Sky - Der Himmel in mir

Drama | Frankreich/Deutschland 2015 | 103 Minuten

Regie: Fabienne Berthaud

Eine Französin, die schon mehrere Fehlgeburten erlitten hat, wird von ihrem Ehemann während eines Urlaubstrips durch Nevada gedemütigt und sexuell bedrängt, schlägt ihn nieder und flüchtet. Sie strandet in Las Vegas, wo sie mit einem attraktiven Ranger eine Nacht verbringt und sich auf dessen abgelegenem Hof einnistet, was der bindungsscheue Mann mit gemischten Gefühlen quittiert. Das episodenhafte Road Movie packt die Geschichte einer Frau, die in der Fremde alle Brücken abreißt und ihren Instinkten folgt, in erfrischend realistische Bilder, schwächt die Erzählung aber durch übertriebene Zeichenhaftigkeit. Auch irritiert die ungebrochene Darstellung eines Strebens nach Halt, das aus negativen Erfahrungen keine Konsequenzen zieht. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SKY
Produktionsland
Frankreich/Deutschland
Produktionsjahr
2015
Regie
Fabienne Berthaud
Buch
Fabienne Berthaud · Pascal Arnold
Kamera
Nathalie Durand
Musik
François-Eudes Chanfrault
Schnitt
Pierre Haberer
Darsteller
Diane Kruger (Romy) · Norman Reedus (Diego) · Gilles Lellouche (Richard) · Lena Dunham (Billie) · Q'Orianka Kilcher (Missy)
Länge
103 Minuten
Kinostart
09.06.2016
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Heimkino

Die Extras enthalten u.a. ein Feature mit im Film nicht verwendeten Szenen (7 Min.).

Verleih DVD
Alamode (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Alamode (16:9, 1.85:1, dts-HDMA engl./dt.)
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Diskussion
Romy sei wie der Himmel, mit Wolken, die ständig ihre Form verändern, immer weiterziehen und deshalb nie bleiben können. Als die junge Frau aus Paris im tiefsten Nevada von einer alten Schamanin den Beinamen „Mapiya“ erhält, ist sie in dem Road Movie von Fabienne Berthaud eigentlich schon angekommen. Ein paar Wochen zuvor war Romy noch mit ihrem Mann Richard durch den Wüstenstaat gekurvt, bis dieser eines Abends eine Grenze überschritt. Sie könne nur sauer sein und Babys verlieren, fuhr Richard seine Frau vor zwei Barbekanntschaften an, als sie den Betrunkenen ins Hotelbett bugsieren wollte. Als er dann auch noch sexuell übergriffig wurde, hat Romy, die Frau, die schon so viele Fehlgeburten erlitt, zurückgeschlagen. So lange, bis der Angetraute sich nicht mehr rührte. Das ist der Beginn einer Flucht wie in „Psycho“ (fd 9570), mit einem gebrauchten Plymouth-Auto, misstrauischen Polizisten und anzüglichen Motel-Begegnungen. Doch Berthaud will keine Verfolgungsjagd erzählen, sondern das Drama einer Frau, die versucht, endlich auf eigenen Füßen zu stehen, sich darauf aber nicht lange halten kann. Schon bald sucht die selbst deklarierte Mörderin die nächste Polizeistation auf, wo man sie allerdings beruhigt. Richard ginge es den Umständen entsprechend gut. Allerdings hat bei Romy inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Noch am Krankenbett schlägt sie Richards Wiederannäherungsversuch aus und trampt nach Las Vegas, wo sie auf eine Animierdame trifft und bei ihr unterkommt. Charlene, die schönheitsoperierte Personifikation von Las Vegas’ Künstlichkeit, lebt davon, dass sie Touristen auf der Straße zu Fotos mit ihr und zwei Elvis-Imitatoren bequatscht. Als Romy für sie einspringt und im türkis-glänzenden Bunny-Kostüm durch ein Casino wackelt, wird sie von einem der Spieler für eine Prostituierte gehalten. Keine Verpflichtungen, keine Gefühle, so mag es der Ranger Diego. Aber da ist er bei Romy, die sich nach dem One-Night-Stand auf seiner kleinen Ranch einnistet, an die Falsche geraten. Die Kamerafrau Nathalie Durand hat die Szenen in nahbare, manchmal sogar entsättigte Bilder einer vor Farben strotzenden Landschaft gekleidet, die nicht so glatt sind, wie man es aus anderen Road Movies des US-Kinos kennt. Es sind unprätentiöse Blicke, die in ihrer Zeichenhaftigkeit aber etwas Prätentiöses haben. Da steht die Naturliebhaberin Romy mit Richard am Bombay Beach und erklärt, dass hier das Epizentrum des nächsten großen Bebens vermutet wird. Ihr Blick auf ein Indianer-Bild spricht ebenso Bände wie das spätere Geständnis, bereits in Las Vegas einen kleinen Schatten (wie den eines Kindes) neben sich gesehen zu haben. Romys Gang zur Polizei gehen ebenfalls symbolhafte Erscheinungen voraus: auf den blutigen Albtraum einer Fehlgeburt folgen ein verunglückter Motorradfahrer und ein weißer Wolf, denen Romy auf nächtlicher Straße begegnet. Thanatos und Eros liegen in Berthauds Wildem Westen nah beieinander. So seltsam deplatziert diese Bilder anmuten, so fremdartig wirkt auch Romy, von deren Schönheit alle Figuren korrumpiert erscheinen, wobei Diane Krugers glaubhaftes Spiel immerhin verhindert, dass die am Ende ins Tragische tendierende Erzählung melodramatisch abrutscht. Der Film hat dabei weniger ein visuelles als ein argumentatives Problem. In der Verbundenheit mit der Natur und in dem Begehren eines neuen Mannes, der sie beständig von sich stößt, findet Romy die Liebe und die Fruchtbarkeit wieder. Diese romantische „Heimkehr“ eines Naturwesens geht allerdings mit einem emanzipatorischen Rückschritt einher. Zumal nie ganz klar wird, warum sich Romy in diese karge Landschaft und ihre White-Trash-Bewohner so verliebt und einem Leben mit Job, Freunden und Partner in Paris vorzieht. Die Erzählung funktioniert dabei durchaus als Schilderung einer Frau, die ihren Instinkten folgt, und seien diese noch so „weiblich“ konnotiert. Der Umstand aber, dass der Film die Liebe zu einem Mann romantisiert, der Romy keine Zukunft bieten kann, statt ihr Bindungsstreben auch als Schwäche darzustellen, verleiht der Inszenierung etwas Unentschlossenes. So, als wüsste die Regisseurin im Blick auf das Fremde selbst nicht so genau, wo sie ihre Halt suchende Figur in einer fast unwirklichen Umwelt einzuordnen habe. Denn ein „Himmel“, der sich verändert und weiterzieht, ist Romy auch in ihrem Innersten nicht. Vielmehr scheint sie gefangen in ihrer Angst und dem Unvermögen, allein zu sein.
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