Biopic | Frankreich 2017 | 109 Minuten

Regie: Bruno Dumont

Kindheit und Jugend der Heiligen und französischen Nationalheldin Jeanne d’Arc als Gegenstand eines eigenwilligen Films, der auf das einfühlsame Drama eines Mädchens zwischen der Suche nach göttlichem Beistand und der Furcht vor seiner Aufgabe fokussiert. Anspruchsvoll in den theologischen Disputen, wird die Hauptfigur in eine durch traumhafte Bilder zur Hirtenidylle stilisierte Landschaft eingebettet, die konsequent als positive Gegenwelt zu den Kriegsgräueln in Frankreich erscheint. Weniger überzeugend erscheint die Entscheidung, viele Dialoge als Musical-Nummern vorzutragen, die weder musikalisch noch choreografisch sonderlich inspiriert ausfallen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
JEANNETTE, L'ENFANCE DE JEANNE D'ARC
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2017
Regie
Bruno Dumont
Buch
Bruno Dumont
Kamera
Guillaume Deffontaines
Musik
Igorrr
Schnitt
Bruno Dumont · Basile Belkhiri
Darsteller
Lise Leplat Prudhomme (Jeannette) · Jeanne Voisin (Jeanne) · Lucile Gauthier (Hauviette mit 8 Jahren) · Victoria Lefebvre (Hauviette mit 13 Jahren) · Aline Charles (Madame Gervaise 1 / Heilige Margarethe)
Länge
109 Minuten
Kinostart
26.12.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Historienfilm | Komödie | Literaturverfilmung | Musical

Bruno Dumonts Annäherung an Jeanne d'Arc: Ein formal etwas holpriges Musical mit einfühlsamen Bildern aus der Kindheit der französischen Nationalheldin und tiefgründigen Disputen

Diskussion

Das Leben von Jeanne d’Arc (1412–1431) hat über die Jahrhunderte Dutzende Literaten, Maler, Komponisten und andere Künstler inspiriert. Gerade das Kino hat sich dabei mit ungewöhnlich vielseitigen Ansätzen hervorgetan, die wunderbar nebeneinanderstehen können: Carl Theodor Dreyer und Robert Bresson konzentrierten sich bei ihren Filmen auf die Beständigkeit im Glauben auch im Angesicht von Folter und Tod und wählten dafür einen asketischen Stil. Victor Fleming bot mit Ingrid Bergman großes Starkino, Otto Preminger fokussierte auf die politische Seite der »Jungfrau von Orléans«, Jacques Rivette auf die Emanzipation in einer männerbeherrschten Welt, Luc Besson machte aus Jeanne eine Actionfilm-Amazone.

Wenn Bruno Dumont dem nun seine Jeanne-d’Arc-Version folgen lässt, ist die Kino-Tradition bei »Jeannette« kein Hindernis für Kreativität, sondern gerade der Nährboden, aus dem der französische Regisseur seine eigenständige Perspektive entwickelt. Und ureigen ist diese zweifellos, denn Dumont wählt nicht nur mit Jeannes Kindheit einen weniger beachteten Zeitraum in ihrem kurzen Leben aus: Dass Jeanne zunächst als Bauernmädchen im betont schlichten Rahmen gezeigt wird, erinnert an die bewusst bodenständige Inszenierung religiöser Stoffe, wie sie schon Pasolini bei »Das 1. Evangelium – Matthäus« anwandte. Doch stilisieren Dumont und sein Kameramann Guillaume Deffontaines Jeannes Heimat konsequent zur Hirtenidylle. Das Mädchen und einige andere Kinder sind lange mit ihren Schafen allein auf weiter Flur.

Jeannes Suche nach göttlichem Beistand, die Frage nach der himmlischen Gerechtigkeit angesichts der Kriegswirren und das Ringen mit ihrer bald offenkundigen Mission erscheinen gleichwohl nicht weniger dringlich, die Dispute mit den ihr erscheinenden Heiligen nähern sich durchaus mit Anspruch der Theodizee-Frage an.

Dass Dumont die Dialoge nicht einfach sprechen lässt, sondern als Musicalnummern inszeniert, erweist sich dagegen nicht als Offenbarung. Zwar steuert diese Idee der Pathosgefahr entgegen, doch ist der Film als Musical wenig überzeugend: Weder zeigt der Regisseur viel Begabung für das anspruchsvolle Genre noch fallen die Kompositionen des französischen Musikers Igorrr inspiriert aus, sondern erinnern stark an Vorbilder wie »Jesus Christ Superstar« und »Les Misérables«. Gesungen wird zwar mit Inbrunst, aber nicht immer tonsicher, und die Mischung aus Gehopse, redundanten Armbewegungen und Headbanging, die der Film als Choreographie feilbietet, sollte sich im Jahr eins nach der Kinomusical-Renaissance durch »La La Land« eigentlich verbieten.

Doch selbst wenn »Jeannette« alles in allem unausgegoren ist – gerade in der Sperrigkeit bietet sich auch die Chance auf eine einfühlsame, frische Perspektive auf die französische Nationalheldin, fern jeder Verklärung.

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