Dream Away

Dokumentarfilm | Deutschland/Ägypten 2018 | 86 Minuten

Regie: Marouan Omara

Bis vor einigen Jahren war Sharm El Sheikh ein Anziehungspunkt des internationalen Tourismus. Doch seit den Terroranschlägen im Jahr 2005 ist die an der Südspitze der Sinai-Halbinsel gelegene Stadt größtenteils verwaist. Der Film begleitet eine Gruppe junger Ägypter, die in den Ferienanlagen arbeiten und angesichts der Spannungen zwischen traditioneller Kultur und liberalem westlichen Lebensstil verstärkt mit Fragen kultureller Identität konfrontiert sind. Formal nutzt die Inszenierung die surrealen und mitunter fast schon dystopischen Potenziale des verödeten Ortes, um sie zu traumähnlichen Atmosphären zu verarbeiten. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Ägypten
Produktionsjahr
2018
Regie
Marouan Omara · Johanna Domke
Buch
Johanna Domke · Marouan Omara
Kamera
Jakob Beurle
Schnitt
Gesa Jäger
Länge
86 Minuten
Kinostart
07.02.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Surreal angehauchter Dokumentarfilm über die verödete Hafenstadt Sharm El Sheikh und eine Gruppe junger Ägypter, die in den Ferienanlagen arbeiten, wo seit den Terroranschlägen im Jahr 2005 die Gäste ausbleiben.

„Wakey wakey, Sharm El Shakey. Let’s have fun in the sun, welcome everyone!“, schallt es mit professionell guter Laune über die riesige Poolanlage. Dann vollführt eine Gruppe von Animateurinnen zu billigen House-Beats eine schlichte Choreografie. Doch es ist niemand da, um wach zu werden und Spaß in der Sonne zu haben. Das Schwimmbecken und die akkurat aufgereihten Liegestühle sind leer. In den anderen Bereichen des Luxushotels sieht es nicht anders aus. Ein Mitarbeiter des Wellness-Bereichs faltet und zwirbelt vor Langeweile türkisfarbene Handtücher kunstvoll zu Schwänen. Das gespenstisch verlassene Foyer wird für eine imaginäre Kundschaft blitzblank geputzt. Der DJ dreht die Musik auf – für ein abwesendes Publikum.

Die an der Südspitze der Sinai-Halbinsel gelegene Stadt Sharm El Sheikh zählte einst zu den beliebtesten und teuersten Seebädern Ägyptens. Restaurants, internationale Hotels, Märkte und Diskotheken ließen sich in dem Ort nieder, durch seine Freizügigkeit und die Aussicht auf schnell verdientes Geld wurde er auch für junge Ägypterinnen und Ägypter zum Anziehungspunkt. Aber durch den Arabischen Frühling und die Erschütterungen der jüngeren Zeit – 2005 war Sharm El Sheikh Ziel von schweren Terroranschlägen – verlor die Stadt viel von ihrer Anziehung als beliebter Urlaubsort.

Ambienthafte Klänge zum Sonnenaufgang

Auf eingängige Weise mobilisiert „Dream Away“ die surrealen und mitunter fast schon dystopischen Potenziale des verödeten Orts. Gleich zu Anfang sieht man zu ambienthaften Klängen ein paar Frauen und Männer in Partykleidung bei Sonnenaufgang durch die Wüste streifen. Es könnten die letzten Bewohner eines verlassenen Planeten sein. An einer Landstraße steigen sie in einen roten Pickup. Ihre Fahrt geht vorbei an modellhaft aussehenden Gebäuden, nicht unähnlich den künstlichen Settings in Disneyland – später sieht man einmal gigantische Dinosaurier in der Landschaft herumstehen.

Die Partyleute aus der Wüste sind alle Mitarbeiter der Ferienanlagen – und Protagonisten des Films. Dabei changieren Horreya, Alaa, Shaima, Hossam, Taki und Rami zwischen realen Personen und Figuren einer quasi-fiktionalen Erzählung. Die Wirklichkeitsverhältnisse in „Dream Away“ sind stets fluide, die Szenen mal mehr, mal weniger deutlich inszeniert. Bezeichnenderweise führt der Abspann des von Marouan Omara und Johanna Domke inszenierten Films – er ist ägyptischer Filmemacher, sie bildende Künstlerin aus Deutschland – einen Schauspielcoach auf.

Eine Rückkehr in ihren Heimatort ist keine Option

Wiederholt kippt die Erzählung in eine traumähnliche Atmosphäre. Manchmal sprechen die Figuren auch direkt in die Kamera – oder sie führen dem Pickup folgend Gespräche mit einem riesigen Affenmaskottchen, das von der Ladefläche aus Fragen zu Identität, Beziehungen und ihrer Zukunft stellt. „Ich bin das Mädchen, das verlor, was ihr am liebsten war... ich habe mein Zuhause verlassen, um das Leben zu suchen“, deklamiert Horreya. Sie arbeitet als Putzfrau in einem der Luxusresorts und teilt sich mit Shaima, einer Animateurin, ein schäbiges Hotelzimmer auf dem Areal. Shaima, die vollständig in der westlichen Lebensweise aufzugehen scheint, rümpft anfangs die Nase über ihre neue Mitbewohnerin, die abends lieber mit ihrem Stofftier im Bett liegt als auszugehen. Später passt sich auch Horreya an – so lebt es sich leichter in Sharm El Sheikh.

Auch wenn der Tourismus fast zum Erliegen gekommen ist und die Beschäftigten zum Teil krasse Lohnkürzungen hinnehmen müssen oder von der Kündigung bedroht sind, ist eine Rückkehr in ihre Heimatorte keine Option. Zu sehr haben sie sich dem liberalen Lebensstil angepasst. Hossam, der als Fahrer arbeitet und zwischen zwei verschiedenen Ehefrauen jongliert, erzählt, dass ihn die Menschen zu Hause wie einen Touristen anstarren würden. Taki meint, dass seine Mutter nicht einmal wüsste, was ein DJ sei. Er träumt davon, ins Ausland zu gehen und neu anzufangen. Sie alle führen ein Doppelleben, sind zerrissen zwischen ihrer kultureller Herkunft und den Annehmlichkeiten eines adaptierten Lebens. Doch für das Ausleben der schönen Freiheiten müssen nur die Frauen bezahlen, wie die geschiedene Shaima beklagt. „In Sharm ist es für einen Mann in Ordnung, seine Kultur zu vergessen, aber nicht für eine Frau.“

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