ultrAslan - AVRUPA

Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 80 Minuten

Regie: Ümit Uludağ

Dokumentation über den europaweit aktiven Fanclub „ultrAslan“ des türkischen Champions-League-Vereins Galatasaray Istanbul. Der Film präsentiert eine Innensicht auf die hierarchische Struktur des Clubs, der seinen Mitgliedern Gemeinschaft, Solidarität und Familienersatz verspricht, dafür aber unbedingte Loyalität verlangt. Drei Protagonisten aus der Führungsebene der deutschen Sektion bringen aktuelle Fragen über Integration und Assimilation auf dem Punkt, womit sich der mit viel Atmosphäre aus der Fankurve garnierte Film vor allem für Identitätsfragen interessiert und interessante Aspekte zur „Integrationsdebatte“ liefert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Ümit Uludağ
Buch
Ümit Uludağ
Kamera
Henning Drechsler · Lawrence Richards
Schnitt
Carina Mergens
Länge
80 Minuten
Kinostart
15.11.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Dokumentation über den europaweit aktiven Fanclub „ultrAslan“ des türkischen Fußballvereins Galatasaray Istanbul, die auch aktuelle Fragen nach Integration und Assimilation auf den Punkt bringt.

„ultrAslan“ heißt der europaweit organisierte Fanclub des türkischen Champions-League-Vereins Galatasaray Istanbul; er gilt als eine der bestorganisiertesten Fangruppierungen weltweit. Hierarchisch organisiert, unterstützt „ultrAslan“ den Verein leidenschaftlich, aber mit kritischer Distanz. Die Vereinigung versteht sich als unpolitisch und gibt ihren Mitgliedern persönlichen Halt. Fast zwei Millionen Mitglieder zählt der Verein, die nicht nur in Istanbul, sondern in Ablegern auch in fast allen mitteleuropäischen Ländern und auch in Deutschland aktiv sind. Deutsche sind nicht darunter.

Der Regisseur Ümit Uludağ, der sich als Anhänger von Werder Bremen outet, beobachtet das laute, rastlose Treiben aus der Distanz. Uludağ, der bislang hauptsächlich als Produzent tätig war, interessiert sich in seiner ersten Regiearbeit vor allem für Identitätsfragen. „Die Deutschen reden auch viel über Fußball“, sagt Ibrahim Bayram, den sie bei „ultrAslan“ den „General“ nennen, aber „in Sachen Leidenschaft liegen wir vorne. Das haben wir Türken in den Genen. Wenn wir etwas lieben, sterben wir dafür.“ Für die Mitglieder gilt das ganz besonders: Der Fanclub verlangt unbedingte Loyalität; sich selbst auszusuchen, zu welchem Spiel man geht und zu welchem nicht, wäre respektlos. So finden sich die Galatasaray-Fans mit ihren Trommeln und dem Konfetti nicht nur im Fußballstadion wieder, sondern auch bei den Spielen der Handballer und Rollstuhl-Basketballer ihres Clubs.

Dass sie ihren Verein bedingungsloser unterstützen als andere, dass sie die größten Trommeln haben, lauter und kompromissloser sind und oft mit Bengalos herumwirbeln, führt aber immer wieder zu Konflikten. Manchmal gehen ganze Sitzreihen zu Bruch; oft schreitet die Polizei ein, auch wenn man sich meist einigen kann. Häufig wird der früh verstorbene „ultrAslan“-Gründer Alpaslan Dikmen zitiert, als dessen „Soldaten“ sich seine Anhänger bezeichnen: „Ein Galatasaray-Fan ist niemals angriffslustig. Aber wenn er sich angegriffen fühlt, wehrt er sich aufs Härteste.“

Zwiespältige Erfahrungen in Deutschland

Was solch ein Angriff ist, bleibt immer eine Frage der Interpretation. Bei einem Galatasaray-Spiel in Dortmund wurde im gegnerischen Fanblock eine Fahne der verbotenen kurdischen Unabhängigkeitsorganisation PKK geschwenkt. „An diesem Punkt sind wir empfindlich. Wir lassen nicht zu, dass man unser Land oder unseren Glauben schlechtmacht“, verteidigt Bayram den Umstand, dass seine Mitstreiter die Fahne heruntergerissen haben. Die Aktion hatte ein Nachspiel; es kam zu Handgreiflichkeiten mit den Ordnern. Nach dem Spiel wurden 800 Galatasaray-Ultras von der Polizei im Stadion festgehalten und erkennungsdienstlich behandelt.

Bayram, der in Nordrhein-Westfalen groß geworden ist, Abitur gemacht und studiert hat, beklagt die Feindseligkeiten gegenüber Mannschaften aus muslimischen Ländern. Die Frage, ob britische Fußballfans mehrere Stunden im Stadion festgehalten worden wären, ist durchaus berechtigt. Sein Engagement bei „ultrAslan“ ist aber nicht nur der Leidenschaft für den Fußball geschuldet, sondern auch eine Frage der nationalen Zugehörigkeit: „Wir sind hier integriert, vergessen aber nicht, wer wir sind.“ Das gilt auch für die anderen Galatasaray-Fans, die Uludağ in seinem mit viel Tribünen-Atmosphäre garnierten Dokumentarfilm zeigt. In den Interviews wird öfters zwischen Türkisch und Deutsch gewechselt; meist hängen die türkische und die deutsche Fahne nebeneinander, selbstredend hinter der von Galatasaray.

Die meisten Fans haben zwiespältige Erfahrungen in Deutschland gemacht. Viele beklagen die Sprachpedanterie der Deutschen, die dazu führte, dass sie in der Schulzeit immer wieder ausgelacht wurden. Erlebnisse, die sogenannten „Ausländern“ gegenwärtig wieder vermehrt widerfahren; deshalb sind die Aktivitäten von „ultrAslan“ auch als eine Art Reaktion verstehbar, als ein Statement: Integration ja, Assimilation nein.

Unpolitisch sind die spektakulären „Cim Bom Bom“-Sprechchöre also nur im Hinblick auf Sympathien für politische Parteien. Hier hält man sich zurück, zeigt sich gegenüber der politischen Elite genauso distanziert wie gegenüber der Chefetage des eigenen Vereins, von dem man keine finanzielle Förderung akzeptiert. Wie vielen Ultra-Gruppierungen ist es „ultrAslan“ wichtig, unabhängig zu bleiben und eigene Positionen zu vertreten.

Intern wird „Respekt“ gefordert

Nach innen ist das für die Mitglieder des Fanclubs allerdings nahezu unmöglich: „ultrAslan“ fordert „Respekt“; der einzelne verpflichtet sich dem großen Ganzen. Die Sektionsleiter heißen „General“ oder „Präsident“, die Machtworte kommen von oben. Dafür ist die Gruppe für viele ein Familienersatz; beim Umzug hilft man sich gegenseitig, und bei der Hochzeit kommt schon mal der Fanclub vorbei und steht mit Pyrotechnik Spalier. Gemeinschaft oder Individualismus, Solidarität oder Risiko, „you’ll never walk alone“ oder Selbstverwirklichung – im pointierten Fußball-Universum werden aktuelle gesellschaftliche Grundfragen auf ihren dualen Kern hin durchsichtig.

Der Dokumentarfilm zeichnet sich durch pure Beobachtung aus. Er wertet nicht, sondern stellt den Gegenstand zur Diskussion. Man könnte spekulieren, ob Frauen oder Aussteiger unter den Interviewpartnern fehlen, weil die Führung des Fanclubs das nicht wollte. Mit Ilker Sezgin ist zumindest ein führendes „ultrAslan“-Mitglied mit dabei, das aufgrund familiärer und beruflicher Belastung ans Aufhören denkt. Wie Sezgin da mit seinem Sohn und anderen Eltern im Spiele- und Singkreis sitzt, mag für einen Ultra zunächst seltsam aussehen. Hier sind Veränderungen im Spiel und durchaus möglich. „ultrAslan“ wird es dagegen immer geben, samt der streng hierarchischen, fast schon militärisch anmutenden Organisationsstruktur. Eine Parallelgesellschaft wie alle Ultra-Verbindungen, eine Macht im Staat, von der man nur hoffen kann, dass sie weiterhin auf Distanz zur organisierten Politik bleibt.

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