Die Reste meines Lebens

Drama | Deutschland 2016 | 108 Minuten

Regie: Jens Wischnewski

Ein mit unerschütterlicher Zuversicht gesegneter Komponist hat in San Francisco die Liebe seines Lebens gefunden, dann aber stirbt seine Partnerin auf tragische Weise. Wenig später verliebt er sich in eine andere Frau. Ein brillant erzähltes, hervorragend gespieltes Spielfilmdebüt, das beide Liebesgeschichten ineinander verschränkt, was dem Film eine mysteriöse Spannung verleiht und das Schicksal des Protagonisten zur in hellen Tönen geschilderten Hiobsgeschichte ausweitet. Die wirkungsvolle Dramaturgie stößt erst an ihre Grenze, als das Melodramatische eine pädagogische Wende nimmt und die Schicksalsschläge als Lektionen im Erwachsenwerden gedeutet werden. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2016
Regie
Jens Wischnewski
Buch
Julia C. Kaiser · Jens Wischnewski
Kamera
Dominik Berg
Musik
Peter Gromer
Schnitt
Falk Peplinski
Darsteller
Christoph Letkowski (Schimon May) · Luise Heyer (Milena Nelko) · Karoline Bär (Jella May) · Ulrike Kriener (Sarah May) · Hartmut Volle (Anton May)
Länge
108 Minuten
Kinostart
25.05.2017
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Brillant inszeniertes Spielfilmdebüt über einen Musiker, der sich vom Schicksal nicht unterkriegen lässt

Diskussion
Hinterher, sagt man, ist man immer schlauer. So wie Schimons Großvater, der sogar dem Zweiten Weltkrieg einen Sinn abgewinnen konnte, weil der ihn an fremde Orte führte, wo er die Liebe seines Lebens fand. „Es kommt immer so, wie es kommen soll“, lautet Großvaters Maxime. Schimons Biografie scheint das zu bestätigen. Er ist ein Glückskind voller Zuversicht, dessen musikalische Talente ihn bis nach San Francisco führen, wo der Zufall ihn ebenfalls die große Liebe seines Lebens treffen lässt, die eigenwillige Künstlerin Jella. Alles scheint bestens, bis sich die schwangere Jella beim Abendessen in Süddeutschland verschluckt und mit einem Erstickungsanfall in die Klinik transportiert wird. Als Schimon dort eintrifft, ist Jella bereits tot. Völlig benommen von diesem Schlag, begegnet Schimon noch im Krankenhaus der Musikerin Milena, die sich als Clown um krebskranke Kinder kümmert. Wenige Tage später läuft er ihr erneut über den Weg, diesmal bei der Arbeit im Orchester – und „verliebt“ sich in sie, der Maxime seines Großvaters folgend. Regisseur Jens Wischnewski, der gemeinsam mit Julia C. Kaiser auch das Drehbuch schrieb, erzählt die Geschichte einer fortgesetzten Verwirrung entschieden a-chronologisch. So schiebt sich für den Zuschauer die „neue“ Liebesgeschichte mit Milena in die „alte“ mit Jella, was zu durchaus schmerzhaft-komischen Effekten führt. Weitere Geschichten treten hinzu, welche die Erlebnisse des Glückspilzes Schimon nach und nach als erschütternde Abfolge von Schicksalsschlägen erscheinen lassen. Handelt es sich um eine moderne Hiob-Geschichte, die durch die Wahl der formalen Erzählmittel erst spät erkennbar wird? Und in der die Maxime des Großvaters das Gottvertrauen ersetzt? Es bietet sich aber auch eine andere Lesart an: die eines spannenden Mystery-Thrillers, in dem der Protagonist auf die Probe gestellt wird. So erfährt man als Zuschauer erst spät, warum Schimon und Jella nach Deutschland zurückgekehrt sind. Und dass Jella diesen Umzug nur durch Zufall und Schimons Fürsorglichkeit überhaupt überlebt hat. Ein hölzerner Bürostuhl fungiert dabei als „memento mori“. Und noch viel später erfährt man dann die ganze Wahrheit über Jellas Tod und die Rolle, die ein Betrunkener dabei spielte. War Jellas Tod längst beschlossene Sache? Man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie der Film Schicht um Schicht immer neue schwarze Momente aufblättert und dabei, von wenigen Ausnahmen abgesehen, doch eine helle, heitere Atmosphäre wahrt. Ist Schimon ein tumber Tor, ohne jedes Gespür für die Realität? Die Musik, die er komponiert, scheint davon zu künden. „Die Reste meines Lebens“ bleibt aufregend lange in der Schwebe, bevor sich der Film dann doch für die Psychologie entscheidet. Schimon hat Trauerarbeit zu leisten und sich von dem Tick zu verabschieden, Entscheidungen dem Zufall in Gestalt einer Ampel oder eines Wassertropfens zu überlassen. Simpel gesprochen, geht es darum, den Schmerz zuzulassen und Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Verglichen mit der Achterbahnfahrt, die der Film einem erstaunlich lange zumutet, wirkt eine solche schulterklopfende Pädagogik etwas brav und reizarm. Auf diese Weise verspielt der Film auf der Zielgeraden die Möglichkeiten, die sein erzählerisches Experiment freigesetzt hatte. Vielleicht aber wirkt dieses Potential durch die finale Enttäuschung sogar noch eine Spur bedeutender.
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