Time Trial - David Millars letzte Rennen

Dokumentarfilm | Großbritannien 2017 | 81 Minuten

Regie: Finlay Pretsell

Ein sinnlich hochtouriger Innenblick in den Profiradsport, entfaltet anhand der Karriere des britischen Radrennfahrers David Millar und dessen Versuch, sich nach einer Dopingsperre wieder an die Spitze heranzukämpfen. Das ungewöhnliche Porträt schildert die psychischen und physischen Strapazen von Millars Versuch, ein 13. Mal an der Tour de France teilzunehmen, erhebt aber keinen Anspruch auf Ausgewogenheit. Die Filmästhetik unterstreicht vielmehr den Rausch und die Rastlosigkeit des Rennsports.

Filmdaten

Originaltitel
TIME TRIAL
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2017
Regie
Finlay Pretsell
Buch
Finlay Pretsell
Kamera
Martin Radich
Schnitt
Kieran Gosney · Dino Jonsäter
Länge
81 Minuten
Kinostart
05.07.2018
Fsk
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Einmal nur wollte der Schotte David Millar an der Tour de France teilnehmen. Dieser Wunsch ging 1997 in Erfüllung. Eineinhalb Jahrzehnte später, als er den Zenit seiner Karriere längst überschritten hatte, waren daraus zwölf Mal geworden – und es sollte unbedingt noch eine weitere Tour hinzukommen. „Time Trial“ von Regisseur Finlay Pretsell erzählt davon, was Millar für dieses Unterfangen alles in Kauf nahm und sich und seinem Körper ein 13. Mal antat. Das ungewöhnliche Sportler-Porträt über die Karriere des britischen Radprofis führt Höhen und Tiefen einer solchen Existenz eindrucksvoll vor Augen. Millar, ein hagerer, grüblerischer Wettkämpfer und charismatischer Protagonist, gewann bei der Tour schon manche Etappe, wie auch bei der Vuelta in Spanien und beim Giro d’Italia. Einmal wurde er sogar Weltmeister im Zeitfahren. Im Jahr 2004 überführt man ihn aber des Blutdopings. Nach diesem Sündenfall schrieb er ein Buch und legte Rechenschaft ab. Inzwischen ist er das Thema leid. Er habe doch schon hunderte Male darüber gesprochen. Um Doping geht es in „Time Trial“ auch nur nebenbei. Millar ist ein Getriebener, ein emotionaler Mensch, der sich nicht scheut, vor der Kamera Tränen zu vergießen. Er füllt die Rolle des geläuterten Ex-Champions, der sich noch einmal an die Spitze kämpfen will, perfekt aus. Der Film gewährt Einblicke, die man in der herkömmlichen Sportberichterstattung vergeblich suchen würde: ins zwischen Small Talk und Absprachen changierende Geplänkel der Kapitäne im Peloton, in die rauen Gespräche im Mannschaftswagen, die motivierenden Marschbefehle an die Fahrer, akustisch immer wieder unterfüttert durch das angestrengte Atmen des Protagonisten. Ein nervenaufreibender, freejazziger Soundtrack verstärkt die Rastlosigkeit, welche dem Radsport allgemein und David Millar insbesondere zu eigen ist. Pretsell, der selbst begeisterter Radler ist und früher selbst Profi-Ambitionen hegte, umkreist in dem sinnlich hochtourigen Film den Radsportzirkus nicht aus der Distanz, sondern wirft den Zuschauer mitten ins Getümmel hinein. Mit einer an Millars Lenker befestigten Kamera gelingt es, die unsäglichen Mühen der Ebene herauszuarbeiten. Man fröstelt förmlich mit, wenn Millar im strömenden Regen seine Jacke schließen will oder wenn ein Helfer unterwegs ein neues Vorderrad montiert. Die Regenschlieren auf der Linse der Lenkerkamera verstärken den Tunnelblick des Betrachters. Für einen abwägenden Dokumentarfilm wäre diese Ästhetik ziemlich fragwürdig; doch Pretsell verwandelt diesen Fiebertraum in ein Kunstwerk eigenen Rechts ohne Genreanspruch – eine Innenaufnahme aus dem Maschinenraum des Radsports, eine Liebeserklärung. Man erlebt einen Sportler, dessen große Zeit lange vorbei ist, der sich aber wieder an die Spitze herankämpfen will. Und der darunter leidet, wie schwer ihm das inzwischen fällt. Der Filmtitel „Time Trial“, englisch für „Zeitfahren“, Millars Königsdisziplin, erhält dadurch eine ganz eigentümliche Wendung: Die Zeit spricht ein erbarmungsloses Urteil über einen alternden Sportler, der nicht loszulassen vermag.
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