Touristische Orte sind imaginäre Gebilde

Montag, 25.03.2019

Ein Gespräch mit der Filmemacherin Johanna Domke über ihren Dokumentarfilm „Dream Away“

Diskussion

In „Dream Away“ begibt sich die Filmemacherin Johanna Domke nach Sharm El Sheikh auf der Sinai-Halbinsel, einer ehemaligen Hochburg des internationalen Tourismus, in der sich islamische und westlich-liberale Wertvorstellungen durchdrangen. Seit den Anschlägen 2015 ist das Badeparadies weitgehend verödet. Ein Interview über Authentizität, die Macht der Bilder und warum Dokumentarfilme immer auch inszenierte Momente enthalten.


Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Johanna Domke: Das hat eine längere Vorgeschichte. Es ist schon die zweite Produktion, die ich in Co-Regie mit dem ägyptischen Regisseur Marouan Omara realisiert habe. "Dream Away" ist thematisch wie auch formal eine Fortsetzung unseres ersten Films. Ich war Anfang 2012 in Kairo, kurz nach der Revolution, und stand inmitten des Tahir-Platzes, ohne mich als Teil des Umbruchs, sondern nur als Betrachterin zu fühlen. In diesem Moment konnte ich selbst keine Bilder schaffen, weil das alles zu groß war und ich mich damit nicht verbunden genug fühlte. Mich beeindruckte aber das Bedürfnis nach Bildern, die Willkür, mit der dokumentiert wurde, und die Bilderflut, die damit einherging.

Das war die Situation, in der ich Marouan Omara begegnet bin, der Ägypter ist und Teil des revolutionären Geschehens war. Auch er spürte dieses Unvermögen, selbst Bilder zu machen, obwohl es um seine eigene Geschichte ging. In diesem gleichen Gefühl haben wir uns getroffen und beschlossen, einen Film über Bilder zu drehen.

In unserem ersten Film „Crop“ (2013) geht es um die Reflexion, wie Bilder in der Politik vor der Revolution benutzt wurden. Es interessierte uns, wie sich journalistischer Blick und Autorenschaft durch den Aufstand verändert haben. Davor wurden die Bilder von den Machthabenden geschaffen, in denen das Volk keinen Platz fand. Erst die Revolution ermöglichte dann eine Teilhabe am Bild. Visuell verzichten wir in „Crop“ aber komplett auf jene Bilder, um die es uns eigentlich geht. Stattdessen spielt der Film in dem Verlagsgebäude einer großen ägyptischen Zeitung. Ein Journalist reflektiert als Erzähler über den Umgang mit Bildern vor und nach der Revolution.

Im Zuge der Revolution und ihrer wirtschaftlichen Folgen suchten viele Jugendliche nach einer neuen Perspektive. Ferienorte wie Sharm El Sheikh am Roten Meer boten damals noch gut bezahlte Jobs. Viele zog es aber auch wegen des liberalen Lebensstils dorthin. In „Dream Away“ hat es uns deshalb interessiert, wie aus einem revolutionären Kontext ein neuer kultureller Kontext wird.



Was hat Sie als visuelle Künstlerin an diesem Thema interessiert?

Domke: Mir ist es in meiner Arbeit wichtig, dass es eine Reflexionsebene gibt, die das Medium selbst greifbar macht, also eine Ebene der Selbstreflexion im Film. In „Crop“ war das die Nichtpräsenz der Bilder, in „Dream Away“ ist es das Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Es wird deutlich, dass vieles fiktiv ist und die Protagonisten für den Film eine Rolle angenommen haben. Dies war für uns kein Kunstgriff, sondern eine Notwendigkeit, um den Protagonisten einen sicheren Handlungsrahmen zu geben und sie so vor sozialen und politischen Konsequenzen zu schützen. Die Rollen sind in enger Zusammenarbeit mit den Protagonisten entwickelt worden und beruhen auf ihren eigenen Geschichten. Was wirklich war und was erfunden ist, ist letztendlich egal, denn es wird deutlich, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.

Für mich ist von Bedeutung, dass man das Gesehene ständig hinterfragt und sich von den Bildern nicht nur betören lässt. Ich glaube, dass Bilder zu viel Macht haben. Sie sind ein Element der Narration, können aber auch zu sehr verführen. Deswegen ist es für mich wichtig, Ebenen zu schaffen, die das wieder brechen.


Mediale Selbstreflexion im Sinne einer Verunsicherung, ob das jetzt dokumentarisch ist oder aber inszeniert?

Domke: Selbst die dokumentarischste Szene ist für mich inszeniert. Sobald eine Kamera da ist, verändert sich die Situation. Beobachtende Filme mit der Kamera als "fly on the wall" zu machen, gibt es für mich nicht. Ich finde es ehrlicher, dann gleich zu zeigen, dass es sich um eine Inszenierung handelt und den Betrachter nach der "Wahrheit" suchen zu lassen.


Die Inszenierung in „Dream Away“ zeigt sich auch in dem wiederkehrenden Moment, dass die Protagonisten hinter einem fahrenden Pick-up herlaufen und im Laufen auf Fragen einer überdimensionalen Affenfigur antworten, die ihnen von der Ladefläche herab existentielle Dinge an den Kopf wirft. In diesem Kunstgriff wird eine geplante Erzähldramaturgie sichtbar, die den Film strukturiert.

Domke: Das ist für mich der dokumentarischste Moment in „Dream Away“, weil das Interviews mit einer sehr spontanen Frage-Antwort-Situation sind. Darüber kann man natürlich streiten. Das Spannende daran ist, dass man als Zuschauer für sich selbst definieren muss, was Fiktion und was Realität ist, weil beides ständig miteinander verschwimmt.

Die meisten Szenen im Film sind inszeniert, aber nicht gescriptet. Wir haben den Protagonisten niemals gesagt, was sie sagen sollen, aber wir haben mit ihnen vorab immer besprochen, worum es in einer bestimmten Situation gehen könnte. Wir haben den Kontext der Situation auf diese Weise abgesteckt; in dem Moment aber waren die Akteure dann völlig frei. Man kann natürlich fragen, ob das schon inszeniert ist oder nur der Rahmen inszeniert ist, innerhalb dessen etwas Dokumentarisches möglich ist.



Sprechen die Protagonisten in diesen Szenen dann über sich selbst als reale Personen oder mehr über sich als Rollenfiguren?

Domke: Das ist auch etwas, was verschwimmt. Sharm El Sheikh ist ein Ort, an dem jeder eine Rolle spielt, ob als Tourist oder als Hotelangestellter. Alle unsere Protagonisten haben schon unzählige Jobs in der Tourismusbranche gehabt. Wir wollten, dass sie vor allem die Rollen reflektieren, die sie als diejenigen einnehmen, die sowohl vor als auch hinter den Kulissen agieren. Wir haben mit manchen Charakteren festgelegt, dass sie im Film einen anderen Beruf haben als in Wirklichkeit. Deshalb haben sie in diesem Kontext Sachen erfunden, die zu ihrer Rolle passen. Aber alles fußt auf ihren Erfahrungen, die sie an diesem Ort gemacht haben.

Letztendlich geht es aber nicht darum, dass das Zimmermädchen eine bestimmte Rolle hat, sondern dass es in der Funktion als Zimmermädchen nicht Teil der Welt der Touristen ist; es betrachtet diese vielmehr von außen und bringt dadurch eine Reflexionsebene mit ein. Das fußt auf den Erfahrungen, die die Protagonisten in dieser Zeit gemacht haben, und auf dem Gegenüber dieser beiden Welten.


Jeder der Protagonisten arbeitet an diesem Ort in seinem eigenen Bereich, aber gemeinsam bilden sie ein Ensemble. Es gibt auch Ensembleszenen. Der Film endet sogar mit einer solchen. Auf diese Weise wird dramaturgisch suggeriert, dass sie alle im selben Luxusresort beschäftigt sind. War das auch real der Fall oder lebten und arbeiteten sie in Wirklichkeit an verschiedenen Standorten?

Domke: Nein, das ist fiktiv, anders wäre das auch gar nicht möglich gewesen. Wir haben mit den Protagonisten über Jahre Kontakt gehabt, um mit ihnen die Rollen zu konzipieren und die Konstellation im Film aufzubauen. Diese Entwicklungsphase dauerte fünf Jahre. Innerhalb dieser Zeit passierte 2015 der Terroranschlag. Danach wurde der Flughafen geschlossen und der Tourismus kam zum Erliegen. Das hat unseren Fokus massiv verändert. Viele unserer Protagonisten verließen den Ort, weil die Hotels, in denen sie beschäftigt waren, schließen mussten. Da wir den Großteil der Protagonisten für den Film nach Sharm El Sheikh zurückholen mussten, lag es nahe, sie alle gemeinsam in einem Resort unterzubringen.


Ursprünglich war das Konzept also ein anderes. Da war diese Tourismushochburg noch keine Geisterstadt?

Domke: Bis zum Terroranschlag lag unser Fokus auf der ägyptischen Jugend, die mitten im politischen Umbruch ihres Landes an einem Ort voller kultureller Diversität ihre Identität neu definieren muss.

Nach dem Anschlag verschob sich der Fokus. In der Abwesenheit der Touristen zeigte sich umso deutlicher, wie sehr der Ort als Projektionsfläche für träumerische Lebensentwürfe und kulturelle Fantasien, aber auch als Zufluchtsort vor gesellschaftlichen Erwartungen fungierte. Jetzt ging es darum, zu ergründen, was der Ort für jeden Einzelnen bedeutet und warum die Hoffnung nicht aufgegeben wird, dass es wieder bessere Zeiten geben könnte.



In den äußeren Räumlichkeiten des weitgehend verlassenen Ortes spiegeln sich aber auch die inneren Gefühle der Figuren. Was bleibt, ist Leere.

Domke: Das ist eine schöne Beobachtung. Der Ort selbst zeigt die Leere ganz explizit, aber die Leere in den Figuren ist noch dramatischer, weil ihnen etwas genommen wurde, das sie nicht wieder füllen können. Sie sind in einem Vakuum gefangen. Das bringt die Leere des Ortes natürlich mit sich.


Ein Verlust an Perspektive…

Domke: Die Charaktere befinden sich in einer Sackgasse. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber alle wissen eigentlich, dass es nicht weitergeht.


Wie haben Sie mit Ihrem Co-Regisseur zusammengearbeitet?

Domke: So etwas ist immer ein organischer Prozess, bei dem es darum geht, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, ohne auf die eigene Meinung zu bestehen oder bestimmte Dinge durchsetzen zu wollen. Man muss für den Film Entscheidungen treffen. Wir verstehen unsere Zusammenarbeit auch als partizipatives Moment. Es geht uns um kreative Teilhabe, die auch die Protagonisten und das Filmteam während der Produktion und die Editoren während der Schnittphase aktiv in den Prozess involviert.

Wir hätten den Film nicht ohne den jeweils anderen machen können. Das gilt für „Crop“ wie für „Dream Away“. In der kulturübergreifenden Kombination sind wir viel differenzierter, als es jeder einzelne von uns allein sein könnte. Sharm El Sheikh selbst ist ja ein Ort, der sich durch Diversität definiert. Da braucht es einen vielschichtigen Blick.

Wie an jedem touristischen Ort wird hier eine Übersteigerung an Kultur gelebt, die sich aus einer kulturellen Zuordnung löst und zur Projektion wird. Jeder, der den Ort besucht, ob als Tourist oder als Angestellter, sieht sich verleitet, Dinge zu tun, die vom eigenen kulturellen Handeln divergieren. Deshalb entsteht ein ganz verschrobenes Bild von der jeweils anderen Kultur, was teilweise zu bizarren Vorstellungen führt.



Der Ort ist selbst schon fiktiv?

Domke: Ja, ganz genau. Es war bereits Teil der ursprünglichen Konzeption, ein fiktionales Element einzubringen, als es thematisch noch um die kulturelle Verwirrung ging. Es wurde uns schnell klar, dass unsere Protagonisten einen fiktionalen Deckmantel brauchten, um frei vor der Kamera agieren zu können. Zum anderen wäre es uns nie genehmigt worden, einen Dokumentarfilm in Sharm El Sheikh zu drehen. Um die Drehgenehmigung zu bekommen, mussten wir der Zensurbehörde ein Drehbuch vorlegen, was aber wenig mit unserem Film zu tun hatte. Wir waren vor allem auf die Sicherheit unserer Protagonisten bedacht und wollten unbedingt erreichen, dass sich alle mit ihrer Präsentation im Film wohlfühlen. Alle Protagonisten sind stolz auf den Film. Einige wollen jetzt tatsächlich Schauspieler werden.


Fotos: Real Fiction Filmverleih

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