A Thought of Ecstasy

Experimentalfilm | Deutschland 2017 | 93 Minuten

Regie: RP Kahl

Ein Deutscher fährt durch Kalifornien und sucht nach einer Frau aus seiner Vergangenheit, die er in einer amerikanischen Buchautorin wiederentdeckt zu haben glaubt. Dabei freundet er sich mit zwei Prostituierten an, die in der Wüste erotische Videos drehen. Losgelöst von Zeit oder Logik kreist der Film um Sehnsucht und Wirklichkeit, erträumte und konkrete Begegnungen. Die fragmentarische Handlung wird von langen Autofahrten durch ein menschenleeres, ausgedörrtes Land, Musik oder Off-Kommentaren unterbrochen. Landschaft, Erotik und Realitätsverlust verleihen dem Film einen experimentellen Charakter, der sich gängigen Sehgewohnheiten widersetzt.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
RP Kahl
Buch
RP Kahl · Torsten Neumann
Kamera
Markus Hirner
Schnitt
Angelo Wemmje · Diana Zolotarova · Peter Loewe
Darsteller
Deborah Kara Unger (Liz Archer) · RP Kahl (Frank Patrick) · Ava Verne (Nina) · Lena Morris (Marie) · Joel Cairo (Richard Neiner)
Länge
93 Minuten
Kinostart
25.01.2018
Fsk
ab 18; f
Genre
Experimentalfilm | Liebesfilm
Diskussion

Das Konkrete und das Erträumte werden in „A Thought of Ecstasy“ von RP Kahl zusammengeführt; der Film ist ein Road Movie und eine Geisterbeschwörung. Die Welt zieht meist vor den Scheiben eines Autos vorbei; als Bild einer postapokalyptischen Romantik, egal ob es sich um Wüste, Berge, oder um die Totalen nächtlicher Großstädte handelt. Im Auto hört man eine Männerstimme aus dem Off, die von der Vergangenheit erzählt. Auf diese Weise wird von Anfang an klar, dass hier jener Zustand des ziellosen Gedankenflusses herrscht, der bei langen Fahrten unweigerlich eintritt. Natürlich spielt die Liebe in diesen Gedanken eine Rolle.

Gelegentlich hört man auch das Radio. Darüber werden Datum, Ort, Temperaturen verkündet, was nicht uninteressant ist in einem Film, der sonst wenig verlässliche Information bietet. Es ist das Jahr 2019, irgendwo in dem brütend heißen Kalifornien. Die Hitze liegt zerstörerisch über dem Land, aber sie wird so ungerührt hingenommen wie die Vorboten eines Unheils, das noch nicht eingetreten und deshalb vielleicht gar nicht wahr ist. Eine Zukunftsvision also, und ein erstes Spiel mit den Lesarten der Realität, das auf anderen Ebenen den ganzen Film durchzieht.

Der Fahrer heißt Frank, er ist ein Deutscher, sein Blick ist der eines Fremden, der Fremdes betrachtet. Es gibt keine Ablenkung durch Architektur. Frank darf halluzinieren, er sieht ein bisschen Farbspiel wie in Cormans „The Trip“ (1967), ein bisschen Sex im Sand wie in Antonionis „Zabriskie Point“ (fd 16 960), bis er in Los Angeles anlangt. Dort bekommt Frank einen Grund für sein Hiersein; er soll ein Geschäft zur Meerwasserentsalzung abwickeln. Aber das ist nur ein Vorwand, denn tatsächlich ist Frank auf der Suche nach einer Frau. Marie ist ihr Name, sie ist ihm vor 20 Jahren abhandengekommen. Jetzt hat er sie wiederentdeckt, in einem Buch, in dem er selbst auch vorkommt, oder besser, seine damalige Beziehung zu Marie. Also ist er nach Los Angeles gereist, um den Autor des Buches zu treffen, im festen Glauben, dass dies Marie sein müsse, verborgen hinter einer neuen Identität.

Aus diesem Treffen wird jedoch nichts. Die Frau vom Verlag erklärt seine Idee für Quatsch, verfolgt hinter Franks Rücken aber gleichzeitig einen dubiosen Plan: Sie lockt ihn an Orte und zu Frauen, die seine Suche nach Marie zunächst aufschieben und dann auch beenden. Dadurch legt sich ein Hauch von Thriller über Franks weitere Fahrten, denn man kennt jetzt die Mechanik hinter den Ereignissen, die er selbst für Zufall hält. Er findet die beiden Frauen, die ihm über den Weg geschickt wurden, er findet Verführung, Freundschaft, Sex in unterschiedlichen Varianten. Und begleitet sie von da an bei ihren Geschäften in der Wüste.

Die beiden Frauen sind Sexarbeiterinnen. Sie empfangen reiche Kunden, für die oder mit denen sie pornografische Videos drehen. RP Kahl zeigt sie recht explizit bei ihren Darbietungen von Dominanz und Unterwerfung. Das wird dem Film nicht viele Freunde einbringen. Er ist eine Männerfantasie mit fragmentarischer Handlung, durchsetzt von Franks Sehnsucht und seiner Begierde. Das erinnert an die Undergroundfilme der 1980er-Jahre, in denen der Tabubruch immer ein Thema war; ähnlich wie diese Filme ist „A Thought of Ecstasy“ ein bisschen ungelenk, den aktuellen Sehgewohnheiten nicht angepasst, den Erwartungen an ein narratives Kino auch nicht.

Es passiert weiter nicht viel, außer Franks stetig neu aufflammender Suche nach Marie. Dabei folgt er gleichermaßen dem Text des vermeintlich von ihr verfassten Buches wie seiner eigenen Fantasie; er betrachtet die Wirklichkeit als eine Ansammlung versteckter Hinweise, die ihn letztlich zu Marie führen werden. So wandert er über Friedhöfe oder durch Stripclubs, und obwohl dabei wenig Fassbares herauskommt, haben diese Zeichen für ihn trotzdem mehr Wahrheitsgehalt als etwa die Nachrichten. Sie verweisen auf eine Welt jenseits des Sichtbaren, was immer eine Verführung darstellt, wenn die Orientierungslosigkeit überhandnimmt. Erst zum Schluss wird Franks Geschichte mit einer Erklärung unterlegt, die alles aufschlüsseln soll; das ist für einen experimentellen Bilderbogen wie „A Thought of Ecstasy“ schon fast zu viel Realismus.

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