Paranza - Der Clan der Kinder

Drama | Italien 2019 | 112 Minuten

Regie: Claudio Giovannesi

Einige draufgängerische Jugendliche aus einem neapolitanischen Viertel steigen als Drogendealer in die lokale Camorra-Einheit ein. Als durch eine Verhaftungswelle gegen den machthabenden Clan ein Vakuum entsteht, nutzt der Anführer der Bande die Chance und übernimmt mit seinen Kumpanen selbst die Macht. Die neue Position wird ihnen jedoch schon bald wieder streitig gemacht. Die Verfilmung eines Romans von Roberto Saviano („Gomorrha“) erzählt vom Verlust der Unschuld und der Normalität jugendlicher Gewalt. Die naturalistische Regie bildet den Kreislauf der Gewalt ab, ohne eine Haltung erkennen zu lassen, und überzeugt am ehesten in der Abbildung des sich formierenden Gemeinschaftskörpers. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LA PARANZA DEI BAMBINI
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2019
Regie
Claudio Giovannesi
Buch
Maurizio Braucci · Roberto Saviano · Claudio Giovannesi
Kamera
Daniele Ciprì
Musik
Andrea Moscianese · Claudio Giovannesi
Schnitt
Giuseppe Trepiccione
Darsteller
Francesco Di Napoli (Nicola) · Ar Tem (Tyson) · Alfredo Turitto (Biscottino) · Viviana Aprea (Letizia) · Valentina Vannino (Nicolas Mutter)
Länge
112 Minuten
Kinostart
22.08.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Gangsterfilm | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Prokino (16:9, 2.35:1, DD5.1 ital./dt.)
Verleih Blu-ray
Prokino (16:9, 2.35:1, dts-HDMA ital./dt.)
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Naturalistische Verfilmung eines Romans von Roberto Saviano über die Normalität jugendlicher Gewalt in den von der Camorra kontrollierten Vierteln Neapels, in der bereits Teenager mit schweren Waffen an die Spitze der verbrecherischen Hierarchie gelangen wollen.

Diskussion

Das erste von zwei rivalisierenden Jugendgangs umkämpfte Objekt der Begierde ist in „Paranza – Der Clan der Kinder“ – ausgerechnet – ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum. Nach einem kurzen Kampf gegen die Quartieri-Bande tragen Nicola und seine Jungs den Sieg davon. Der Baum wird gestürzt und wie ein erlegtes Tier zum Bolzplatz des neapolitanischen Viertels geschleppt, kurz darauf steht er in Flammen. Mit Schweineblut beschmiert tanzen die Jungs ums Feuer, sie klatschen und grölen im Chor, der Alkohol fließt. Das rituelle und tribalistische Gebaren der Teenager wirkt unheimlich und auch ein bisschen gefährlich.

In „Paranza“ erscheint die Episode mit dem Weihnachtsbaum schon bald wie ein anrührender Rotzlöffelstreich. Es geht ums große Geld, um Drogenhandel und die Macht im Viertel. Statt Stöcken kommen echte Waffen zum Einsatz, erst Pistolen, dann Schnellfeuergewehre. An die Kraft der Eingangsszene kommt der Film bei allem bitteren Ernst jedoch nicht wieder heran.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman des italienischen Autors Roberto Saviano erzählt Claudio Giovannesi von einer Gruppe von Jugendlichen, die sich – durchaus gewollt – in den Kreislauf der organisierten Kriminalität begibt. Wie die bekannte Saviano-Verfilmung Gomorrha ist auch „Paranza“ teilweise mit Laien gedreht. Doch Giovannesis naturalistischer Stil ist weniger kalt registrierend als Matteo Garrones Sozialrealismus. Ein romantischer Unterton zieht sich hindurch. Sind doch alles fast noch Kinder.

Ein Junge mit Lächeln und Chuzpe

Fast noch ein Kind ist auch Nicola, ein Junge mit einem gewinnend hübschen Lächeln. Mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder lebt er in bescheidenen Verhältnissen, die durch Schutzgeldzahlungen zusätzlich belastet werden. Ein eigenmächtiger Überfall auf einen Juwelierladen verschafft ihm und seinen Gangmitgliedern beim verhassten lokalen Capo erste Beschäftigungen als Drogendealer. Plötzlich sind die Mittel da für die begehrten Designerklamotten und einen Tisch in der Diskothek Joia, wo Nicola seine spätere Freundin Letizia kennenlernt.

Neue Möglichkeiten eröffnen sich, als durch massive Verhaftungen bei den federführenden Mafiosi der Stadt ein Vakuum entsteht. Nicola tut sich mit den bis dahin ausgegrenzten Teenager-Söhnen des entmachteten Striano-Clans zusammen, gemeinsam übernehmen sie die Macht im Viertel. Seinen ersten Mord verübt er in der Verkleidung einer jungen Frau. Als er sich die Mascara vom Gesicht wäscht, vermischen sich die schwarzen Rinnsale mit den Tränen des Unschuldsverlusts.

Die Jugendlichen spulen das Programm der Camorra ab

Nahezu jede Szene, jedes Bild, jede Idee im Film kommt einem irgendwie bekannt vor: die koksenden Jugendlichen, das verspielte Herumgeballere, das plötzlich ernst wird, die als Waffenlager und Schießübungsplatz genutzten Höhlen in den Berghängen der Stadt, die mit kitschigem Prunk ausgestatteten Wohnungen der Capos, das jugendlich-machistische Gehabe. Giovannesi spult in „Paranza“ ein Programm ab, das den Kreislauf der Gewalt weder als kalte Mechanik begreift noch als Entfesselung formuliert.

Keinen Ausdruck findet der Film für die Widersprüche einer Lebenswirklichkeit, in der ein halbwüchsiger Junge seiner Mutter eine Inneneinrichtung für 12.000 Euro kauft, beim Frühstück über fehlende Lieblingskekse herumnölt, während er sich auf der Straße seinen Fluchtweg freischießen muss. Am ehesten bei sich ist „Paranza“ in den wiederkehrenden Bildern eines durch die engen Gassen knatternden Gemeinschaftskörpers. Schwarmartig bewegt er sich auf Mopeds und Vespas durch das Viertel und markiert sein Revier – ganz in der Ahnung, wie nah die Entmachtung sein mag.

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