Drama | Österreich/Slowakei/Tschechische Republik 2018 | 113 Minuten

Regie: Martin Sulík

Ein 80-jähriger jüdischer Slowake, dessen Eltern in der Nazi-Zeit ermordet wurden, konfrontiert den in Wien lebenden Sohn des verantwortlichen SS-Mannes mit der väterlichen Schuld. Dieser überredet den früheren Dolmetscher zu einer Reise zu den Einsatzorten des Vaters. Während die beiden Männer sich auf der wechselhaften Fahrt allmählich näherkommen, müssen sie sich mehr und mehr mit ihren Lebenswunden und unerwarteten Enthüllungen über die Vergangenheit auseinandersetzen. Anfangs ein etwas gebremst inszeniertes, tragikomisches Road Movie, wandelt sich der Film im zweiten Teil immer mehr zum ernsten Drama über Schuld und Verdrängung. Trotz mancher Vorhersehbarkeit appelliert er eindringlich für Erinnerungsarbeit und warnt vor einem Vergessen der Nazi-Verbrechen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DER DOLMETSCHER | TLUMOCNÍK | TLMOCNÍK
Produktionsland
Österreich/Slowakei/Tschechische Republik
Produktionsjahr
2018
Regie
Martin Sulík
Buch
Marek Lescák · Martin Sulík
Kamera
Martin Strba
Musik
Vladimír Godár
Schnitt
Olga Kaufmanová
Darsteller
Jirí Menzel (Ali Ungár) · Peter Simonischek (Georg Graubner) · Zuzana Mauréry (Edita) · Attila Mokos (Kysel Junior) · Anna Rakovska (Truda)
Länge
113 Minuten
Kinostart
22.11.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie | Road Movie
Diskussion

Jiří Menzel und Peter Simonischek spielen zwei alte Männer, die gemeinsam eine wechselvolle Reise in die Slowakei antreten - auf den Spuren der Vergangenheit ihrer Väter, die als Täter und Opfer in den Holocaust verstrickt waren.

Die Wohnung des Altnazis liegt in der Türkenstraße. Für den 80-jährigen jüdischen Slowaken Ali Ungár ist es ein schwerer, lang aufgeschobener Gang, der ihn nach Wien geführt hat. Mit Anzug und Krawatte seriös gekleidet, betritt er das altehrwürdige Mietshaus, im Fahrstuhl überprüft er noch einmal seine Pistole. Diese soll seiner Position Nachdruck verleihen, falls der Mörder seiner Eltern unverschämt wird, wenn Ungár ihn mit seiner Schuld konfrontiert. Doch in der Wohnungstür steht nicht der Kriegsverbrecher Graubner, sondern ein Mann etwa in Ungárs Alter: Graubners Sohn Georg eröffnet dem Besucher, dass sein Vater verstorben sei. Wenig sensibel macht er auch klar, dass er Ungár weiter nichts zu sagen habe, und drängt den Slowaken umstandslos zum Gehen. Was dieser wohl oder übel auch tut, allerdings nicht ohne sichtbare Zeichen des Unmuts: Die als Buch publizierten Erinnerungen von Graubner senior landen im Briefkasten von dessen Sohn, in den Lack ritzt Ungár ein Hakenkreuz ein.

Nach diesem Auftakt ist klar, dass die erste nicht die letzte Begegnung der beiden alten Herren in dem Film des slowakischen Regisseurs Martin Šulík sein wird. Die Hinterlassenschaft Ungárs rührt bei Georg Graubner längst verdrängte Gefühle gegenüber seinem Vater auf, auch will er sich vor dem Sohn von dessen Opfern rechtfertigen. So nimmt er alsbald Kontakt mit diesem auf und überredet ihn zu einer gemeinsamen Reise zu den Orten, an denen Graubners Vater während des Krieges „tätig“ war. Ungár lässt sich darauf ein, wohl auch - wie angedeutet wird -, weil er nicht über ein allzu großes Geldpolster verfügt; die Mitfahrt und seine Hilfe als früherer Dolmetscher lässt er sich jedenfalls auch angemessen entlohnen. Bald nachdem sich die beiden in Graubners Auto auf den Weg gemacht haben, stellt sich ihr Arrangement als spannungsgeladen heraus: Graubners Verbrüderungsversuche, seine lockere Lebensauffassung und der Wunsch, trotz des ernsten Reiseanlasses auch seinen Spaß zu haben, reiben sich aufs Heftigste an Ungárs einsilbiger Melancholie.

Den Prinzipien eines Buddy-Movies gemäß reizt Šulík, der zusammen mit Marek Leščák auch das Drehbuch schrieb, vor allem anfangs die Gegensätze zwischen den beiden Männern aus, die ein wenig an das „seltsame Paar“ aus dem gleichnamigen, mehrfach verfilmten Boulevardstück erinnern, nicht zuletzt durch die Namensähnlichkeit der jeweiligen Hauptfiguren Felix Unger und Ali Ungár. Dieser bleibt in „Der Dolmetscher“ distanziert, korrekt und sparsam mit Worten wie mit Geld, zieht Mantel und Anzug nicht einmal im Schwimmbad aus und erinnert beständig an den Ernst des Unternehmens. Dagegen lässt Graubner den Hedonisten heraushängen, der sich auch im Alter noch gern mit Frauen, Alkohol und anderen Amüsements das Dasein verschönert.

Dementsprechend sind auch die Details, die man nach und nach über ihre Vergangenheit erfährt: Graubner war Lehrer, dreimal verheiratet und hat, nachdem er früh mit seinem Vater gebrochen hat, entschieden, sich von keinen Schuldgefühlen – schon gar keinen stellvertretenden – mehr leiten zu lassen. Ungár ist seit zehn Jahren Witwer, nachdem er über fünf Jahrzehnte mit derselben Frau verheiratet war; seine einzige Affäre konnte er nicht einmal genießen. Sein Leben prägen, das legen zumindest seine Erzählungen nahe, vor allem Negativerfahrungen: Das Trauma des Holocaust-Erbes, die Repressalien durch das kommunistische Regime, eine antisemitische Attacke, nachdem er sich über die Jahre immer weiter von seiner jüdischen Abstammung entfernt hatte. Sein Dolmetscher-Beruf lässt sich deshalb als Ausdruck seines Zwischendaseins verstehen: Keiner Seite richtig zugehörig, immer bemüht, eine Vermittlung herzustellen, die doch nie von langer Dauer ist.

Mit diesen Enthüllungen dringt „Der Dolmetscher“ allmählich zu seinem Kern vor, dem Thema der unauslöschlichen Verbrechen durch die Nazis und der Verdrängung. Wenig überraschend muss Graubner einsehen, dass er sich den Taten seines Vaters auf eine Weise stellen muss, die er bis dahin abgelehnt hat. Was er beim Besuch von Holocaust-Gedenkstätten und in der Begegnung mit den Nachkommen von Opfern erfährt, verschlägt ihm die Sprache – der anfänglich als durchaus amüsantes Road Movie angelegte Film wandelt sich immer mehr zum Drama, in dem kein Platz mehr für Späße ist. Auch Ungár wird in seinen festen Ansichten erschüttert, als er erfährt, wie sich die Ermordung seiner Eltern tatsächlich zugetragen hat.

„Der Dolmetscher“ konzentriert sich über weite Strecken auf seine von Jiří Menzel und Peter Simonischek brillant gespielten Hauptfiguren. Unerwartete Mitreisende, ein Einbruch in Graubners Auto und ein Besuch bei Ungárs Tochter bleiben Episoden, die den ruhigen Fluss der Handlung nur kurz unterbrechen. Ein wenig gebremst wirkt die Reise durch die trübe Herbstlandschaft der Slowakei auf den meist leeren Straßen inmitten von Wiesen, Nadelwäldern und Gebirgen, bei denen sich die Kamera auch mal einen Panoramablick aus großer Höhe leistet.

Ansonsten hält sich Šulík mit inszenatorischen Kunstgriffen zurück und lässt auch den leicht surrealen Humor früherer Filme wie „Der Garten“ (1995) nur vereinzelt aufblitzen. Doch kann man ihm die Ernsthaftigkeit, mit der er die Aufarbeitung der Nazi-Zeit in der Slowakei und in Österreich anmahnt, nicht vorwerfen. Sein Film zeigt, wie viel bei dieser Erinnerungsarbeit nachzuholen ist, und ist zugleich ein eindringlicher Kommentar zur Wiederkehr rechtsnationaler Politik (nicht nur) in Osteuropa: „Ihr Vater und ich sind irgendwie gleich dran“, sagt Graubner einmal zu Ungárs Tochter. „Wir haben beide unsere Eltern verloren.“ Diese erwidert, dass er sich doch nicht mit denen gleichsetzen könne, die aus Rassenhass von den Nazis verfolgt wurden. Er kenne schließlich nicht die Angst, dass es wieder passieren könnte.

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