Drama | Frankreich/Senegal/Belgien 2019 | 104 Minuten

Regie: Mati Diop

Ein junger Mann arbeitet in Dakar auf einer Großbaustelle, erhält seit Monaten aber keinen Lohn. Er plant deshalb die Emigration nach Europa, lässt dabei aber seine Geliebte zurück, die einer ungewollten Heirat entgegensieht. In ihrer Sehnsucht gerät die junge Frau in seltsam-unheimliche Geschehnisse, mit denen Gerechtigkeit eingefordert wird. Zwischen neorealistischer Beobachtung und bildgewaltig-poetischem Filmmärchen, das auch mit Genreelementen des Horrors spielt, entfaltet der Film ein faszinierendes Panorama des Lebens im Senegal und beleuchtet das Thema der Migration aus der Perspektive der Frauen, die in Afrika zurückbleiben. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ATLANTIQUE
Produktionsland
Frankreich/Senegal/Belgien
Produktionsjahr
2019
Regie
Mati Diop
Buch
Mati Diop · Olivier Demangel
Kamera
Claire Mathon
Musik
Fatima Al Qadiri
Schnitt
Aël Dallier Vega
Darsteller
Mame Bineta Sane (Ada) · Ibrahima Traore (Souleimane) · Aminata Kane (Fanta) · Nicole Sougou (Dior) · Amadou Mbow (Issa)
Länge
104 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Geisterfilm | Mystery-Film

Ein junger Senegalese wagt die Migration nach Europa, lässt dafür aber seine Geliebte zurück, die einer ungeliebten Ehe entgegensieht. Ein bildgewaltig-poetisches Filmpoem zwischen Neorealismus und Mystery-Anklängen.

Diskussion

Eine frühe Szene zeigt eine Autofahrt am Meer entlang. Der Pick-up hat Arbeiter geladen; man sieht und hört Wellen und den Wind, dazu Musik, denn die Arbeiter singen. Das dauert minutenlang; nur ab und an konzentriert sich die Kamera auf eine Figur, die man schon kennt, lässt sich aber auch dabei alle Zeit der Welt. So lädt „Atlantique“ von Mati Diop seine neorealistischen Beobachtungen von Anfang an mit Poesie auf.

Das Meer und der Wind sind das Prägnanteste in der langen Eröffnungssequenz. Der Wind ist laut und überaus stark; er facht das Feuer an, das hier brennt, auch die Gefühle, er lässt die Wellen gegen die Küste peitschen, bis aus ihnen weißglänzende Gischt wird. In wie vielen Farben dieses Meer strahlen kann! Von schwarzkupfernem Orange über tiefdunkles Blau bis zum türkisgelbem Glitzerspiel und weißlichem Silber, wenn die Sonne es im passenden Winkel trifft.

Zwischen Neorealismus und Märchen

„Atlantique“ ist ein überaus sinnlicher Film, ein Werk der kleinen, unmerklichen Impressionen und Verschiebungen, was sich unter dem Eindruck der dunklen Kräfte, die die Menschen hier erfassen, noch mehr verstärkt. Das Afrika der Regisseurin Mati Diop, einer Französin mit senegalesischer Verwandtschaft, die zunächst als Schauspielerin (u.a. für Claire Denis) bekannt wurde und deren erste eigene Kurzfilme zum Geheimtipp wurden, ist ein Raum des Anderen, einer anderen Erfahrung, zugleich aber fernab von allen Vorstellungen eines „Heart of Darkness“, mehr ein Raum für Gedanken und Empfindungen, für Erfahrungen der Freiheit.

Anfangs wirkt „Atlantique“ ganz realistisch. Es beginnt wie bei Roberto Rossellini oder Ken Loach. In der senegalesischen Hauptstadt Dakar arbeiten viele hundert Arbeiter am futuristischen „Muegeza Tower“; doch seit drei Monaten haben sie keinen Lohn erhalten, was sie auf die Straße treibt. Die Angestellten im Büro wimmeln sie ab: „Es ist nicht unser Geld.“ Der etwa 20-jährige Suleiman ist einer der Wortführer der protestierenden Arbeiter. Bald weiß man, warum er das Geld gerade heute so dringend braucht; man kann seinen resignierten Gesichtsausdruck deuten, als er mit leeren Händen davonzieht.

Ein gefährlicher Aufbruch nach Europa

Es folgt der späte Nachmittag, den Suleiman und seine Freundin Ada zusammen am Meer verbringen. Zunächst scheint der Film schlicht die Liebesgeschichte zwischen den beiden zu erzählen. Doch irgendetwas steht unausgesprochen im Raum – man spürt es; explizit erzählt wird es nicht. Es sind jedoch entscheidende Stunden. Einmal läuft im Hintergrund der Song „In die neue Welt“. Ein Omen.

Später versteht man: Ada soll in zehn Tagen verheiratet werden, mit einem Mann, den sie nicht liebt. Sie ignoriert diese Tatsache, als gäbe es kein Morgen. Doch am nächsten Tag wird Suleiman schon auf hoher See sein, weit weg von Ada, da er noch am selben Abend die gefahrvolle Schiffsreise nach Europa wagt. Ein Aufbruch, der womöglich ohne Wiederkehr ist, auch wenn er das in dem Augenblick nicht wahrhaben will. Er will es der Geliebten erzählen, findet aber nicht den Moment.

Als dieser Punkt überschritten ist, gegen Mitternacht desselben Tages, als Ada erfährt, das Suleiman weg ist und man ahnt, dass sie ihn nicht so leicht wiedersehen wird, da beginnt der Film abzuheben, verwandelt sich in eine im Trance-Tempo schwebende poetische Traumreise, und das erst recht, als irgendwann klar ist, dass Suleiman vermutlich ertrunken ist.

Doch am Atlantikufer, dem Ort für sehnsuchtsvolle Blicke und der Stunden des Vergessens, in der Strandbar von Adas Freundin, kann man nachts sogar den Toten begegnen und mit ihnen eine Liebesnacht verbringen – die Sehnsucht macht es möglich.

Die Lust am Bild

„Atlantique“ ist dort weniger stark, wo der Film widerspruchsfrei erzählen und dokumentieren will. Wobei das Dokumentierte durchaus faszinierend ist: die hypermoderne Megalomanie, die billigen Kopien westlichen Lebens, die Last afrikanischer Traditionen und demgegenüber die Häresien der Jungen. Besonders eindrucksvoll wird „Atlantique“ immer dann, wenn er sich intuitiv dem eigenen Ansatz ergibt und dem lyrischen Erzählen vertraut, der Lust am Bild.

Diese Bilder sind träumerisch; sie lassen den Zuschauern Raum für Gedanken und Empfindungen, auch Platz für die Sinnlichkeit des Meeres und des Horizonts. Fantastische Elemente kontern reale Momente. Unter anderem greift die Inszenierung das gar nicht so abseitige Sujet der Zombies, der vielleicht „Untoten“, vielleicht aber auch Schlafwandelnden, auf. So dringen Frauen – in Trance oder bewusst – nachts in das Haus des zahlungsunwilligen Unternehmers ein und verlangen Gerechtigkeit.

Immer mysteriöser gerät das realistische Setting; Portale zum Spirituellen öffnen sich, gelegentlich tauchen auch Elemente des Mystery-Genres auf. Warum verhindert ein Feuer, auch noch im Hochzeitsbett, die geplante Heirat Adas? Warum wird der ermittelnde Polizist von einer seltsamen Krankheit ergriffen?

Ein Film über Frauen, die in Afrika bleiben

„Atlantique“ ist dennoch kein Genrefilm, obwohl Mati Diop sichtlich Regisseure des Independent-Horrors verehrt. Doch wie bei John Carpenter, George A. Romero oder Dario Argento ist die fantastische Dimension immer Teil der Realität. Diop rückt Gefühlslagen in den Mittelpunkt, nicht den Plot; sie arbeitet nicht primär mit Dialogen und festgeknüpften Story-Elementen, sondern mit traumähnlichen Bildern in fließenden Szenenfolgen, mit offenen visuellen Texturen, ganz wie ihre Lehrmeisterin Claire Denis.

Auf diese Weise gehen Naturalismus und Märchen Hand in Hand. Die Mythen der Seefahrt, zu denen immer auch der Aufbruch ins Unbekannte zählt, treffen hier auf magisches Erzählen. Die Frauen verbindet eine große Solidarität. Viele von ihnen sind Zurückgelassene. Ihre Männer verschwanden im Ozean, oft auf Nimmerwiedersehen. Manche sind religiös, doch der Umgang mit Religion ist gelassen. Wenige Frauen sind unverheiratet. Damit rückt Diop anstatt der Männer, die es nach Europa schaffen, die Frauen ins Zentrum, die in Afrika zurückbleiben.

Irrfahrt & Befreiung

„Atlantique“ meint einerseits natürlich den Ozean, der sich vor Dakar eröffnet. Die Masse des Wassers ist ein unendlicher Sehnsuchtsraum, der Hoffnungen und Ängste birgt und eine lebendige, magnetische Kraft entfaltet, die die jungen Menschen ansaugt und oft genug wieder ausspuckt.

Der Titel könnte aber auch Atlantis meinen, den sagenumwobenen versunkenen Kontinent als Utopie. Überhaupt gibt die griechisch-antike Mythologie dem Zuschauer einige Motive an die Hand. Wie die Argonauten fahren die jungen Männer aufs hohe Meer, wie die Erinnyen kehren sie zombiefiziert wieder zurück. Ada ist eine Art Penelope, die auf die Heimkehr ihres Helden wartet und in dieser Zeit ihre eigene Odyssee erlebt: durch den urbanen Dschungel Dakars, durch die Zumutungen von Tradition und Religion, die Wünsche der Familie, die Ratschläge der Freundinnen, herausgefordert durch unerklärliche Geschehnisse und nächtliche Besuche von Geistern. Und wie bei Odysseus mündet auch ihre Reise in eine Art Befreiung.

„Einige Erinnerungen sind Vorzeichen“, sagt Ada einmal, „sie sagen einem, wer man werden wird.“ Dies ist ein Schlüssel zu diesem Film: „Atlantique“ ist auch eine Geschichte des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung. „Ich bin Ada“, sagt sie am Schluss, „Ada, der die Zukunft gehört.“

Ein Film wie eine Trance, der man sich anvertrauen kann, ein beglückendes Filmmärchen, das uns Europäern die Fenster zu etwas atemberaubend Neuem aufstößt.

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