The Young Pope - Der junge Papst

Drama | Italien/Frankreich/Spanien/Großbriannien/USA 2016 | 552 (zehn Folgen) Minuten

Regie: Paolo Sorrentino

Ein 47-jähriger Amerikaner wird zum bisher jüngsten Papst gewählt. Das neue Oberhaupt der katholischen Kirche, das die Strippenzieher im Vatikan vorab für eine leicht beeinflussbare Marionette hielten, entpuppt sich bald als unberechenbare Herausforderung für alle, die mit ihm zu tun haben, und mischt mit seinen Provokationen die vatikanischen Strukturen auf. Eine amüsante, bildgewaltige Serie, die einen Papst als launische Diva eines sich religiös gerierenden Showbusiness porträtiert. Dieses Konzept der Serie und ihr visueller Traumcharakter streifen die Wirklichkeit allerdings nur am Rand und sorgen so dafür, dass ihr die Kraft zu wirklicher Provokation fehlt. (Fortsetzung: "The New Pope") - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE YOUNG POPE
Produktionsland
Italien/Frankreich/Spanien/Großbriannien/USA
Produktionsjahr
2016
Regie
Paolo Sorrentino
Buch
Paolo Sorrentino · Stefano Rulli · Tony Grisoni · Umberto Contarello
Kamera
Luca Bigazzi
Musik
Lele Marchitelli
Schnitt
Cristiano Travaglioli
Darsteller
Jude Law (Lenny Belardo / Pius XIII.) · Diane Keaton (Schwester Mary) · Silvio Orlando (Kardinal Angelo Voiello) · Javier Cámara (Monsignor Bernardo Gutierrez) · Scott Shepherd (Kardinal Andrew Dussolier)
Länge
552 (zehn Folgen) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0 (1)
ab 6 (3)
ab 12 (2,4-10)
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Polyband
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Diskussion

Es ist schon kurios: Gerade in einer Phase, in der der amtierende Papst Franziskus Wert darauf legt, allen Prunk beiseite zu lassen, und sich in Bescheidenheit übt, setzt der italienische Regisseur Paolo Sorrentino eine 40 Mio. Euro teure Fernsehserie mit Star-Aufgebot in Szene, die den Vatikan demonstrativ als Schauplatz für Pomp, theatralische Gesten und Intrigen herausstellt. Sorrentinos dramatische Komödie zeigt die Residenz des Oberhaupts der katholischen Kirche als imposant-pittoreske, mythisch-zeremonielle Kulisse für Ego-Theater und Machtspiele.

Paolo Sorrentinos als dramatische Komödie angelegte Serie zeigt die Residenz des Oberhaupts der katholischen Kirche als imposant-pittoreske, mythisch-zeremonielle Kulisse für Ego-Theater und Machtspiele. In den zehn Episoden der ersten Staffel von „The Young Pope“ erzählt Sorrentino die Geschichte des 47-jährigen Amerikaners Lenny Bellardo (dargestellt von Jude Law), der als Papst Pius XIII. gerade sein Amt antritt. Der Plot ist pure Fiktion, die sich weniger um die Glaubwürdigkeit der Story als um die Pracht des Bilderpanoramas kümmert. Der für seine flamboyante Bilderfantasie bekannte Sorrentino („La grande bellezza“, „Il Divo“) setzt auf die Anmutung des Grandiosen im Zeichensystem dekorativer Schönheit. Mit seinem Kameramann Luca Bigazzi zelebriert er eine Melancholie des Luxuriösen, die durchweht ist von weißen Vorhängen, beleuchtet von auratischem Gegenlicht, gespenstischen Spot-Effekten und Schattenspielen. Wenn Nonnen im prächtigen Garten Fußball spielen, dann tun sie das in Zeitlupe wie für einen neckischen Werbeclip. Wobei für Sorrentino zu Prunk und Pracht immer auch die Dekadenz gehört; die tableauartigen Arrangements seiner Schönheits-Ikonografie sind stets auch mit Momenten des Bizarren, Schockierenden und Provokanten verbunden.

So beginnt schon die erste Episode mit dem gemäldeartig „schön“ arrangierten und doch schockierend auftrumpfenden Bild eines nackten Babys, das über eine Halde toter Kinder krabbelt. Ein Alptraumbild aus der ersten Nacht, die Lenny als Pius XIII. in den vatikanischen Gemächern verbringt; und in seiner ersten öffentlichen Ansprache attackiert er sogleich mit theatralischer Zornesgeste die katholische Morallehre: „Ihr habt vergessen zu masturbieren! Ihr habt vergessen zu verhüten! Ihr habt vergessen homosexuelle Beziehungen zu leben!“ Alle sind verwirrt – doch auch diese Szenerie der Rebellion entpuppt sich als Angsttraum, wie überhaupt das Ganze den Stempel von Traum-Erinnerung-Vision trägt. Der kettenrauchende Papst macht gerne provokante Witze. Dem Beichtvater, dem er eine dem Beichtgeheimnis unterliegende Information erpresst, gesteht er mit ernster Miene: „Ich glaube nicht an Gott!“ Natürlich nur ein Scherz! In der Galerie der Erinnerungsbilder nimmt Lennys Kindheit großen Raum ein, um seine Traumatisiertheit als Waisenkind zu betonen. Seine Hippie-Eltern haben ihn als Fünfjährigen in einem Waisenhaus abgegeben, wo sich Schwester Mary (Diane Keaton) fürsorglich um ihn kümmerte.

Der Papst als quecksilbriger Provokateur

Warum gerade dieser Mann zum Papst gewählt wurde, bleibt wie das Allermeiste suggestive Andeutung. Kardinal Voiello (Silvio Orlando), der Strippenzieher im Vatikan, habe Bellardo als manipulierbare Papst-Marionette installieren wollen, heißt es einmal, aber nun entpuppt sich der im Konklave Erwählte als unberechenbarer, launischer Tyrann, der seine infantilen Allmachtfantasien ausleben will. Machtausübung heißt für ihn Demütigung von Untergebenen. Am besten versteht er sich noch mit der Marketing-Chefin des Vatikans (Cécile de France). Sie akzeptiert, dass er sein Gesicht nicht öffentlich zeigen und fotografieren lassen will: ein Marketing-Trick, den Popkünstler wie Banksy oder Daft Punk strategisch erfolgreich vorgemacht haben.

Nur vage angedeutet bleibt auch, was Pius XIII. kirchenpolitisch vorhat. Zu Beginn lässt er, weniger aus fundamentalistischer Überzeugung denn aus sadistischer Machtdemonstration heraus, besonders krasse Absichten verlauten: Er will alle homosexuellen Priester aus dem Amt entfernen, alle Abtreibungssünder exkommunizieren, überhaupt keine Fotos von sich erlauben und auch auf keine Reise gehen. Der minimale Plot, der sich dann über die zehn einstündigen Episoden hin entfaltet, verwandelt ihn vom Hyper-Hardliner zu einem etwas freundlicheren Wesen: „In den Prinzipien streng, aber im Umgang freundlicher.“ Er toleriert homosexuelle Priester im Amt, reist nach Afrika, bricht bei einem öffentlichen Auftritt in Venedig in Tränen aus und verkündet eine Botschaft des Lächelns. All dies erscheint wie eine Drehung von Launen, ohne personale oder theologische Substanz.

Fiktion weitab der Realität

Zu Recht hat man der Serie vorgeworfen, dass sie einem längst verstaubten Muster folge, wenn sie den Papst und nicht Jesus Christus ins Zentrum des Glaubens stelle. Tatsächlich gibt es keinerlei Wahrnehmung der Jesus-Gestalt, keinerlei Herausforderung durch das Evangelium. Zu den Dimensionen von Glauben, Spiritualität und christlicher Frömmigkeit dringt Sorrentino nicht vor – und will es auch gar nicht. Sein Held ist die launische Diva eines sich irgendwie religiös gerierenden Showbusiness. In seinem Doppelcharakter als Tyrann und Heulsuse ist Lenny/Pius XIII. eine typische Sorrentino-Männerfigur, also ein Mann, der sich in Grandiosität aufspreizt, andererseits aber in Selbstmitleid zerfließt.

Man hat sich verwundert gefragt, warum diese Serie, die immer wieder mit provokanten Nacktheiten, Karikaturen und schrillen Schocks aufwartet, keine Empörung hervorgerufen hat. Der Grund ist einfach: Das Konzept der Serie und ihr visueller Traumcharakter streifen die Wirklichkeit nur am Rand – eine idiosynkratische Sorrentino-Nummer, der die Kraft zu wirklicher Provokation fehlt. Sorrentino kokettiert mit Kitsch und Klischee, er verzichtet auf dramatische Erzählperspektiven und errichtet als Spannungsmoment allein die Frage nach den Launen seines Helden: Will Lenny heute wieder den tyrannischen Widerling spielen oder ist er mal netter drauf? Wer Gefallen an Sorrentinos Grandezza-Stil mit seinen Schrill-Effekten hat, wird mit Vergnügen in die vorüberrauschenden Tableaus eintauchen. Und kann dabei gewiss sein, dass sich tiefere Spuren einer existenziellen Berührung nicht abzeichnen werden.

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