Die unglaubliche Reise des Fakirs, der in einem Kleiderschrank feststeckte

Drama | Frankreich/USA/Belgien/Singapur/Indien 2018 | 96 Minuten

Regie: Ken Scott

Ein junger Inder gerät auf der Suche nach seinem unbekannten Vater in eine Reihe von Abenteuer, die ihn aus den Slums von Mumbai nach Paris, Rom und nach Nordafrika führen und schöne Frauen begehren lassen. Die temporeiche Bestsellerverfilmung einer unfreiwilligen Odyssee setzt auf Optimismus und den Zufall, überstrapaziert dabei aber die Glaubwürdigkeit der märchenhaften Liebesgeschichte. Anspielungen auf die aktuelle Flüchtlingskrise wirken aufgesetzt und harmlos. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE EXTRAORDINARY JOURNEY OF THE FAKIR
Produktionsland
Frankreich/USA/Belgien/Singapur/Indien
Produktionsjahr
2018
Regie
Ken Scott
Buch
Luc Bossi · Romain Puértolas
Kamera
Vincent Mathias
Musik
Nicolas Errèra
Schnitt
Philippe Bourgueil · Yvann Thibaudeau
Darsteller
Dhanush (Ajatashatru Lavash Patel) · Bérénice Bejo (Nelly Marnay) · Erin Moriarty (Marie) · Barkhad Abdi (Wiraj) · Gérard Jugnot (Gustave)
Länge
96 Minuten
Kinostart
29.11.2018
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung
Diskussion

Temporeiche Bestsellerverfilmung über die unfreiwillige Odyssee eines jungen Inders auf der Suche nach seinem unbekannten Vater, wobei märchenhafte Liebesgeschichten und aufgesetzte Anspielungen auf die Flüchtlingskrise dem Stoff die Überzeugungskraft nehmen.

Eigentlich ist Aja überhaupt kein Fakir, und vielleicht ist dieser Umstand schon ein Hinweis darauf, dass in diesem Film den Bildern und Worten nicht immer zu trauen ist, dass in munterer Münchhausen-Manier drauflosfabuliert wird und man sich in einem Märchen befindet. Aja, etwas über 20 Jahre alt, lebt mit seiner Mutter in den Slums von Mumbai und hält sich mit Zaubertricks und kleinen Diebstählen über Wasser. Viel wichtiger als der tägliche Überlebenskampf ist für ihn aber die Frage, die ihn schon seit frühester Kindheit beschäftigt: Wer ist sein Vater? Lebt er noch? Und wenn ja, wo?

Plötzlich ist die Mutter tot, und ein alter Liebesbrief legt eine erste Spur, die nach Paris führt. Kurzentschlossen macht sich Aja nach Frankreich auf. Gleich am ersten Tag lernt er eine schöne Amerikanerin kennen. Nur zu gern würde Aja sie wiedersehen, doch der Zufall hat etwas anderes im Sinn. Der junge Inder nächtigt in einem Möbelhaus in einem Kleiderschrank, der anderntags auf Reisen geht, zunächst nach Rom, wo Aja eine weitere schöne Frau in Gestalt von Bérénice Bejo kennenlernt, dann nach England, irgendwann sogar nach Libyen, wo Flüchtlinge in Lagern auf ihre Überfahrt warten. Wird Aja trotz aller Widerstände seine große Liebe wiederfinden?

Der Zufall wird reichlich bemüht

Schöne Städte, schöne Frauen, farbenfrohe Kulissen und aufregende Landschaften sind dann in der Summe doch ein bisschen zu viel des Guten. Regisseur Ken Scott hatte eine märchenhafte Liebesgeschichte im Sinn, in der alles möglich ist, weil der Zufall so freundlich mitspielt und sich die kulturellen Unterschiede zwischen Europäern und Immigranten so herzlich überbrücken lassen. Dabei greift die Inszenierung viel zu oft auf Klischees zurück. Das beginnt schon mit der Zeichnung von Mumbai als quirliger Metropole, in der die Armut in den Slums zum kunterbunten Hintergrund ungebremster Lebensfreude wird. Vom Elend ist hier gar nichts zu spüren, und darum passt der Bollywood-Star Dhanush auch so gut ins Bild.

Paris und Rom sind schon an ihren Wahrzeichen zu erkennen. Lichtdurchflutete Bilder lassen die Farben leuchten. Dass hier echte Menschen mit realen Problemen leben, glaubt man nicht, und vielleicht ist es darum nur folgerichtig, dass Aja in diesen Städten stets nur Ausländerinnen kennen lernt, die, weil auf Reisen, dem Alltag enthoben sind. Völlig absurd wird dieser realitätsferne Ansatz, wenn Aja in Tripolis einen somalischen Flüchtling wiedertrifft, den er am Anfang seiner unfreiwilligen Odyssee kennengelernt hatte.

Anspielungen auf die Flüchtlingskrise als folgenloses Spektakel

Aus Reportagen und Nachrichten weiß man um die Unmenschlichkeit und Grausamkeit, die in libyschen Flüchtlingslagern herrschen, um die Skrupellosigkeit und Gier, mit der dort Menschenhändler agieren. Scott ficht das aber nicht an. Sein Held kauft sich einfach ein Ticket und fliegt nach Paris zurück. Die Anspielung auf die aktuelle Flüchtlingskrise wird so zum folgenlosen Spektakel, das auch noch für exotische Bilder herhalten muss.

Der Film hätte zu einem Traktat über Zufall und Schicksal werden können, über Culture Clash und fremde Welten, die Erziehung des Herzens oder die surreale Prämisse, in einem Gegenstand zu reisen, der eigentlich immer am selben Platz steht. Ein Schrank bewahrt Dinge auf, er transportiert sie nicht. Doch auch diese schöne Idee gerät zur oberflächlich-seichten Unterhaltung.

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