Wakefield - Dein Leben ohne Dich

Drama | USA 2016 | 104 Minuten

Regie: Robin Swicord

Ein gutsituierter Anwalt verspätet sich eines Abends bei der Heimfahrt und geht einer Auseinandersetzung mit seiner Frau aus dem Weg, indem er im Speicher über seiner Garage unterschlüpft. Auch am nächsten Morgen verlässt er sein Versteck nicht, entsagt seinem bisherigen Dasein und beobachtet über Monate hinweg die Reaktionen auf sein Verschwinden. Das auf literarischen Quellen fußende Ausstiegsdrama fokussiert ganz auf die selbstgefällige Hauptfigur, die ihre Perspektive fast durchweg aus dem Off kommentiert. Das pompöse Kammerspiel strapaziert zeitweise die Geduld, hält durch die Leistung des Hauptdarstellers und satirische Einlassungen auf männliche Wehleidigkeit aber das Interesse wach. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WAKEFIELD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2016
Regie
Robin Swicord
Buch
Robin Swicord
Kamera
Andrei Bowden Schwartz
Musik
Aaron Zigman
Schnitt
Matt Maddox
Darsteller
Bryan Cranston (Howard Wakefield) · Jennifer Garner (Diana Wakefield) · Beverly D'Angelo (Babs) · Jason O'Mara (Dirk Morrison) · Ian Anthony Dale (Ben Jacobs)
Länge
104 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
New KSM
Verleih Blu-ray
New KSM
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Diskussion

Ungewöhnliches Aussteigerdrama um einen Mann, der sich eines Abends im Speicher seiner Garage verkriecht und die Welt fortan von dort aus beobachtet.

Der Waschbär weist den Weg – und Howard Wakefield ist vorerst aus dem Schneider. Die Begegnung vor seinem Haus war der Tropfen, der das Fass seiner Selbstbeherrschung zum Überlaufen brachte. Doch nachdem er dem kleinen Pelztier in dessen Versteck hinterhergelaufen ist, sieht die Welt für Howard gleich anders aus. Der Speicher über seiner Garage mag mit all dem Gerümpel so recht nach dem Herzen eines Waschbären sein, doch auch für den müden Anwalt ist es genau der Platz, den er sucht. Nach einem langen Arbeitstag in New York hat seine Bahnfahrt ins ländliche Vorland durch einen Stromausfall ein unverhofftes Ende genommen, das ihn zu einem nächtlichen Fußmarsch zwang.

Die Handy-Anrufe seiner Frau Diana ignoriert er. Stattdessen beobachtet er durch das große Rundfenster des Speichers die Gattin und seine beiden Töchter im Teenager-Alter im Haus gegenüber. In Erinnerung an einen anstrengenden Streit mit Diana steht ihm der Sinn nicht nach einer baldigen Heimkehr. Als seine Frau den Teller mit seinem Abendessen in die Mülltonne pfeffert, beschließt Howard endgültig, einer weiteren Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. In einem ausrangierten Sessel macht er es sich bequem, um später nach Hause zu schleichen. Doch als er erwacht, ist es bereits Tag, und vor seinem Auge tauchen neue Erklärungsprobleme auf. So bleibt er weiter in seinem Versteck und beobachtet das Geschehen, aus einer Perspektive, an der er mehr und mehr Gefallen findet .

Minuten, Stunden, Tage, Monate

Aus Minuten werden Stunden und aus diesen schließlich Tage und Monate. Eine Zeit, in der Howard Wakefield mit niemandem Kontakt aufnimmt, seine Familie über sein Schicksal im Ungewissen lässt und für ihre Sorgen wie überhaupt für die Welt jenseits seines Speichers nur höhnische Kommentare übrig hat.

„Wakefield“ von Robin Swicord weist die Titelfigur als Musterexemplar eines Männerschlages aus, der seit einigen Jahren öffentlich vehement über Benachteiligung klagt, obwohl seine Privilegiertheit offensichtlich ist: weiß, heterosexuell, fest im Beruf stehend, alteingesessener Bewohner seines Landes, weder im Glauben noch im sozialen Stand einer Minderheit angehörend. Ein Typus, für den es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, eher eine absurde Handlung bis zum Äußersten durchzuziehen, als ein Fehlverhalten einzugestehen oder Reue zu zeigen.

Es ist diese Option eines satirischen Blickwinkels, der am ehesten dazu einlädt, Howard Wakefield bei seiner Form des Ausstiegs zu begleiten, denn seine wehleidige und selbstgefällige Art stößt immer wieder vor den Kopf. Zeuge davon wird man durch die nahezu ununterbrochenen Off-Kommentare, mit denen sich der Protagonist wahlweise in Form einer Rechtfertigung an den Zuschauer wendet oder alles verspottet, was ihm von seinem Fenster aus in den Blick gerät. Süffisant mokiert er sich über den Berufstitel seiner Frau („Stellvertretende Kuratorin des Bezirksmuseums“), bricht über Dianas Tränen und Hilflosigkeit in irres Gekicher aus, findet bissige Worte für die ungeliebte Schwiegermutter, die oberflächlichen Töchter und seine Freunde und Kollegen.

Seine Tage sind prall mit bitteren Erinnerungen an angebliche Momente des Unrechts gefüllt, die ihm widerfahren sind; nachts schleicht sich der zusehends Verwahrloste hinaus, um Mülltonnen nach Essen zu durchsuchen. Immer mehr ähnelt er dem Waschbär, dessen Unterschlupf er übernommen hat.

Bryan Cranston verleiht der Aggressivität menschliche Züge

Howard Wakefield ist ein so einseitig aggressiver Charakter, dass er binnen kurzem unerträglich wäre, würde Bryan Cranston der Rolle nicht mit feinem Mienenspiel menschliche Züge verleihen. Die Ähnlichkeiten mit dem irritierenden Verhalten seiner Kultfigur Walter White aus der Serie „Breaking Bad“ sind durchaus hilfreich, zudem erinnert die Hauptfigur auch an den smarten Werbemann Don Draper aus „Mad Men“, der ebenfalls immer wieder kurz damit liebäugelte, mit seinem Vorstadt-Familienleben zu brechen.

Allerdings kann auch Cranston den inneren Monolog nicht durchgängig so spannend halten, dass er über die Statik des Films hinwegtäuschen würde. Die literarische Herkunft von „Wakefield“ aus einer Kurzgeschichte von E.L. Doctorow, die ihrerseits auf einer bereits 1835 veröffentlichten gleichnamigen Erzählung von Nathaniel Hawthorne beruht, kann die Verfilmung zu keiner Zeit vergessen machen. Die als Drehbuchautorin seit vier Jahrzehnten in Hollywood aktive Robin Swicord (mit Credits von „Matilda“ bis „Der seltsame Fall des Benjamin Button“) hängt offenkundig an jedem gespreizten Wort und jeder ausgewalzten Phrase ihres Protagonisten, während sie sich schwertut, Bewegung und abwechslungsreiche Bildeinfälle in ihre zweite Regiearbeit hineinzubringen.

Textlastig und so auf die Perspektive von Howard Wakefield beschränkt, dass die anderen Figuren fast nur in (seinen) Rückblicken mit ihren eigenen Stimmen sprechen, ist dieser auf 105 Minuten gedehnte filmische Stillstand mit Dauer-Monolog eine mitunter ziemlich zähe Angelegenheit. Die Rettung des pompösen Kammerspiels ist neben der Finesse des Hauptdarstellers ausgerechnet die schwer zu glaubende Ausgangssituation: Hat man Wakefields jenseits jeder Vernunft liegendes Verhalten einmal als Prämisse akzeptiert, will man wenigstens auch wissen, wie es ausgeht.

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