Drama | Afghanistan/Dänemark/Schweden/Schweiz/Deutschland 2016 | 86 Minuten

Regie: Shahrbanoo Sadat

Ein Junge und ein Mädchen freunden sich in einer entlegenen Bergregion Afghanistans trotz einer rigiden Geschlechtertrennung miteinander an. Jeden Morgen treiben sie Schafe und Ziegen auf die kargen Hochweiden. Das autobiografische Spielfilmdebüt entwirft mit kontemplativen, handlungsarmen Szenen eine Welt, in der sich Menschen noch gegenseitig Geschichten erzählen, insbesondere die Kinder. Diese werden schon früh zu Arbeiten herangezogen, auch wenn darin Freiräume für Spielen und Träumen bleiben. Eine fremdartig-faszinierende, in ihrer Gesamtheit gleichwohl kaum zu entschlüsselnde Meditation über die Relativität von Wirklichkeit und Mythos.

Filmdaten

Originaltitel
WOLF AND SHEEP
Produktionsland
Afghanistan/Dänemark/Schweden/Schweiz/Deutschland
Produktionsjahr
2016
Regie
Shahrbanoo Sadat
Buch
Aarzoo Burhani · Shahrbanoo Sadat
Kamera
Virginie Surdej
Schnitt
Alexandra Strauss
Darsteller
Abdulkarim Abdurahimov · Haji Ahmad · Barat Ali · Qorban Ali · Mohammad Amin
Länge
86 Minuten
Kinostart
07.06.2018
Fsk
Genre
Drama
Diskussion
Es sind die Kinder, die in einem afghanischen Bergdorf die Schafe und Ziegen hüten. Jeden Morgen holen sie die Tiere aus dem Stall und treiben sie die spärlich bewachsenen Hänge hinauf, die im warmen Sonnenlicht erglänzen. Mädchen und Jungen gehen getrennt ihrer Arbeit nach. In ihren erdfarbenen, moosgrünen Gewändern verschmelzen die Jungen mit dem Hintergrund, während die Mädchen durch leuchtend-bunte Gewänder farbig strahlende Punkte abgeben. Die Kinder haben es nicht leicht. Die raue Schönheit der Landschaft spiegelt sich im Verhalten seiner Bewohner. Versäumen die Kinder es, ihre Aufgaben gewissenhaft zu versehen, sind die Erwachsenen gleich mit Schlägen zur Hand. Überdies drohen hier wirkliche Gefahren. Wölfe machen die Gegend unsicher, reißen einmal sogar mehrere Schafe. Die Regisseurin Shahrbanoo Sadat interessiert sich dabei aber nicht so sehr für die Erwachsenen. Vielmehr zeigt sie, wie die Kinder den Tag mit ihrer Herde verbringen. Beim Hüten der Tiere bleibt viel Zeit fürs Spielen. Die Jungen beschäftigen sich meist mit ihrer Schleuder. Die Mädchen hingegen vertreiben sich die Stunden mit Rollenspielen, erzählen sich Geschichten, tratschen und klatschen über die Leute im Dorf. Wenn sich die Kinder am Fluss treffen, vergnügen sich Mädchen und Jungen jeweils für sich. Die Knaben gehen mit ihren Hosen ins Wasser, die sich dick aufplustern, so dass sie auf der Wasseroberfläche dahintreiben. Ihr Gelächter schallt zu den Mädchen hinüber. Doch die beiden Kindergruppen bilden keine eingeschworene Gemeinschaft; sie verbündet sich nicht gegen die Welt der Eltern. In ihrem Gefüge spiegelt sich die soziale Ordnung der Erwachsenen wider, deren Urteile die Kinder längst übernommen haben und sich dementsprechend verhalten. Deshalb schließen sie Sediqa und Quodrat von ihrer Gemeinschaft aus, weil sie glauben, dass die Großmutter des Mädchens von einer Schlange verzaubert wurde; die Familie des Jungen büßte hingegen nach dem Tod von Quodrats Vaters an Ansehen ein. So kommen sich die beiden Sonderlinge näher, treffen sich auf der Weide, wobei sie ganz selbstverständlich und ohne Scheu miteinander umgehen. Er zeigt ihr, wie sie das Seil für ihre Schleuder richtig flechten muss und wie man sie benutzt. Oder sie stehlen zusammen Kartoffeln, die sie in einem Lehmofen backen. Das Spielfilmdebüt ist autobiografisch inspiriert. In der Figur der Sediqa hat die Regisseurin ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet. Ihre Eltern entstammen einem Dorf, in das die Elfjährige mit ihrer Familie aus dem Exil in Teheran zurückkehrte, um es dann aber mit 18 Jahren wieder Richtung Kabul zu verlassen. In der afghanischen Hauptstadt nahm sie an einem Regiekurs für Dokumentarfilm teil. Diese Haltung prägt ihren Zugang zu „Wolf and Sheep“. Sie nähert sich den Figuren mit einem neugierig-beobachtenden Blick, wobei sie den Darstellern Raum für ihre jeweiligen Persönlichkeiten lässt. Doch auch wenn der Film die Einsamkeit der Figuren und die Härte des Alltags ins Bild setzt, weiß die Inszenierung das immer wieder durch spielerische, ausgelassene und magische Momente auszugleichen. Die Regie gewinnt diesem Leben durchaus ästhetische Seiten ab, etwa durch den Farbkontrast der leuchtend-bunt gewandeten Frauen und der einfarbigen Landschaft oder durch die klaren, sachlichen Linien der schlichten Architektur. Im Verhalten der Kinder wird zugleich das soziale Gefüge der afghanischen Gesellschaft abgebildet und mit Sitten, Gebräuchen und Normen vertraut gemacht. Einmal sieht man die Mädchen spielen, wie man als Mann um eine Frau wirbt, wie um den Brautpreis gefeilscht wird und wie sie dann verheiratet werden. Sadat kontrastiert solche Szenen mit einigen wenigen surrealen Einstellungen. So geht nachts der Kaschmirwolf durchs Dorf, unter dessen Haut sich eine neonfarben-lockende nackte Fee verbirgt. In diesem Weltverständnis haben übernatürliche, märchenhafte Kräfte und Geschichten durchaus einen Platz, in denen zugleich auch die eigenen Gefühle und Wünsche laut werden. Shahrbanoo Sadat glückt mit ihrem dokumentarisch-ethnologisch angehauchten Spielfilmdebüt eine präzise, wunderbar dichte Beschreibung einer fremden und doch gar nicht so unbekannten Kindheit, durchaus vergleichbar mit dem in einer ganz anderen Weltgegend angesiedelten Dokumentarfilm „Kindheit“ (fd 45 379) von Margreth Olin.
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