Drama | Österreich 2018 | 99 Minuten

Regie: Sudabeh Mortezai

Eine nigerianische Frau geht in Wien als Prostituierte auf dem Straßenstrich anschaffen. Dann soll sie im Auftrag der „Madame“, für die sie arbeitet, ein junges Mädchen aus ihrer Heimat anlernen, das sich nicht einfach in sein Schicksal fügen will. Der Film feierte beim Filmfestival Venedig Premiere und ist der zweite Spielfilm der iranisch-österreichischen Regisseurin Sudabeh Mortezai („Macondo“). Gedreht mit Laiendarstellerinnen, die ähnliche Schicksale nachspielen, wie sie selbst erlebt haben, stellt der Film eine große Nähe zu den Figuren her, vermittelt anschaulich ein Gespür für ihre Lebenswelt und schafft es zugleich, die übergeordneten Ausbeutungs-Strukturen transparent zu machen. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
JOY
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Sudabeh Mortezai
Kamera
Klemens Hufnagl
Musik
Thomas Hohl
Schnitt
Oliver Neumann
Darsteller
Anwulika Alphonsus (Joy) · Mariam Sanusi (Precious) · Angela Ekeleme (Madame)
Länge
99 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama
Diskussion

Der zweite Spielfilm der Regisseurin Sudabeh Mortezai: Eine nigerianische Frau geht in Wien auf dem Straßenstrich anschaffen und gerät in Konflikte, als sie ein junges Mädchen aus ihrer Heimat anlernen soll, das sich nicht einfach in sein Schicksal fügen will.

Der Kampf um ein Überleben, das einen nur langsamer sterben lässt, dient als Antrieb für den rohen und präzisen zweiten Spielfilm von Sudabeh Mortezai. Der Titel ist dabei alles andere als wörtlich zu nehmen, denn obwohl die Protagonistin „Joy“ heißt, gibt es wenig Freude in ihrem Leben. Mit einer förmlich an ihr klebenden Kamera wirft uns die Filmemacherin hinein in die Zirkel der Ausbeutung rund um nigerianische Frauen, die nach Wien verkauft werden, um dort von Zuhälterinnen und mit Hilfe eines religiösen Schwurs zur Prostitution gezwungen zu werden.

Eine dieser Prostituierten ist Joy. Zu Beginn befinden wir uns mit ihr mitten in einer Art Initiationsritual in Benin-City. Dort legt Joy den Juju-Schwur ab. Juju ist eine traditionelle Glaubensrichtung in Westafrika. Hierzulande spricht man oft von Voodoo oder schwarzer Magie in Verbindung damit. Im Endeffekt dient das Ritual dazu, sie zur Prostitution zu verpflichten und dazu alles zu tun, was ihr aufgetragen wird.

Sudabeh Mortezai zeigt die Prostitution, ohne in Klischees zu verfallen

Sodann befindet sich Joy in Wien unter der strengen Obhut einer Madame, die selbst einmal Prostituierte war. Sie arbeitet auf der Straße, begegnet schwierigen Männern, muss sich dort durchsetzen, wo sie gar nicht sein will. Dort wo das österreichische Kino mit seiner Vorliebe für die Prostituierten auf Wiens Straßen gerne in Klischees verfällt, kennt Mortezai weder dekadente Schaulust noch tappt sie in die Fallen des sozialen Themenfilms. Stattdessen begegnet sie Joy und den anderen Frauen mit immenser Empathie, teilt Erfahrungen, ohne zu belehren oder auf etwas herabzuschauen.   

Außer in den gelegentlichen Harmonien mit den anderen nach Europa geschleusten Frauen gibt es kein Entkommen für Joy. Zwar stößt sie auf allerhand scheinbare Auswege wie einen Freier, der sie gerne freikaufen würde, oder die Möglichkeit, mit österreichischen Behörden gegen den Zirkel zu arbeiten. Aber nicht zuletzt die Angst um ihre Tochter und davor, ihren Schwur zu brechen, halten sie an der unsichtbaren Leine des Systems gefangen. Schließlich wird sie von ihrer Madame beauftragt, sich um einen Neuankömmling, die junge Precious, zu kümmern. Immer wartet irgendwo am Horizont eine Chance, sich freizukaufen, zu entkommen. Und immer entpuppt sich die Flucht als Reise in das nächste Gefängnis. Joy wurde längst manipuliert, sieht kein anderes mögliches Leben mehr und ist nicht mehr in der Lage, einen Ausweg zu finden.

Laiendarstellerinnen spielen Schicksale, die ihren eigenen ähneln

Mortezai, die kürzere dokumentarische Arbeiten realisierte, bevor sie ihr Debüt mit dem mitreißenden Film „Macondo“ gab, nutzt die Mittel der fiktiven Narration neben einigen strukturellen Ideen wie einem nicht ganz analogen österreichischen Ritual (jenes des Krampus, der auch Angst verbreitet) vor allem um ihre Protagonistinnen zu schützen. Im Nachspielen von Leben, die ihren eigenen nahe, aber eben doch anders sind, ermöglicht sie den Laiendarstellerinnen einen möglichen Abstand. Sie gewährt ihnen die Kraft der Illusion, die Strukturen sichtbar macht, wo eigentlich keine Zeit bleibt, um wirklich zu verstehen.

Bisweilen wird man brutal nach Orientierung suchend in die höchstgenau recherchierte Welt geworfen. Man sieht Spucke, riecht fast den Gestank der verlassenen Straßenecken. Von erstaunlichen Mechanismen, in denen Frauen Frauen ausbeuten über Alltagsrassismus bis zum plötzlichen Aufscheinen einer Idylle. Man denkt beinahe an Direct Cinema oder Filmemacher wie Wang Bing, dessen Film „Bitter Money“ einen weniger ironischen Titel für „Joy geliefert hätte.

Jenseits der westeuropäischen Perspektive

Vor kurzem wählte der österreichische Filmemacher Sebastian Brameshuber in seinem Film „Bewegungen eines nahen Bergs“ eine ganz ähnliche dramaturgische Vorgehensweise, um die sinnliche Kino-Erfahrung eines Lebens mit einer größeren analytischen Position zu verbinden. Bei Mortezai und Brameshuber schält sich aus der reinen Nähe zu einer Figur die Möglichkeit, mit dieser über den Tellerrand zu blicken. Beide Filme zeigen uns Bilder aus Nigeria, die sonst oft fehlen. Das, was man den „anderen Blick“ nennen könnte. Ein anderer Blick, der ermöglicht, Zusammenhänge von Gegebenheiten zu verstehen, die man gerne zu leicht aus rein westeuropäischer Perspektive einordnet. Sieht man die zurückgelassene Realität in Nigeria am Ende von „Joy“, die Nicht-Orte einer Stadt, die einzig als Hafen nach Europa zu dienen scheint, den Staub, die Kargheit und die Brutalität, mit der alle ums Überleben rennen, versteht man, aus welcher Welt diese Frauen kommen. Das ist schon deutlich mehr als nur zu lesen „Nigeria“.

Als Joy selbst zur Ausbeuterin wird, spürt man eine große Ohnmacht. Sie entsteht, weil man bei Filmen gewohnt ist, mit Individuen mitzufiebern, aber erkennen muss, dass es in solchen Systemen (und man muss sich nichts vormachen: diese Menschenhandelszirkel sind auch ein Spiegel der Ausbeutungsmechanismen, denen man im Alltag begegnet) kein Platz für sie ist. Mit dieser bitteren Erkenntnis schenkt einem „Joy“ die Aufrichtigkeit eines Films, der deutlich länger dauert, als seine Laufzeit es vermuten lässt. Wer ein Täter ist und wer ein Opfer, kann man nicht mehr sagen: alle sind alles und keiner ist nichts.

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