Biopic | Schweden/Deutschland/Dänemark 2018 | 123 Minuten

Regie: Pernille Fischer Christensen

Biografischer Film über die Jugend und das Erwachsenwerden der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren, die als junge Zeitungsvolontärin schwanger wurde und ihren in Dänemark zur Welt gebrachten Sohn Lasse in die Obhut einer Pflegemutter geben musste. Die frühe Schwangerschaft und die traumatische Trennung von ihrem Kind identifiziert der schön bebilderte, aber recht einfach gestrickte Film als Quelle von Lindgrens literarischem Schaffen. Der schlüssig inszenierte und in der Hauptrolle mit großer Natürlichkeit gespielte Film reduziert die Kinderbuchautorin damit allzu sehr auf die von ihr geschaffenen Figuren. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
UNGA ASTRID
Produktionsland
Schweden/Deutschland/Dänemark
Produktionsjahr
2018
Regie
Pernille Fischer Christensen
Buch
Kim Fupz Aakeson · Pernille Fischer Christensen
Kamera
Erik Molberg Hansen
Musik
Nicklas Schmidt
Schnitt
Åsa Mossberg · Kasper Leick
Darsteller
Alba August (Astrid) · Maria Bonnevie (Hanna) · Trine Dyrholm (Marie) · Henrik Rafaelsen (Blomberg) · Magnus Krepper (Samuel)
Länge
123 Minuten
Kinostart
06.12.2018
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama
Diskussion

Biografischer Film über die Jugend und das Erwachsenwerden der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren als schön bebildertes Werk, das die Autorin aber einseitig als Ebenbild ihrer Figuren deutet.

Pippi Langstrumpf, das weiß jedes Kind, ist so stark, dass sie ein Pferd hochheben kann. Michel aus Lönneberga sieht aus wie ein Engel, ist aber so ziemlich das genaue Gegenteil. Und auch Astrid Ericsson ist ein Wildfang. Sie langweilt sich im Gottesdienst fast zu Tode, legt beim Tanzen eine wilde Nummer aufs Parkett und lässt sich ihre Zöpfe abschneiden, womit sie in Vimmerby das erste Mädchen ist, das einen modischen Bubikopf trägt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, dass aus ihr einmal eine international erfolgreiche Kinderbuchautorin werden wird. Mitte der 1920er-Jahre ist Astrid selbst fast noch ein Kind, das in Småland aufwächst, wo die Eltern einen kleinen Hof bewirtschaften und man durch und durch protestantisch und bodenständig ist. Der flotte Kurzhaarschnitt ist in den Augen der Mutter die Eintrittskarte zur Hölle, aber das quittiert Astrid nur mit einem Lächeln. Sie ist schon ein Stück weiter, denn ihr Vater hat ihr ein Volontariat bei der örtlichen Tageszeitung verschafft, wohl wissend, dass seine eigensinnige Tochter eine intellektuelle Herausforderung braucht. Nun lernt sie Tippen, schreibt ihre erste Reportage über die neu eröffnete Eisenbahnstrecke und flirtet mit ihrem Chef Reinhold Blomberg, der ihrer Lebenslust, ihrem Freiheitsbestreben und „ihrem Glanz“ verfällt.

Biografische Filme sind die Klatschspalten des Kinos, stehen doch reale und meist sehr bekannte Persönlichkeiten im Mittelpunkt, deren Leben oder bedeutsame Episoden daraus mehr oder weniger stark fiktionalisiert erzählt und vor allem interpretiert werden. Neil Armstrong, der auf dem Mond um seine verstorbene Tochter trauert, Freddy Mercury, dessen Leben in seinem Auftritt im Wembley-Stadion anno 1985 gipfelt oder jetzt eben Astrid Lindgren (1907-2002), die als Mädchen offenbar so unangepasst war wie ihre berühmten Figuren und die in jungen Jahren etwas Prägendes erlebte. Denn die Liebelei mit ihrem Chef hat Folgen. Astrid wird schwanger, Blomberg aber ist verheiratet. Die 18-Jährige muss Vimmerby verlassen, damit Blomberg nicht in Misskredit gerät und sich ihre Familie im Dorf und in der Kirche weiter blicken lassen kann.  In Stockholm wird sie Sekretärin und bringt 1926 ihren Sohn Lars, genannt Lasse, heimlich in Dänemark zur Welt. Sie gibt den Jungen in die Obhut einer Pflegemutter. Ist sie erst einmal verheiratet, will sie ihn zu sich holen. Doch als Blomberg endlich frei ist, erkennt sie, dass sie etwas anderes will.

Eine schlüssige, aber eng geführte Dramaturgie

„Astrid“ ist also die Geschichte einer Emanzipation. Aber nicht nur. Der Film erzählt, wie eine junge Frau ihren eigenen und für damalige Zeiten unkonventionellen Weg findet. Astrid Lindgren ist damit eine von vielen jungen Frauen, die ein uneheliches Kind zu Welt gebracht haben und damit bis spät ins 20. Jahrhundert hinein oft genug ins gesellschaftliche Aus gerieten. Die Schriftstellerin war 70 Jahre alt, als sie damit an die Öffentlichkeit ging und wollte nie etwas Großes daraus machen. Die Regisseurin Pernille Fischer Christensen aber sieht in dieser frühen Mutterschaft, in der schmerzhaften, geradezu traumatischen Trennung von ihrem Kind, das Ereignis, das Lindgren zu jener großen Schriftstellerin reifen ließ, als die sie heute noch bekannt und verehrt ist. Das ist erzählerisch eine in sich schlüssige Dramaturgie, aber sicher zu eng gefasst, denn ebenso haben der Eindruck des Zweiten Weltkriegs, Ehekrisen und der frühe Verlust von Mann, Bruder und Sohn das Schreiben und die Geschichten von Astrid Lindgren geprägt.

Getragen wird der Film von Alba August, die die Titelfigur mit großer Natürlichkeit spielt. Man nimmt ihr das freigeistige Mädchen ebenso ab wie die junge Mutter, die darunter leidet, nicht bei ihrem Kind sein zu können, oder am Ende die gewachsene Frau. Man kann sich das alles gut ansehen. „Astrid“ ist klassisches, schön bebildertes Erzählkino, in dem das eine zum anderen führt, mit vielen emotionalen Hochs und Tiefs, berührenden Landschaftsbildern, ein bisschen 1920er-Jahre-Flair und Trine Dyrholm als warmherziges Muttertier, bei dem der kleine Lars seine ersten Lebensjahre verbrachte. Aber Astrid Lindgren, die so viele unkonventionelle Kinderfiguren erfunden hat und von glücklichen Kindern in Bullerbü ebenso erzählte wie von Tod, Schmerz und Gewalt, hätte eigentlich etwas anderes verdient, das weniger gefällig daherkommt und sie nicht ganz zum Abbild ihrer eigenen Figuren macht.

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