Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 65 Minuten

Regie: Johannes Schaff

Auf den Spuren von Walter Ruttmann und dessen experimentellen Film „Berlin. Die Sinfonie einer Großstadt“ versammelt die pittoreske Berlin-Hymne Impressionen aus dem Party- und Nachtleben der Stadt, die mit Kompositionen der örtlichen Electronica-Szene unterlegt sind. Der Soundtrack entstand ursprünglich für den Ruttmann-Klassiker, wurde dann aber mit zeitgenössischen Berlin-Bildern montiert. Die material- wie detailreiche Sammlung flüchtiger Augenblicke kreist um die jugendliche Feier von Vielfalt und Fun, weckt als mythisierendes Stadtmarketing aber auch eine gewisse Skepsis an ihrem Aussagewert.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Johannes Schaff
Buch
Johannes Schaff
Kamera
Lil Internet · Johannes Schaff
Schnitt
Bobby Good
Länge
65 Minuten
Kinostart
12.07.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Im Presseheft zu Johannes Schaffs filmischer Doppelverbeugung vor „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) und der Stadt selbst wird das „Sleek“-Magazin zitiert, das für eine Eloge auf den Film die Überschrift wählte: „The Film that made us fall in love with Berlin all over again“. Damit ist eigentlich alles über den Film gesagt, nur dass der Regisseur wohl bestreiten würde, dass sein Film einer nur noch aufgewärmten Liebe gilt. Schaff zeigt die deutsche Hauptstadt als internationalen Hot Spot einer feierwilligen Jugend, die sich glänzend darauf versteht, die Nacht zum Tage zu machen. In einem Interview schwärmt Schaff über das „pulsierende Nachtleben“ der Stadt und verbindet das mit einem Lob des Augenblicks: „Dieses Jetzt ist ein wertvoller Moment in einer Stadt der Grenzenlosigkeit, ohne Beschränkungen oder Ausgangssperren. Die Berliner Geschichte hat uns gelehrt, dass Momente endlich sind. Dass sie irgendwann verschwinden und niemals wiederkehren. Deshalb ist eine Aufgabe von ,Symphony Of Now‘, solche einzigartigen Momente für zukünftige Zuschauer festzuhalten.“ Konzeptionell fungiert die Filmmusik dabei als Verbindungselement zu dem Filmklassiker von Walter Ruttmann. Unter der musikalischen Leitung von Frank Wiedemann steuern Protagonisten der Berliner Electronica-Szene wie Modeselektor, Hans-Joachim Roedelius oder Gudrun Gut und Thomas Fehlmann einen zeitgenössischen Soundtrack zu den Bildern des Ruttmann-Films bei. Dieser Soundtrack, dessen Produktion ebenfalls Eingang in „Symphony Of Now“ gefunden hat, wurde mit aktuellen Berlin-Bildern unterlegt. Beibehalten wurde so auch Ruttmanns Fünf-Akt-Struktur, die im Original mit kontrastiven Atmosphären unterfüttert ist. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die fundamentale Kritik Siegfried Kracauers an Ruttmanns Film. Kracauer schrieb im November 1927: „Noch nicht einmal Berlin, wie es sich einem bescheidenen, anständigen Beobachter darstellt, ist ergriffen. Warum nicht? Weil die Herren nicht den kleinsten Ehrgeiz hatten, eine Großstadt zu zeigen, wie sie wirklich ist, sondern den ungemessenen Ehrgeiz, gleich eine ,Sinfonie der Großstadt‘ zu komponieren. Sie sind schlechte Komponisten gewesen. Ehe sie etwas sahen, hatten sie schon Ideen; abgeleierte Literatenideen.“ Eine solche Kritik, die zumindest aus heutiger Sicht die Qualität „Berlin. Die Sinfonie einer Großstadt“ geradezu mutwillig verfehlt, wird gegenüber „Symphony Of Now“ wohl niemand in Position bringen, denn hier kann man von abstrahierenden Ideen nicht reden. Schaffs Film sagt: Berlin ist Berlin ist Berlin. Und Berlin ist in erster Linie: Dienstleistung. In seinen Notizen zum Film schreibt der Regisseur: „Die Zeit hat sich geändert. Berlin ist kein industrieller Moloch mehr. Berlin ist eine Stadt, die für ihre Partys bekannt ist, die von Kunst und Kultur geprägt ist. Die Hauptstadt einer Nation, deren Kanzlerin beschlossen hat, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Berlin ist wieder eine Stadt der Ideen.“ Aber gerade solche Ideen sucht man in „Symphony Of Now“ vergebens. Stattdessen wartet man nach der eindrucksvolle Exposition mit den avancierten Bildern des Originals von 1927, die Ruttmanns Stilwillen zeugen, und ein paar neuen Einstellungen, die von der wechselvollen Geschichte der Stadt seither erzählen, von Krieg, der Shoah und der Teilung, auf den Einbruch der Dämmerung, damit endlich die Computer zugeklappt werden können und die Partynacht ihren Einzug hält. Der Film sammelt Impressionen, blickt auch hinter die Kulissen, zeigt die Vorbereitungen auf den Abend in Kunsträumen, Restaurants, Konzertsälen, Theatern. Ab und an tauchen aus der Masse der flüchtigen Gesichter ein paar Prominente auf: Lars Eidinger, Rosa von Praunheim, Iris Berben, Dieter Kosslick. Es folgt eine sehr pittoreske Choreografie aus Kulturleben, Nightlife, DJ-Sets und Döner-Buden, die Berlin als „the place to be“ affirmiert, ergänzt um ein paar Überraschungen, die beispielsweise vom Kampf gegen die Gentrifizierung erzählen. Irgendwann kommt dann der Moment, in dem die Stadt einzuschlafen scheint, die Straßen und Plätze sich zu leeren beginnen. Jetzt hebt die Arbeitszeit an, in der die Stadt für den kommenden Tag vorbereitet wird: Es wird geräumt, geputzt und sauber gemacht; Brot gebacken oder Frühsport getrieben. Andernorts aber wird noch getanzt. Im „Berghain“ brennt gewiss noch Licht – und außerdem kann man sich ja noch ans Engelbecken setzen, um gemeinsam den neuen Tag zu begrüßen. Mit 65 Minuten ist diese berufsjugendliche Feier von Diversität und Fun zu kurz und zu detailreich, um zu langweilen. Wenn man gerade erst das Abitur gemacht hätte, würde man sofort aufbrechen. Trotzdem mischt sich Skepsis in diesen kunterbunten Fall eines mythisierenden Stadtmarketings, die im Film sogar selbst thematisiert wird, als einmal zu lesen ist: „How long is now?“
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