Counterpart

Science-Fiction | USA 2017 | 545 (10 Folgen) Minuten

Regie: Jennifer Getzinger

Ostblock-Wissenschaftler haben im Berlin der 1980er-Jahre durch dubiose Experimente die Abspaltung einer Paralleldimension bewirkt, die seitdem am Ort jener Experimente mit unserer Realität verbunden ist. Ein älterer Mitarbeiter einer UN-Agentur, die den Austausch zwischen den Welten überwacht, trifft eines Tages sein selbstbewusstes Pendant von der anderen Seite und wird von ihm in ein brandgefährliches Netz aus Gewalt und dubiosen Machenschaften hineingezogen. Die Science-Fiction-Serie entfaltet einen hochspannenden Spionage-Plot, angesiedelt in einem in trist-trüben Tönen gehaltenen Berlin, in dem sich ein neuer „Kalter Krieg“ zu entspinnen droht. Genreübliche Elemente treffen dabei auf eine dramatische Handlung, die anhand des Doppelgänger-Motivs um Fragen nach der Identität des Menschen kreist. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
COUNTERPART
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Jennifer Getzinger · Morten Tyldum · Alik Sakharov · Stephen Williams · Charlotte Brändström
Buch
Justin Marks · Amy Berg · Justin Britt-Gibson · Erin Levy · Gianna Sobol
Kamera
Tobias Datum · Martin Ruhe · Luc Montpellier · Philipp Blaubach · Hagen Bogdanski
Musik
Jeff Russo
Schnitt
Josh Beal · Dana E. Glauberman · Jo Francis · Geraud Brisson · Maria Gonzales
Darsteller
J.K. Simmons (Howard Silk) · Olivia Williams (Emily Burton Silk) · Harry Lloyd (Peter Quayle) · Nazanin Boniadi (Clare) · Sara Serraiocco (Baldwin)
Länge
545 (10 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Science-Fiction | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Sony
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Diskussion

„Wie ist es gekommen, dass wir so verschieden sind?“, fragt Howard Silk (J.K. Simmons) an einer Stelle – sich selbst. Oder genauer: sein anderes Selbst, einen weiteren Howard Silk aus einer Paralleldimension. Wie schon die Fantasy-Serie „Fringe“, spielt auch Justin Marks’ „Counterpart“ mit dem Konzept von Spiegel-Welten, die der unseren weitgehend gleichen, aber doch einige entscheidende Unterschiede aufweisen.

Ein Gedankenspiel, das sich nicht nur als Steilvorlage für eine Science-Fiction-Version des Politthriller-Genres eignet – wie gestalten sich die diplomatischen Beziehungen zu solch einer kopierten Welt? – , sondern auch für ein Vexierspiel um Identität und Abgrenzung, um das „Ich“ und das „Andere“. In „Counterpart“ geht das Vorhandensein der Paralleldimension auf ein dubioses Experiment von Ostblock-Wissenschaftlern im Berlin der 1980er-Jahre zurück; seitdem sind die beiden Welten am Ort jener Experimente, dem sogenannten „Crossing“, miteinander verbunden. Dort sitzt mittlerweile eine UN-Agentur, die den „Interchange“, den Kontakt zwischen den beiden Welten, überwacht.

Für diese Agentur arbeitet auch Howard Silk, allerdings nur als kleines Rädchen im Getriebe, das zunächst gar nicht weiß, wofür seine Behörde da eigentlich zuständig ist. Seit circa 30 Jahren versieht Howard innerhalb eines kafkaesk anmutenden Bürokratie-Apparats einen Dienst, dessen Zweck er nicht durchschaut – bis eines Tages sein Ebenbild auftaucht, das wie er selbst in seiner Welt Agent jener Behörde ist – aber mit einem viel höheren Dienstgrad und größerer Kompetenz.

Dieser Howard Silk – nennen wir ihn der Deutlichkeit halber Howard 2 – ist hinter einer Killerin aus seiner eigenen Welt her, die in der Welt von Howard 1 brutale Morde verübt. Und sie könnte es auch auf Emily (Olivia Williams) abgesehen haben, die Ehefrau von Howard Silk 1, die seit einem Verkehrsunfall in einem Berliner Krankenhaus im Koma liegt. Der toughe, dominante Howard 2 schlüpft deshalb in die Rolle seines bescheidenen, sanften Doppelgängers, um die Mörderin vor Ort überwältigen zu können. Und zieht Howard 1 damit hinein in einen geheimen Konflikt zwischen den beiden Welten, in dem es um wesentlich mehr geht als um eine marodierende Einzeltäterin.

Dass J.K. Simmons, der in Hollywood primär als Nebendarsteller eingesetzt wird, das Zeug zum „Leading Man“ hat, war spätestens seit seinem „Oscar“-gekrönten Auftritt in Damien Chazelles „Whiplash“ schwerlich zu übersehen: Zwar spielte er auch da neben Hauptdarsteller Miles Teller „nur“ die zweite Geige, gab aber nichtsdestotrotz das einschüchternde Energie-Zentrum des Films ab. „Counterpart“ bietet ihm mit der Doppelrolle als Howard Silk nun eine wunderbare Bühne: Man kann sich schon deswegen nicht an der Serie sattsehen, weil man herausfinden will, wie genau Simmons es anstellt, dass man seine Howards auch ohne Marker wie Kleidung oder Frisur stets auseinanderhalten kann – durch eine andere Körperspannung, eine andere Fokussierung des Blicks, die Kopfhaltung und ähnliches.

Justin Marks’ Story liefert dem Schauspieler zudem einen Stoff, in dem es nicht nur um solide Agenten-Action im Gewand eines SciFi-Thrillers geht, sondern der auch die menschlichen Tiefendimensionen mit Gusto ausbreitet. Die beiden Howards, die bei der Entstehung der Parallelwelt noch exakte Doppelgänger waren und die gleiche Kindheit teilen, haben sich seitdem völlig unterschiedlich entwickelt – durch Differenzen in all den kleinen Entscheidungen und Zufällen, die in der Summe eine Biografie prägen. Während es zunächst so wirkt, als wäre Howard 2 mit seiner „James Bond“-mäßigen Coolness und seinem Alphamännchen-Durchsetzungsvermögen das „bessere Selbst“, von dem wohl jeder ab und an wünscht, es könne das Ruder im eigenen Leben übernehmen, entwickelt sich im Lauf der Serie, wenn Howard 1 und Howard 2 mehr und mehr ins Leben des jeweils anderen überwechseln, ein differenzierteres Bild, in dem auch die Stärken des scheinbar schwächeren Howard zu Tage treten. Für J.K. Simmons eine Gelegenheit, neben seinen in zahlreichen Filmen immer wieder abgerufenen Talenten als harter „badass“ auch weichere Qualitäten spielen zu lassen.

Flankiert wird Simmons von einer Reihe faszinierender – und dem Sujet entsprechend mitunter gedoppelter – Nebenfiguren, die allesamt eine eigene Agenda zu haben scheinen und als Charaktere ein interessantes Profil auch jenseits ihrer reinen Funktionalität im Strategie-Spiel der Thriller-Handlung haben. Gedreht wurde die Serie in Berlin, den Babelsberger Filmstudios und in Los Angeles; für das Äußere der „Interchange“-Agentur lieferte der Tempelhofer Flughafen die Fassade. Das fiktionalisierte Berlin, das dabei entworfen wird, ist ein in dunkel-trüben Tönen gehaltener Albtraum aus Stein, Beton und harten Linien; die urbane Kulisse einer existenziellen Entfremdung, die in dem Doppelgänger-Motiv ihr Ventil findet.

Ein bisschen erinnert die Serie an Tomas Alfredsons geniale Adaption von John Le Carrés „Dame, König, As, Spion“: ein labyrinthisches Kalter-Krieg-Szenario, in dem alle zwischenmenschlichen Beziehungen von Misstrauen vergiftet zu werden drohen, wobei der Kampf hier freilich nicht dem Anderen jenseits des Eisernen Vorhangs gilt, sondern einem Gegner, der vom Eigenen auf beunruhigende Weise kaum zu unterschieden ist.

Anbieter: Starzplay (via Amazon Prime)

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