Nur Gott kann mich richten

Drama | Deutschland 2017 | 101 Minuten

Regie: Özgür Yildirim

Ein gerade aus der Haft entlassener Mann träumt von einem nichtkriminellen Leben, lässt sich auf der Suche nach Startkapital aber von seinem Kumpel kurzerhand zu einem „letzten" Deal überreden. Sein jüngerer Bruder komplettiert das überforderte Trio, dem dann nicht nur geprellte Gangster, sondern auch eine Polizistin in die Quere kommen, die für die Behandlung ihrer schwerkranken Tochter ebenfalls Geld braucht. Der offen an US-amerikanische Vorbilder angelehnte Gangsterfilm erzählt die Geschichte eines Trio fatale als Abwärtsspirale fortwährenden Scheiterns rasant, aber auch mit vielen Klischees und Chiffren. Der Film verwandelt Frankfurt jenseits von Glamour und Skyline in einen pittoresk-schäbigen Nicht-Ort und bewegt sich schwarzhumorig bis gallig bisweilen auf den Spuren der Coen-Brüder.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Özgür Yildirim
Buch
Özgür Yildirim
Kamera
Matthias Bolliger
Schnitt
Sebastian Thümler
Darsteller
Moritz Bleibtreu (Ricky) · Edin Hasanovic (Rafael) · Kida Khodr Ramadan (Latif) · Birgit Minichmayr (Diana) · Peter Simonischek (Vater)
Länge
101 Minuten
Kinostart
25.01.2018
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama | Gangsterfilm
Diskussion

Nichts gegen ein paar frisch-freche Experimente, um ein vitales und milieudichtes Genrekino in Szene zu setzen. Aber der immer gleiche „Habibi“-, „Bruder“-, „Ehre“- und „Umarmungs“-Schnickschnack unter Kleinkriminellen wirkt mittlerweile recht ausgelutscht und fernsehkompatibel, zumal es immer wieder dieselben Darsteller sind, denen man in einschlägigen Filmen begegnet. Oktay Özdemir hat zwar von Dienst-nach-Vorschrift-Gangstern offensichtlich die Nase voll, aber neben Kida Khodr Ramadan gibt es ja noch Edin Hasanovic und Moritz Bleibtreu!

„Nur Gott kann mich richten“ erzählt die Geschichte dreier Männer, Freunde, Brüder aus Frankfurt, die immer Probleme haben, wenn es darum geht, ein „todsicheres Ding“ durchzuziehen. Sieht man vom etwas kunsthandwerklichen Rahmen der Rückschau in der Rückschau einmal ab, scheitern Ricky, Rafael und Latif gleich zu Beginn geradezu kläglich beim Versuch eines bewaffneten Raubüberfalls, der für die Zukunft des Trios nichts Gutes verheißt. Rafael wird schwer verletzt, und Ricky muss für fünf Jahre in den Knast; nur Latif gelingt es, unbehelligt davonzukommen, geschützt von Rickys ehrenvoller Opferbereitschaft. Damit steht Latif von nun an in Rickys Schuld. Der Jüngste, Rafael, nutzt die Haftzeit des Bruders nicht nur zum Auskurieren seiner Verletzungen, sondern auch, um mit einer bürgerlichen Existenz zu liebäugeln. Er würde sich gerne mit der sympathischen Tochter seines Chefs verloben, allerdings fehlt ihm dafür zunächst das Kleingeld.

Das fehlt auch Latif, als Ricky nach fünf Jahren geläutert aus dem Knast entlassen wird und für seinen Traum von einem Café im Süden Startkapital braucht. Doch statt der Beute hat Latif, mittlerweile Besitzer einer schlecht laufenden Shisha-Bar, nur eine „todsichere Sache“ im Angebot: einen etwas undurchsichtigen Deal mit „brandgefährlichen Albanern“, wie Ricky nicht grundlos anmerkt. Ein Teufelskreis! Zumal Ricky in Ermangelung eines zuverlässigen dritten Mannes für den Coup wieder auf seinen kleinen Bruder zurückgreifen muss, der eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben will, aber selbst gerade in Schwierigkeiten steckt, weil er seinen Schwiegervater in spe beklaut hat. Dicke Luft statt dicker Hose.

Ist es Fatalismus oder schlicht Dummheit? Schnell ist sich das Trio fatale einig: „Never change a losing team!“ Dabei sind noch nicht einmal die Albaner das größte Problem des „letzten großen Coups“, sondern die junge, frisch getrennte Polizistin Diana, die mehr als hölzern durch eine Nebenhandlung ins Spiel gebracht wird. Diana ist nicht nur beruflich schwer gefordert, sondern muss sich auch noch um ihre schwerkranke Tochter kümmern; eine kostspielige Behandlung, die dem Mädchen helfen würde, kann sich Diana mit ihrem Polizistinnengehalt nicht leisten. Ironischerweise werden beide Handlungsstränge mit fatalen Folgen ausgerechnet durch ein defektes Bremslicht zusammengezwungen. Permanent überforderte, weil eigentlich herzensgute Kleinkriminelle treffen also auf eine Polizistin, die erst noch lernen muss, wozu sie kriminell fähig ist. Klar ist nur: Es wird böse enden.

2008 beeindruckte Regisseur Özgür Yildirim mit dem in Hamburg spielenden Gangsterfilm „Chiko“ (fd 38 668). Später legte er mit „Blutzbrüdaz“ (fd 40 822) und „Boy 7“ (fd 43 264) nur noch halbgar nach. 10 Jahre nach „Chiko“ wirkt das Milieu überdies auserzählt. Da hilft es wenig, dass Yildirim den Film in einem gänzlich unglamourösen Frankfurt spielen lässt, das fast nur aus pittoresken Nicht-Orten zu bestehen scheint: Hinterhöfen, Fabrikhallen, Bars. Wäre das alles nicht so betont trist in Szene gesetzt, könnte man das Ganze mitunter für eine schwarze Komödie in der Manier der Coen-Brüder halten. Hier geht alles schief, was schiefgehen kann. Die Albaner verstehen keinen Spaß. Die Beute kommt abhanden. Edin Hasanovic als Rafael ist ohnehin viel zu sanft für dieses Milieu und improvisiert sich durch die Konflikte, statt sich an Absprachen zu halten. Ganz nebenher findet sich auch noch Platz für einen handfesten Vater-Sohn-Konflikt mit dem dement-zotigen Peter Simonischek und einen Reflex auf Rickys Biografie mit einem lichten Auftritt seiner mittlerweile bürgerlich-gutsituierten Ex-Freundin. Größter Schwachpunkt ist allerdings die Figur der Polizistin Diana, bei der Birgit Minichmayr am Spagat zwischen unbedarfter Polizistin und kämpferischem Muttertier scheitert.

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