Coming-of-Age-Film | Lettland 2016 | 106 Minuten

Regie: Renars Vimba

Eine Siebzehnjährige wächst in einer ländlichen Gegend Lettlands mit ihrem kleinen Bruder zusammen bei der mürrischen Großmutter auf, nachdem ihr Vater gestorben und ihre Mutter nach England ausgewandert wird. Als die Großmutter stirbt, halten die Jugendlichen das geheim, um nicht in staatliche Fürsorge zu kommen. Die neue Situation bringt allerdings weniger Freiheiten als vielmehr zahlreiche neue Herausforderungen für die junge Frau mit sich. Ein raues Coming-of-Age-Drama, das atmosphärisch die triste Lebenssituation seiner Figuren einfängt und dessen Hauptdarstellerin die widersprüchlichen Gefühle ihrer Figur eindrucksvoll darstellt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ES ESMU SEIT
Produktionsland
Lettland
Produktionsjahr
2016
Regie
Renars Vimba
Buch
Renars Vimba
Kamera
Arnar Thor Thorisson
Musik
Eriks Esenvalds
Schnitt
Yorgos Mavropsaridis
Darsteller
Elina Vaska (Raya) · Andzejs Lilientals (Robis) · Edgars Samitis (Oskars) · Ruta Birgere (Großmutter) · Zane Jancevska (Daina)
Länge
106 Minuten
Kinostart
13.12.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Drama
Diskussion
Vom Aufbruch erzählen viele Jugendfilme, vom Wunsch, sein altes Leben hinter sich zu lassen, die Welt zu entdecken, frei zu sein. Auch die siebzehnjährige Raya aus „Mellow Mud“ will fort. Jedoch nicht, weil sie denkt, dass die Welt ihr offensteht, sondern weil ihr Zuhause ihr keine Sicherheit, keine Geborgenheit und keine Perspektive bietet. Schon vor zwei Jahren hat Rayas Mutter ihre Kinder in Lettland zurückgelassen, in einem kleinen Ort nahe der russischen Grenze, um in England zu arbeiten. Seither haben Raya und ihr jüngerer Bruder Robis nichts mehr von ihr gehört. Weil auch der Vater bereits gestorben ist, hat die Großmutter Olga in Rayas Elternhaus das Sagen. Doch weder Raya noch Robis kommen mit der alten mürrischen Frau zurecht, die nach und nach das Familienerbe verkauft, vor allem die Apfelbäume, die Raya so wichtig sind. So empfinden Raya und Robis auch keine Trauer, als sie Olga eines Tages leblos in ihrem Zimmer finden. Aber aus Angst, nun in ein Kinderheim zu müssen, verschweigen die Geschwister den Vorfall. Sie begraben die Großmutter, halten alle, die zu ihr wollen, mit mehr oder minder glaubwürdigen Ausreden vom Haus fern und bestreiten ihren Lebensunterhalt durch Olgas Rente. Ein wenig erinnert „Mellow Mud“ an „Das Geheimnis“ („Hemmeligheden“) von Morten Køhlert, in dem drei Schwestern den Tod der geliebten Mutter verschweigen, weil sie nicht voneinander getrennt werden wollen. Doch während Køhlerts Film die liebevolle Beziehung zwischen den Geschwistern und das Abschiednehmen in den Mittelpunkt stellt und dabei zwischen Trauer und Optimismus schwankt, bestimmen in fahles Licht getauchte, triste Bilder und insbesondere karge Landschaften den Film von Renars Vimba. Nur matschige Wege führen zum Haus von Raya. Die Natur wird zum Seelenspiegel der Protagonistin, die durch ihr Leben watet wie durch den schlammigen Boden und dabei nur schwer vorwärtskommt. Aus der Not wird Raya viel zu früh zur Ersatzmutter für ihren kleinen Bruder, die sich zum einen um das pure Überleben in der verarmten, von der Landflucht der Bevölkerung gezeichneten Region kümmern, zum anderen die Lüge aufrecht erhalten muss. Doch die Abwesenheit der Erwachsenen geht nicht etwa mit einer größeren Freiheit einher, sondern mit dem Zwang zu einer größeren Selbstdisziplin. Um nicht aufzufallen, dürfen Raya und Robis weder die Schule schwänzen noch schlechte Noten bekommen. Raya übt sogar für einen Englischwettbewerb, dessen Gewinner eine Reise nach England winkt. Es wäre eine Möglichkeit, sich auf die Suche nach ihrer Mutter zu machen. Ein wenig Hoffnung scheint es für Raya auch zu geben, als sie sich in ihren Englischlehrer verliebt. Der junge Mann wurde von der Stadt aufs Land versetzt, um frischen Wind in die überalterten Schulen der abgelegenen Region zu bringen. Und für Raya ist er tatsächlich so etwas wie ein Bindeglied zwischen ihrem Zuhause und der weiten Welt. Doch je mehr Zeit sie mit dem Lehrer verbringt, mit dem sie schließlich auch eine Beziehung eingeht, desto größer wird auch die Kluft zwischen ihr und ihrem Bruder, der sich im Stich gelassen fühlt und aus Angst gegen seine Schwester zu rebellieren beginnt. Gesprochen wird nicht viel in diesem rauen und spröden Jugenddrama, das 2016 bei der Berlinale mit dem „Gläsernen Bären“ in der Sektion Generation/14plus ausgezeichnet und seither auf zahlreichen Kinder- und Jugendfestivals weltweit aufgeführt wurde. Zumeist sind es die Bilder und die Töne, die auf eine sinnlich erfahrbare Art davon erzählen, wie aus einer Jugendlichen eine junge Erwachsene wird, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt und mit der Vergangenheit bricht, um sich den Weg in eine selbstbestimmte Zukunft zu eröffnen. Mit ihrem präzisen Spiel bringt die Nachwuchsdarstellerin Elina Vaska eindrucksvoll die widersprüchlichen Gefühle ihrer Figur auf den Punkt. Und auch am Ende des Films weiß sie trotz aller Verletzungen und Enttäuschungen, dass sie alleine für sich sorgen kann.
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