Dokumentarfilm | Frankreich/Südkorea 2019 | 85 Minuten

Regie: Damien Manivel

Nach dem Unfalltod ihrer beiden Kinder im April 1913 choreografierte die US-amerikanische Tänzerin Isadora Duncan ein Solo mit dem Titel „Mutter“. Darin versucht sie, mit dem traumatischen Ereignis umzugehen. Mit großer Sanftmut wiegt eine Frau ihr totes Kind, das sie mit einer zärtlichen Geste streichelt, ehe sie es für immer aus ihren Armen gleiten lässt. Ein Jahrhundert später greifen vier zeitgenössische Tänzerinnen dieses Solo auf vielschichtige Weise auf und reagieren auf ihre jeweils sehr individuelle Weise auf das künstlerische Erbe einer persönlichen Tragödie. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LES ENFANTS D'ISADORA
Produktionsland
Frankreich/Südkorea
Produktionsjahr
2019
Regie
Damien Manivel
Buch
Damien Manivel · Julien Dieudonné
Kamera
Noé Bach
Schnitt
Dounia Sichov
Darsteller
Agathe Bonitzer · Manon Carpentier · Marika Rizzi · Elsa Wolliaston · Julien Dieudonné
Länge
85 Minuten
Kinostart
19.03.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Tanzfilm

Dokumentarfilm über vier Tänzerinnen, die sich auf je individuelle Weise mit einem Tanz von Isadora Duncan beschäftigen, in dem die Begründerin des Modern Dance den Unfalltod ihrer beiden Kinder im Jahr 1913 verarbeitete.

Diskussion

Wegen einer Unachtsamkeit des Chauffeurs ertranken die beiden Kinder von Isadora Duncan 1913 in der Seine. Jahre später verarbeitete die berühmte Tänzerin diesen traumatischen Verlust in einer Choreografie, die den Titel „Mutter“ trägt. Zu Klavier-Etüden des russischen Komponisten Alexander Skrjabin versuchte die Künstlerin aus einem tragischen Ereignis etwas Schönes zu schaffen. Mit behutsamen Bewegungen nimmt sie darin ihre imaginären Kinder an der Hand, wiegt sie in den Schlaf und winkt ihnen schließlich zum Abschied.

In „Isadoras Kinder“ konfrontiert der ehemalige Tänzer und Regisseur Damien Manivel verschiedene Frauen mit Duncans Solo-Stück. Das Ergebnis sind drei eher skizzenhafte und nur lose verbundene Episoden, in denen die Beschäftigung mit der Choreografie ebenfalls zur Reise in die eigene Psyche wird.

Ein komplexer Schöpfungsprozess

Zärtlich fährt die junge Frau (Agathe Bonitzer) aus der ersten Episode mit ihren Fingern über eine Buchseite. Darauf sind vertikal angeordnete, geometrische Figuren zu sehen. Der ungarische Choreograph Rudolf von Laban hat diese Notationsmethode einst entwickelt, um Tanzpartituren zu schaffen. Im Probenraum nutzt die junge Frau später diese Notationen, um „Mutter“ einzustudieren.  Doch die Umsetzung von Schrift in Bewegung ist nur der erste Schritt in einem komplexen Schöpfungsprozess.

So sieht man die Tänzerin etwa, wie sie im Café in Duncans Biografie liest, im Internet historisches Bildmaterial recherchiert, aus dem Küchenfenster Kinder beobachtet oder bei einem Ausflug in die Natur den Kopf freibekommt. Ohne ein Wort von dieser Frau zu hören oder etwas Entscheidendes über ihre Biografie zu erfahren, wird man Zeuge davon, wie all diese Erlebnisse ihren Tanz langsam wahrhaftiger werden lassen.

Die zweite und längste Episode dreht sich um eine Beziehung zwischen Lehrerin und Schülerin, in der sich das mütterliche Verhältnis aus dem Stück spiegelt. Gemeinsam mit einer professionellen Tänzerin (Marika Rizzi) studiert ein Teenager-Mädchen (Manon Carpentier) mit Down-Syndrom ebenfalls „Mutter“ ein. Die Ältere ist wegen ihres pädagogischen Einflusses unverzichtbar, bereitet aber letztlich doch nur jenen entscheidenden Moment vor, in dem das Mädchen seine eigene Stimme findet. Sie ist zwar zu jung, um selbst Mutter zu sein, und ihr Körper und ihre Bewegungen nicht die einer klassischen Tänzerin – und doch gelingt es ihr zur emotionalen Essenz von Duncans Stück vorzudringen.

Das Publikum „tanzt“ mit

Obwohl „Isadoras Kinder“ Geschichten höchstens andeutet, wirkt der Film keineswegs spröde. Die Inszenierung versteht Tanz psychisch wie sozial als etwas unbedingt Dynamisches, für das es nicht den einen richtigen Zugang gibt, sondern jeder selbst einen Weg finden muss. Und so, wie das Stück erst durch den Tänzer zum Leben erweckt wird, braucht es auch ein Publikum, das mit der Aufführung in einen Dialog tritt. Von der eigentlichen Premiere sind dann auch nur die Gesichter der Zuschauer zu sehen.

Eines von ihnen gehört einer Rentnerin (gespielt von der Tänzerin Elsa Wolliaston), der die letzte Episode gewidmet ist. In einem von zahlreichen Duncan-Zitaten, die im Laufe des Films immer wieder auf Zettel gekritzelt oder aus dem Off gesprochen werden, heißt es, dass sich Traurigkeit immer mehr in den Körper einschreibt. Geduldig beobachtet der Film, wie die ältere, beleibte Frau ihren Heimweg antritt und ihre schwerfälligen Bewegungen von einen langen und mühsamen Leben zu erzählen scheinen. Ein improvisierter Altar in ihrer Wohnung verrät, dass auch sie einst ein Kind verloren hat. Und da „Isadoras Kinder“ auch sonst die Bühne sowie private und öffentliche Räume als durchlässig begreift, holt die Rentnerin am Schluss Duncans Choreografie in ihr Wohnzimmer. Die streichelnden Bewegungen, die schon zuvor mehrmals zu sehen waren, vollendet sie dabei – wie einst Duncan selbst – mit dem Schmerz einer trauernden Mutter.

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