Bis dann, mein Sohn

Drama | China 2019 | 185 Minuten

Regie: Wang Xiaoshuai

Wenige Jahre nach der Kulturrevolution ertrinkt der einzige Sohn eines chinesischen Ehepaars in einem Stausee. Die Tragödie ist das Epizentrum eines Dramas, das zwei befreundete Familien über mehrere Jahrzehnte begleitet und dabei insbesondere den Auswirkungen der Ein-Kind-Politik nachspürt. Der Schmerz der Trauer wird dabei nicht chronologisch, sondern in weit verstreuten Splittern vergegenwärtigt, die sich in der meisterhaften Montage zu einer berührenden Erzählung von Zusammenhalt und Liebe fügen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DI JIU TIAN CHANG
Produktionsland
China
Produktionsjahr
2019
Regie
Wang Xiaoshuai
Buch
Ah Mei · Wang Xiaoshuai
Kamera
Kim Hyun-seok
Musik
Dong Yingda
Schnitt
Lee Chatametikool
Darsteller
Wang Jingchun (Yaojun Liu) · Yong Mei (Liyun Wang) · Qi Xi (Moli Shen) · Du Jiang (Hao Shen) · Ai Liya (Haiyan Li)
Länge
185 Minuten
Kinostart
14.11.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Kunstvoll verschachteltes Drama, in dem sich mit dem tragischen Tod eines Kindes als Epizentrum das schmerzhafte Schicksal einer Familie über mehr als drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte entfaltet.

Diskussion

Liyun (Yong Mei) wird auf die Bühne gerufen. Vor versammelter Arbeiterschaft wird ihr und ihrem Mann Yaojun (Wang Jingchun) der Preis für Familienplanung überreicht. Die gleichen Menschen, die sie wenige Tage zuvor zur Abtreibung ihres ungeborenen Kindes gezwungen haben, darunter ihre Freundin Haiyan (Ai Liya), gratulieren ihr nun. Regungslos nimmt das Ehepaar die Demütigung entgegen, die die Partei eine Auszeichnung nennt, und lässt den Applaus der Genossen über sich ergehen.

Es wird nicht die einzige Tragödie im Schatten der Ein-Kind-Politik bleiben, die Liyun und Yaojun erleben. Ihr Sohn Xingxing (Roy Wang) ertrinkt in einem Stausee. Sein Tod ist das Epizentrum eines Traumas, das „Bis dann, mein Sohn“ über mehr als drei Jahrzehnte der jüngeren chinesischen Geschichte ausbreitet. Gleich zwei Familien wird der Tod des kleinen Jungen ihr ganzes Leben lang heimsuchen. Eine Verbindung, die früher eine Freundschaft war und der sich Liyun und Yaojun bald entwinden. Sie ziehen in einen anderen Teil Chinas, der ihnen fremd ist. Sie sprechen weder den Dialekt der Einheimischen, noch teilen sie deren Lebensgewohnheiten. Wie Geister überdauern sie hier die ersten Jahre nach Xingxings Tod.

Jahre gewaltiger Umwälzungen

Für die chinesische Gesellschaft sind es Jahre gewaltiger sozialer und politischer Umwälzungen, deren Infrastruktur immer wieder in den Film hineinragt: Die Straßen werden breiter, ganze Häuserblocks werden abgerissen, ersetzt und neu bezogen, derweil auf der anliegenden Freifläche schon die nächste, modernere Wohnsiedlung entsteht. Nur eine weiße Mao-Statue hält dem Aufbruch stand und winkt, eingepfercht zwischen Neubauten, der Zukunft entgegen.

Eine Zukunft, an der Liyun und Yaojun nicht mehr teilhaben. Ihr Leben ist in einem anderen Kapitel der chinesischen Geschichte zum Stillstand gekommen. „Wir warten nur noch auf das Altwerden“, sagt Yaojun einmal. Ihr Verharren in der Trauer zeigt der Film nicht als chronologische Entwicklung. Für das Ehepaar fließt die Zeit nicht mehr, sie stockt und stottert. Liyun und Yaojun werden auf der Zeitleiste der chinesischen Geschichte hin- und hergeworfen, zwischen dem Nachbeben der Kulturrevolution, den Aufstiegs- und Modernisierungsjahren auf dem Land und in der Großstadt.

Ein singulärer Rhythmus

Langsam setzen Regisseur Wang Xiaoshuai und sein Cutter Lee Chatametikool das über die Geschichte versprengte Leben des Paars in der Montage wieder zusammen. In den Zeitsprüngen, die über die mehr als drei Stunden Laufzeit des Films verteilt sind, entwickelt dieser einen singulären Rhythmus. Die Zeit ist hier so weit gestreckt, dass Erinnerungen innerhalb des Films möglich werden. Wenn die trotz allem besten Freunde Haiyan und Xinjian Zhang (Zhao-Yan Guo-Zhang) und ihr Sohn Hao Shen (Du Jiang), der mit Xingxing am Staudamm spielte, bevor dieser ertrank, nach Jahren wieder auftauchen, kommt mit ihnen die Erinnerung zurück – an die Tragödie, aber auch an bessere Zeiten. Der Tod Xingxings hat beide Familien untrennbar miteinander verbunden. Selbst in der langen Zeit, die der Film nur mit Luyin und Yaojun verbringt, reißt das Band der Trauer nicht ab, das beide Familien miteinander verbindet. Mit jedem Wiedersehen, oft begleitet vom musikalischen Leitmotiv, dem schottischen Abschiedslied „Auld Lang Syne“, scheint es stärker zu werden.

Die wichtigste Einheit des Films, die gleichermaßen von Schmerz und Verbundenheit erzählt, ist die Zeit. „Bis dann, mein Sohn“ formt sie auf ganz eigene Art. Mit einer schönen Erinnerung scheint sie schnell zu verfliegen, bis sie mit dem Schmerz einer anderen Erinnerung wieder einfriert. Ein Stillstand, den Wang Xiaoshuai über einen präzisen Blick auf den Alltag formuliert. Oft sind es Gegenstände und Gebrauchsdinge, die als eine Art Gegenentwurf zur Architektur des Fortschritts dienen. Die unverzichtbaren Thermoskannen, das liebevoll zubereitete Essen, die omnipräsenten Schnapsflaschen und der verwaiste Flurschrank überdauern den Wandel in der chinesischen Gesellschaft und bleiben in der Abgeschiedenheit von politischer und wirtschaftlicher Veränderung die Anker in Liyuns und Yaojuns Leben.

Der politischen Öffentlichkeit ist nicht zu entfliehen

Und doch kann das Paar in der privaten Abgeschiedenheit nicht der politischen Öffentlichkeit entfliehen. Mehrfach werden beide mit gewaltiger Kraft aufeinanderstoßen. Nicht wie zwei schnell fahrende Autos, sondern wie zwei tektonische Platten, deren Kollision mit unvorstellbarer Gewalt über Jahrhunderte die Erde formt. Der einzige Halt vor dem Abgrund der Trauer, der sich mit diesem Aufeinanderprallen auftut, ist der Zusammenhalt zwischen Liyun und Yaojun. Ihr Band ist das unverrückbare Zentrum des Films.

Das Darstellerpaar Yong Mei und Wang Jingchun verschreibt sich den kleinen Gesten dieser Ehe und gibt sich der Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens ohne jede Eitelkeit hin. Ihre Liebe wird nicht über große Gesten unterstrichen oder über schwere Worte erzählt. Es ist die physische Präsenz beider, die über Jahrzehnte gewachsene Selbstverständlichkeit, mit der sie einander auf ihrem Weg begleiten, die mehr sagt, als es jede Dialogzeile könnte. Als beide eine Flugreise antreten und das Flugzeug von Turbulenzen hin- und hergeschleudert wird, stellen Liyun und Yaojun mit einem Lächeln fest, dass sie selbst nach dem Verlust ihres Kindes noch Angst vor dem Tod haben. Eine Angst, die nach den Jahren des Schmerzes geradezu absurd erscheint. Ihre Hände aber halten aneinander fest. Ihre Verbindung ist auch mit dem permanenten Schmerz des Verlustes noch so stark, dass ein schlichtes Händehalten zum Ausdruck einer Liebe wird, die jede Revolution, jede Umwälzung und jede Tragödie überdauert.

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