Can You Ever Forgive Me?

Biopic | USA 2018 | 107 Minuten

Regie: Marielle Heller

Anfang der 1990er-Jahre beginnt die in ärmlichen Verhältnissen lebende US-Schriftstellerin Lee Israel aus einer finanziellen Notlage heraus, Briefe von verstorbenen Berühmtheiten zu fälschen. Mit Hilfe eines homosexuellen Freundes verkauft sie zahlreiche Fälschungen an Antiquariate, bis die Vielzahl der Imitate das Misstrauen der Käufer weckt und auch das FBI auf den Plan ruft. Das Porträt der Literatin offenbart hinter der amüsanten Oberfläche des Films ein differenziertes Charakterbild, das versteckte Unsicherheiten, soziale Ausgrenzungen und dadurch ausgelöste Isolation deutlich macht. Eine feinfühlige Regie und hervorragende Darsteller verhelfen dem Film zum Rang eines bewegenden Charakterdramas. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CAN YOU EVER FORGIVE ME?
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Marielle Heller
Buch
Nicole Holofcener · Jeff Whitty
Kamera
Brandon Trost
Musik
Nate Heller
Schnitt
Anne McCabe
Darsteller
Melissa McCarthy (Lee Israel) · Richard E. Grant (Jack Hock) · Dolly Wells (Anna) · Ben Falcone (Alan Schmidt) · Gregory Korostishevsky (Andrei)
Länge
107 Minuten
Kinostart
21.02.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Biopic | Komödie
Diskussion

Bewegendes Porträt der lesbischen US-Schriftstellerin Lee Israel, die aus einer finanziellen Notlage heraus Briefe von verstorbenen Berühmtheiten zu fälschen beginnt und sich bei deren Verkauf der Hilfe eines homosexuellen Freundes bedient.

Feministische Filme sind in Hollywood keine Besonderheit mehr, aber immer noch die Ausnahme. Ein biografisches Porträt einer lesbische Frau in ihren Fünfzigern, die in den Augen der Regisseurin Marielle Heller so „etwas wie ein feministischer Anti-Held“ ist, durchbricht allerdings nach wie vor Grenzen und Vorbehalte. Besonders deshalb, weil sich der Film keine Mühe gibt, die in ihrem Äußeren und ihrem Verhalten gegenüber der Umwelt ziemlich unattraktive Heldin schönzureden.

Das von Nicole Holofcener und Jeff Whitty verfasste Drehbuch basiert auf einer 2008 erschienenen Autobiografie der Schriftstellerin Lee Israel. Mit Büchern über Tallulah Bankhead und Estee Lauder hatte Lee Israel einst Erfolg gehabt. Aber das ist in den 1990er-Jahren lange her. In Antiquariaten werden ihre Romane inzwischen für ein paar Dollar verscherbelt. Lee, die Katzen immer schon mehr liebte als Menschen, lebt in einer schäbigen New Yorker Behausung, in der man die Fenster aufreißen möchte, sobald man ihrer ansichtig wird. Es gibt kaum einen Tag, geschweige denn eine Nacht, wo sie nüchtern ist. Sie hat keine Freunde, nur „Bekannte“, und ihre immer bedrängendere finanzielle Situation lässt sie ihre Einsamkeit umso stärker empfinden.

Die Versuchung ist groß

Eines Tages stolpert Lee über zwei originale Briefe der Vaudeville-Komödiantin Fanny Brice, über die sie gerade ein Buch schreibt. Die Versuchung, die Briefe zu stehlen und sie zu Geld zu machen, ist groß – und Lee erliegt ihr inmitten der unaufmerksamen Umgebung der Bibliothek, in der sie die Bögen gefunden hat.

Damit ist der erste Schritt zu einer zweiten Karriere getan, der kriminellen Karriere einer Fälscherin. Lee zeigt sich darin begabt. Sie benutzt Federhalter, alte Schreibmaschinen und ihre eigene witzige Fantasie, um angeblich echte Briefe ihrer literarischen Helden zu verfassen und an zunächst ahnungslose Antiquariate zu verkaufen. Sie verfügt über genug Begabung und Humor, um den Stil der imitierten Autoren perfekt nachzuahmen; Lee Israel hat von sich selbst einmal gesagt, dass sie „ein besserer Noël Coward als Coward selbst“ sei.

Einen Komplizen findet Lee in einer Bar in einem homosexuellen Bekannten, der wegen eines Raubüberfalls im Gefängnis saß. Mit ihm zusammen glückt ein Coup nach dem anderen, bis die Vielzahl der von ihr „gefundenen“ Briefe dann doch das Misstrauen der Käufer weckt und schließlich auch das des FBI.

Glänzende Darsteller und eine kluge Regie

Filme dieser Art stehen und fallen nicht nur mit der Sensibilität ihrer Autoren und Regisseure, sondern auch mit dem Können ihrer Darsteller. Die Komödiantin Melissa McCarthy und der weniger bekannte, aber glänzende Richard E. Grant haben sich ihrer deftigen Rollen mit totaler Selbstentäußerung angenommen. Als Zuschauer vergisst man schnell, dass hier Schauspieler am Werk sind. Sie kosten nicht nur die saftige Komik der Geschichte aus, sondern fördern die verborgene Tragik der Charaktere ganz unforciert zu Tage. Gemeinsam mit der Inszenierung von Marielle Heller, die jede Gelegenheit wahrnimmt, hinter das irritierende Äußere ihrer Figuren zu schauen, gelingt es, versteckte Unsicherheiten, soziale Ausgrenzungen und die dadurch ausgelöste Isolation in einer Weise deutlich zu machen, die den Film zu einem der bewegendsten Charakterdramen der jüngsten Zeit werden lässt.

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