Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 74 Minuten

Regie: Andreas Goldstein

Essayistischer Dokumentarfilm von Andreas Goldstein über seinen Vater Klaus Gysi (1912-1999), der als Halbjude die NS-Diktatur überlebte und in der DDR als Verlagsleiter, Kulturminister und Staatsekretär für Kirchenfragen eine wechselvolle Karriere machte. Scharfsinnig werden subjektive Erinnerungen an den Vater mit dessen öffentlichem Bild konfrontiert und durch den Off-Kommentar bissig-wertend vertieft. Die höchst eindrucksvollen Bild-Ton-Dissonanzen widerstreiten einem biografischen Porträt, sondern legen die mit vielen offenen Fragen versehenen Konturen eines Vorzeige-Intellektuellen frei, der sich mit dem diktatorischen SED-Regime arrangierte. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Andreas Goldstein
Buch
Andreas Goldstein
Kamera
Jakobine Motz
Schnitt
Chris Wright
Länge
74 Minuten
Kinostart
11.04.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Essayistischer Dokumentarfilm von Andreas Goldstein über seinen Vater Klaus Gysi (1912-1999), der als Halbjude die NS-Diktatur überlebte und in der DDR als Verlagsleiter, Kulturminister und Staatsekretär für Kirchenfragen eine wechselvolle Karriere machte.

Im Presseheft zu seinem Essayfilm „Der Funktionär“ über seinen Vater Klaus Gysi schreibt der Filmemacher Andreas Goldstein: „Es ist eben kein Porträt, schon gar keine Biografie. Ich kann nicht von meinem Vater sprechen, ohne von mir zu reden, von meiner eigenen historischen Erfahrung, deren Teil er ist. Ich habe auch meine Geschichte, wie sie im Film aufscheint, wie ein Material betrachtet. Ein Erinnerungsmaterial.“

Am Anfang und am Ende von „Der Funktionär“ steht jeweils ein Toter. Der erste Tote, ein Arbeiter, liegt 1927 nach einer Demonstration auf der Straße. Erschossen von der Polizei. Dieser Anblick, erzählt der Sohn aus dem Off, habe den Vater bewogen, in die kommunistische Jugendorganisation einzutreten. Von da an diente Klaus Gysi (1912-1999) der Partei. Nachdem er als Halbjude im Untergrund die Nazi-Diktatur in Berlin überlebt hatte, machte er in der DDR eine wechselvolle Karriere: Chefredakteur einer Monatsschrift, Leiter des „Aufbau“-Verlags, Kultusminister, Botschafter in Italien, DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen. Dazu: sieben Kinder von drei Frauen.

Der tote Vater geistert durch die Träume

Von Anfang an trennt Goldstein die Bild- und die Tonspur und hantiert höchst eindrucksvoll (Montage: Chris Wright) mit Archivmaterial, eigenen Schwarz-weiß-Fotografien, undatierten Straßen- und Landschaftsaufnahmen, O-Ton, stets präsentem Off-Kommentar und Musik. Während vom toten Arbeiter des Jahres 1927 die Rede ist, wird eine spätnächtliche Straße in Berlin aus dem Fenster gefilmt. Dann spricht der Off-Kommentar vom ersten Toten, den er selbst gesehen hat: dem eigenen Vater, der ihn seither in seinen Träume verfolge. Gezeigt wird dazu eine Einstellung, die einen Schreibtisch zeigt, auch dieser nächtens aufgenommen. Anschließend die ersten Bilder des Vaters. Wochenschaumaterial.

Früh fällt auf, wie forciert Goldstein seine sehr subjektiven Erinnerungen der Biografie des Vaters mit dem öffentlichen Bild des Vaters konfrontiert und das Material wertend in Augenschein nimmt. Mitunter wird dem Vater schlicht der Ton abgedreht, das stumme Bild analysiert oder mit Vermutungen umstellt.

Wenn Goldstein davon spricht, dass der Film aus seiner Perspektive der späten 1980er-Jahre erzählt sei, dann erklärt das vielleicht den mitunter fast schon wütenden, emotionalen und nachdenklichen Ton des Off-Kommentars. Angetreten, einen Sozialismus auf deutschem Boden aufzubauen, fehlt im Scheitern der Mut oder auch das Rückgrat, sich zum Projekt zu bekennen. Man tut so, als sei man nicht verantwortlich gewesen, duckt sich weg und erklärt die Sache des Sozialismus wieder zur Utopie.

Vorzeige-Intellektueller der Nomenklatura

In einem Gespräch, dass Klaus Gysi mit Günter Gaus führte, wird genau diese Frage angesprochen, und Gysi antwortet, er sei sich der Tragweite des Ganzen durchaus bewusst. Er müsse sich fragen, inwieweit sein Leben „sinnlos“ gewesen sei. Das ist ein Höhepunkt des Films, der aber voller kluger und raffinierter Beobachtungen steckt, wenn etwa von der bürgerlichen Herkunft Gysis die Rede ist, die ihn gewissermaßen zu einer Art Vorzeige-Intellektuellen der Nomenklatura gemacht habe, was seine Karriere gleichzeitig beförderte und behinderte. Auch Gysi verbot als Kulturminister unliebsame Bücher; er konnte es, so der Gysi-Biograph Jens König, nur besser erklären als seine Vorgänger.

Scharfsichtig analysiert Goldstein Bilder von öffentlichen Auftritten des Vaters und kann subtile Veränderungen im Machtgefüge und in den zugelassenen Diskursen erkennen. Kann es sein, dass der Kulturminister erst nach vielen Minuten Sendezeit erstmals zu Wort gebeten wird? Kann es sein, dass ein Betriebsleiter dem Kulturminister erklären muss, wie wenig Zeit Werktätigen nach einem langen Arbeitstag für Kultur bleibt?

Gysi war ein glänzender Rhetoriker, dessen Rhetorik sich später in „ziellosen Girlanden“ (Goldstein) verlief. Insbesondere als Staatssekretär für Kirchenfragen führte er fortwährend „nützliche“ Gespräche, die allerdings ohne jede Konsequenz blieben. Auch als Kulturminister blieb Gysi den großen Entwurf schuldig. Goldsteins Befund ist nicht ohne Brisanz: Als Teil der Führungselite verfügte Gysi bereits Mitte der 1960er-Jahre über keine handlungsanleitenden politischen Ideen und wählte notgedrungen ein strategisches Taktieren, das darauf abzielte, den Status Quo zu bewahren. Dem „Aufbau“ des Sozialismus war die Initiative abhandengekommen.

Eine bleierne Zeit

Was folgte, war eine bleierne Zeit der Leere bis 1989 – und viele offene Fragen, die der Film nicht vorschnell dementiert.

In einem Interview hat Goldstein im Zusammenhang mit Das Leben der Anderen den Terminus „Bestattungsunternehmen“ geprägt: „Sie ,erledigen‘ ihr Thema. Es wird gefressen. Filme, die sich auf etwas draufsetzen und die Sache dicht machen. Zu wünschen wäre die Haltung: Ich sage etwas, aber es bleibt noch vieles zu sagen.“ Diese Haltung löst „Der Funktionär“ vorbildlich ein.

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