartete Wendung nimmt, als sich die beiden jüngeren Frauen zu erkennen geben: Wir sind Göttinnen, sagen sie, und wollen uns dafür bedanken, dass Jenjira uns gestern Opfergaben vorbeigebracht hat. Tatsächlich hatte Jenjira ein paar Szenen zuvor einen religiösen Schrein besucht und vor zwei weiblichen Statuen Gaben ausgelegt, von denen sie hofft, dass sie ihr Glück bringen. Jetzt erwidern die zum Leben erwachten Göttinnen den Besuch. Jenjira ist, wen würde es nicht wundern, konsterniert und starrt die beiden Frauen schweigend und mit weit aufgerissenen Augen an. Die Longkong-Früchte freilich teilt sie weiterhin mit ihren Besucherinnen. Schon seit seinem Debütfilm „Mysterious Object of Noon“ (2000) ist das ein zentrales Motiv der Filme des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul: Die Geister sind immer unter uns. Das Fantastische, Mystische ist in seinem Werk nicht das Andere des Alltags, sondern dessen integraler Teil. „Cemetery of Splendour“ ist in dieser Hinsicht Weerasethakuls konsequentester Film. Weil die Geister einerseits noch allgegenwärtiger sind als in den Vorgängerfilmen. Und weil der Regisseur andererseits filmisch noch weniger Aufhebens um die fantastischen Elemente seiner Erzählung macht als zum Beispiel in „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ (fd 40 079), in dem es immerhin noch einige primitiv-naive Spezialeffekte zu bestaunen gab. In „Cemetery of Splendour“ dagegen sind Menschen und Götter endgültig ununterscheidbar geworden. Das beginnt beim zentralen Schauplatz des Films, der gewissermaßen nicht nur ein, sondern mindestens drei Orte hat: In einem geräumigen Zimmer liegen Soldaten, die einer mysteriösen Schlafkrankheit anheimgefallen sind, auf Krankenbetten und werden gepflegt. Eigentlich ist das Zimmer aber Teil einer Grundschule. Die wiederum auf einem historischen Friedhof errichtet wurde, von dem möglicherweise nach wie vor geheimnisvolle Energien ausstrahlen. Und im Garten stehen aus irgendeinem Grund riesige Dinosauriermodelle. Eine veritable Zeitmaschine ist das: Der Raum mit den Krankenbetten verbindet die Jungen mit den Alten, die Lebenden mit den Toten, die Vergangenheit mit der Gegenwart. Vielleicht sogar mit der politischen Gegenwart Thailands, das seit einem Putsch im Jahr 2014 neuerlich von Militärs regiert wird. Die jetzt von Weerasethakul schlafen geschickt werden. Ausgehend von diesem Raum, der gelegentlich von farbigen Neonröhren illuminiert und dadurch endgültig in eine Art ästhetische Trance überführt wird, erzählt Weerasethakul eine eher angedeutete als ausformulierte Geschichte: Jenjira (großartig und aus mehreren älteren Filmen des Regisseurs bekannt: Jenjira Pongpas Widner), die ihrerseits auf Krücken angewiesen ist, da eines ihrer Beine zehn Zentimeter kürzer ist als das andere, arbeitet als Freiwillige in dem Krankenhaus. Sie fühlt sich vor allem zu einem Patienten namens Itt hingezogen, mit dem sie bald Ausflüge in die nähere Umgebung unternimmt. Zwischendurch unterhält sie sich mit Göttinnen, begutachtet die Erektion eines anderen Patienten oder besichtigt die Räumlichkeiten eines unsichtbaren Palastes. Weerasethakul hat seine Methode von Film zu Film verfeinert. In den älteren Spielfilmen arbeitete er noch mit harschen erzählerischen Brüchen: In „Tropical Malady“ (fd 37 306) kommt die bis dahin halbwegs realistisch anmutende Handlung nach der Hälfte der Laufzeit komplett zum Stillstand und man findet sich plötzlich orientierungslos in einem Zauberwald wieder. „Cemetery of Splenour“ ist dagegen, wie schon der mittellange Vorgängerfilm „Mekong Hotel“ (2012) die Ruhe selbst, ohne freilich je komplett still zu stehen. Das hängt auch damit zusammen, dass beide Filme eine starke dokumentarische Grundierung haben. Mindestens so sehr wie für Jenjira interessiert sich „Cemetery of Splendour“ für einen Bagger, der im Verlauf des Films ein ganzes Fußballfeld umgräbt, oder für Gruppen synchrontanzender Menschen im Park. Man muss gar nicht viel tun, um den Alltag über sich selbst hinaus zu führen. Man muss nur geduldig hinschauen und den Leuten genau zuhören. Dann werden sich die Götter schon offenbaren.
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