Drama | USA 2019 | 142 Minuten

Regie: Ari Aster

Vier US-Studenten begleiten einen schwedischen Kommilitonen in seine Heimat, wo sie in seinem entlegenen Dorf die Mittsommernacht erleben wollen. Vor Ort stoßen die Besucher auf seltsam vormoderne Gegebenheiten; so sollen sie für einen bizarren Kult geopfert werden. Verhalten inszenierter, vor allem auf Atmosphäre setzender Horrorfilm, in dem der idyllische Schauplatz und das helle Licht einen harten Kontrast zum grauenvollen Geschehen bilden. Die äußerlich fröhliche Stimmung wirkt jedoch auch dem Schrecken entgegen, während die Figuren zu unsympathisch sind, um eine spürbare Anteilnahme an ihrem Schicksal zu erwecken. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MIDSOMMAR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Ari Aster
Buch
Ari Aster
Kamera
Pawel Pogorzelski
Musik
Bobby Krlic
Schnitt
Lucian Johnston
Darsteller
Florence Pugh (Dani) · Jack Reynor (Christian) · Vilhelm Blomgren (Pelle) · Will Poulter (Mark) · William Jackson Harper (Josh)
Länge
142 Minuten
Kinostart
26.09.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Mystery-Film
Diskussion

Verhalten inszenierter Horrorfilm, in dem unbedarfte US-Studenten beim Urlaub in Schweden auf ein Mittsommerfest geraten, wo sie für einen bizarren Kult geopfert werden sollen.

Wenige Horrorfilme dürften zuletzt so erwartet worden sein wie „Midsommar“. Er stammt von Ari Aster, dem Regisseur von Hereditary – Das Vermächtnis. Zunächst dreht sich alles um eine junge, nicht sonderlich entspannte Frau. Sie hat Probleme mit dem Alleinsein, Probleme mit der Selbstbestimmung, sie klammert sich an ihren Freund Christian, sie nervt auch dessen Freunde. „Midsommar“ erzählt vom schlimmsten Abend ihres Lebens, und das macht der Film atemberaubend ökonomisch.

Man sieht nur sie im Bild, Dani, die versucht, ihre Eltern telefonisch zu erreichen. Das klappt nicht, auch ihre Schwester meldet sich nicht am Handy. Während man zusieht, wie Dani hauptsächlich Anrufbeantworter bespricht oder Christian um Beistand hinterhertelefoniert, kann man an ihr die Gratwanderung mitverfolgen, die jeder kennt und immer beunruhigend findet: Traut man dem zwingenden Gefühl, dass etwas Schreckliches passiert ist, oder benimmt man sich bloß wie ein Paranoiker, weil Menschen nicht sofort und jederzeit erreichbar sind? Brauchen die Angerufenen Hilfe oder schlafen sie vielleicht bloß?

Narr oder Seher sein, Leute nerven oder Leben retten lauten die eigentlichen Fragen, und da „Midsommar“ ein Horrorfilm ist, erübrigt sich die Antwort.

Ein sonderbarer Austauschstudent

Nach diesem Abend nimmt Dani das Leben nicht leichter, und Christian traut sich noch viel weniger, sie zu verlassen. Das heißt aber nicht, dass irgendeiner von beiden Sympathie verdienen würde. Dieses Paar ist unerträglich in seinem Benehmen mit- und gegeneinander. Die Freunde von Christian bieten auch keine Erleichterung. Sie sind selbstverliebte, verantwortungslose Nullen; nur einer von ihnen ist zumindest sonderbar. Er heißt Pelle, stammt aus Schweden und ist derzeit als Austauschstudent in den USA. Im Sommer wird er nach Europa zurückkehren. Er lädt Christian und seine Freunde ein, ihn zu begleiten. Notgedrungen nehmen sie auch Dani mit.

Pelle schleppt also vier unangenehme US-Amerikaner in die hinterste schwedische Wildnis, um dort das Mittsommerfest zu erleben. Das wird in seinem Dorf alle 90 Jahre in einer besonderen Tradition gefeiert, und die US-Studenten erhoffen sich neben Sex mit Schwedinnen auch Stoff für eine Diplomarbeit über Riten und Gebräuche alter europäischer Kulturen.

Dass sie noch vor Erreichen von Pelles Dorf eine Mischung psychedelischer Pilze verabreicht bekommen, quasi als Auftakt, macht sie nicht misstrauisch. Im Gegenteil, der Coolness-Faktor der Unternehmung steigt dadurch rapide.

Die Dorfbewohner sind seltsamer als Psychopilze

Stunden später wird der Weg ins Dorf fortgesetzt. Die Aufnahme ist herzlich, doch auch jetzt werden die Gäste nicht misstrauisch, obwohl die Dorfbewohner noch wesentlich sonderbarer sind als Psychopilze. Alle sind weiß gekleidet, haben Blumen im Haar und machen mit Flöten und Schalmeien eine entsetzliche Musik. Jeder lächelt. Was man sieht, ist eine Mischung aus Stepford Wivesund Wicker Man, aber Filmbildung ist nicht die Stärke der Besucher.

Zumindest dem Zuschauer aber ist klar, wie es weitergeht; man braucht dazu keine besondere Genrekenntnis. Pelle hat die US-amerikanischen Freunde als Opfergabe hergelockt; die Frage ist bloß, ob als reales oder symbolisches Opfer. Da Ari Aster die Regie führt, ist klar, dass es punktuell Blut geben wird; die Protagonisten agieren überdies enervierend genug, um nicht durch Sympathien gerettet zu werden.

Feiern bei Sonnenlicht und Frohsinn

Die Schweden sind nicht besser zu ertragen. Sie sind nur professioneller im Umgang mit der Feier. Erschwerend kommt hinzu, dass es fast durchgehend hell ist. Jede kultische Handlung, die mit wenigen brutalen Ausnahmen aus Kochen, Essen und Blumen pflücken bestehen, findet bei Sonnenlicht und mit viel Frohsinn statt. Dabei entdeckt man als Zuschauer, dass Furcht und Grusel doch eher von Dunkelheit beflügelt werden. Hier fürchtet man nichts, weil alles hell, weit und im Naturrausch dekoriert ist. Für ein Genre, das von der Furcht lebt, ist das keine gute Strategie.

Warum sich Aster in die Idee einer weißen Sommernacht verliebt hat, die mehr zum Heimatfilm passt als zum Horrorfilm, bleibt offen. Angenehm ist die Abwesenheit von übersinnlichem Schrecken, denn an Supranaturales denkt „Midsommar“ überhaupt nicht. Der Horror, oder eher der Wahnsinn und die Grausamkeit sind menschengemacht. Das beschwört die Angst dann auf einer anderen Ebene.

Tatsächlich ist es in diesem Genre schon ein kleines Glück, wenn man einen politischen Gedanken hinter dem Plot erahnen kann, selbst wenn viele Horrorfans das gar nicht schätzen. In „Midsommar“ macht Ari Aster sichtbar, wozu ein Glaube, egal wie absurd, Menschen anstiften kann.

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