Drama | Frankreich/Belgien/USA 2018 | 93 Minuten

Regie: Gaspar Noé

In einem entlegenen Quartier versammelt sich eine Tanzkompanie nach intensiven Probentagen zu einer Party. Drogen in der Bowle entfesseln die Körper und verwandeln die Nacht in ein sich immer weiter steigerndes Inferno. Der von mitreißender Club-Musik getragene Tanzfilm zelebriert transgressives Bewegungskino, in dem Sex, Gewalt und Tabubrüche mehr ausgelebt als kontextualisiert werden. Das irritiert und verstört, fasziniert zugleich aber auch als radikale Entfesselungsorgie, zumal die dezidiert filmische Perspektive keinem menschlichen Blick zuzuordnen ist.

Filmdaten

Originaltitel
CLIMAX
Produktionsland
Frankreich/Belgien/USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Gaspar Noé
Buch
Gaspar Noé
Kamera
Benoît Debie
Schnitt
Denis Bedlow · Gaspar Noé
Darsteller
Sofia Boutella (Selva) · Romain Guillermic (David) · Souheila Yacoub (Lou) · Kiddy Smile (Daddy) · Claude-Emmanuelle Gajan-Maull (Emmanuelle)
Länge
93 Minuten
Kinostart
06.12.2018
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama | Mystery-Film | Tanzfilm
Diskussion

Von mitreißender Club-Musik getragener Tanzfilm als transgressives Bewegungskino, das irritiert und verstört, als radikale Entfesselungsorgie aber auch fasziniert.

Eine junge Frau torkelt durch eine einsame winterliche Landschaft; Blut klebt an ihr. Sie bricht schreiend zusammen, wälzt sich im Schnee und robbt auf allen Vieren weiter. Begleitet wird das, was wie der delirierende Tanz eines „final girls“ aus einem Horrorfilm aussieht, von Gary Numans trunken klingender Synthesizer-Version des Erik-Satie-Klassikers „Trois Gymnopédies“. Es folgt der Abspann, dann erst beginnt der eigentliche Film.

Ein Casting-Video, das auf einem alten Fernseher läuft, stellt die Charaktere vor – 21 an der Zahl. Lou, Ivana, Eva, Rocket, Riley, Omar, David, Alaia, Cyborg und wie sie alle heißen, sind Tänzerinnen und Tänzer. Eine spricht darüber, was ihr das Tanzen bedeutet, ein anderer darüber, was er für das Tanzen zu tun bereit wäre. Beide Male würde die Antwort „alles“ lauten. Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie nicht mehr tanzen könnte, antwortet eine andere: „Mich umbringen“. Es wird auch über Albträume, Drogen oder Sex gesprochen. Doch überwiegend geht es um die befreienden Kräfte des Tanzens, um Grenzerfahrungen und Verwandlungen – „Es gibt nur noch uns, unsere Körper“, heißt es beispielsweise.

Wo es mit den Körpern – und dem Film – hingehen soll, lässt sich an etlichen Büchern und Videokassetten erahnen, die sich zu beiden Seiten des Fernsehgeräts stapeln: Literatur über Nietzsche, Murnau und Selbstmord finden sich neben Filmen wie „Die 120 Tage von Sodom“, „Un chien andalou“, „Suspiria“, „Schizophrenia“, „Inauguration of the Pleasure Dome“ – und, mit „Climax“ vielleicht am tiefsten verbunden: Andrzej Żuławskis „Possession.

Ein abgeschiedener Ort mit Club-Musik der 1990er-Jahre

Schauplatz in Gaspar Noés „Climax“ ist eine zum Partyraum umfunktionierte Schulaula in einem entlegenen Quartier – eine abgeschlossene Kapsel ohne Kontakt zu Außenwelt und Gesellschaft (auch das ein Motiv des Horrorkinos). Nach einem intensiven Probenwochenende soll gefeiert werden, Entspannung mischt sich mit Aufgekratztheit. Ein DJ beginnt einzuheizen, Club-Musik der 1990er-Jahre hämmert und wummert und peitscht: Daft Punk, Aphex Twin etc.

Hauptfigur des Films ist das (multiethnisch und sexuell diverse) Ensemble, die Gruppe – und zwar nicht als eine Addition von Biografien und Subjektivitäten, sondern als eine der Körper. Der Film erzählt, wie die anfangs sortiert auftretenden, kontrollierten und disziplinierten Körper sich durch die Einnahme bewusstseinsverändernder Substanzen – jemand mischt heimlich LSD in die Bowle – entfesseln. Wie sie chaotisch und monströs werden.

Noé zeigt die jungen, schönen und sehr stilbewussten Menschen fast unaufhörlich in Bewegung; wenn sie einmal zur „Ruhe“ kommen, was selten passiert, gerät etwas anderes in Fahrt: der vom Begehren gelenkte Blick oder ein von sexuellen Fantasien aufgeladenes, gelegentlich auch explizit sexistisches Sprechen oder eher: Gequatsche. Ebenso wie die Körper führt Noé dieses an seine Grenzen, überstrapaziert (nicht zuletzt rassistische) Stereotype, wenn etwa schwarze Männer sich als sexuell hochpotente Hengste gebärden.

Letztlich aber führt die Frage, ob das Ausstellen das Stereotyp negiert oder vielmehr bestätigt, zu nichts – und auch die immer wieder mal laut in den Film hineinrufenden Texttafeln – „Leben ist eine kollektive Unmöglichkeit“, „Sterben ist eine außergewöhnliche Erfahrung“ und anderes – lässt man in ihrer sinnfreien Appellhaftigkeit einfach vorbeirauschen.

Der Film schraubt sich Level um Level zum Kulminationspunkt hoch

Wahrscheinlich nähert man sich „Climax“ am ehesten als einer Form des transgressiven Bewegungskinos, das sich, dem Titel folgend, von Level zu Level bis zum Kulminationspunkt hochschraubt. Dass sich der Plot, wie es in einer einleitenden Texteinblendung heißt, auf „wahre Ereignisse in Frankreich im tiefsten Winter 1996“ bezieht, ist für Noé nicht wichtig – eben so wenig wie die psychologischen Aspekte dieser Entfesselungsorgie. Die Geschichte bietet dem französischen Filmemacher eher einen Rahmen, in dem er seine Interessen, Vorlieben und Spleens ungehemmt und gleichzeitig konzentriert „ausleben“ kann: Sex, Gewalt, Tabubrüche, gepaart mit den Attraktionen eines „cinéma du look“.

Für eine solche Leseweise spricht zumindest die Perspektive des Films, die eine genuin filmische und keinem menschlichen Blick zuzuordnen ist. Die Handkamera, die mal diese, mal jene Figur herausgreift und eine Weile begleitet, bevor sie sich wieder einer anderen zuwendet, hat etwas eigentümlich Mechanisches, nicht speziell Interessiertes. Distanz spürt man auch in der sehr mitreißenden Eröffnungsszene, die in einer ungeschnittenen Einstellung eine präzise durchchoreografierte Tanznummer zeigt, wobei die Kamera sich immer wieder geradezu programmgesteuert an die Decke bewegt. Uhrwerkartig und perfekt wie die Maschinen-Ballette des Hollywood-Choreografen Busby Berkeley sind die Formationen der Tänzer, auch wenn sie durchaus solistische, scheinbar „individuelle“ Elemente zulassen – Flickflacks, spektakuläre Breakdance-Kunststücke etc.

Alles fällt komplett aus der Fassung

Eine zweite Tanznummer etwas später im Film, weitgehend von oben gefilmt, sieht schon ganz anders aus. Die Tänzer formieren sich im Kreis und feuern die in ihre Mitte tretenden Solotänzer an. Der Körperkontakt intensiviert sich, die Gesten werden sexueller, auch aggressiver, handgreiflicher. Nach dieser noch halbwegs geordneten, übersichtlichen Choreografie fällt alles komplett aus der Fassung. Die Bewegungen sind nun lasziv, taumelnd, räkelnd, eine Tänzerin pinkelt einfach auf den Fußboden, auch die Kamera verliert die Kontrolle, am Ende stellt sie sich gar buchstäblich auf den Kopf.

Die Nacht verwandelt sich in ein wahres Inferno. Hysterie und Paranoia übernehmen das Regime, man beschuldigt sich gegenseitig, die Drogen untergemischt zu haben, rohe Gewalt bricht aus. Einer Schwangeren wird in den Bauch getreten, die Leiterin der Gruppe schließt ihren kleinen Sohn in den Heizungskeller ein und findet den Schlüssel nicht mehr, eine Tänzerin fängt Feuer, zwischen einem Geschwisterpaar kommt es zum Inzest, ein Messer wird gezückt, Blut fließt. Die Gruppe ist nun tatsächlich „besessen“. Die Körper, von konvulsivischen, zuckenden, von wilden Schreien begleiteten Bewegungen deformiert, gehören nicht mehr den Tanzenden.

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