Dr. Jekyll & Mr. Hyde (1920)

Horror | USA 1920 | 65 Minuten

Regie: John S. Robertson

Stummfilmverfilmung der berühmten Erzählung von Robert Louis Stevenson und einer erfolgreichen romantisierenden Bühnenadaption um den jungen Arzt Henry Jekyll, der sich durch Experimente in sein böses Alter Ego Hyde verwandelt und in dessen Gestalt Untaten verübt. Der stimmungsvolle Horrorfilm besitzt vor allem durch die sensationelle Leistung von John Barrymore in der Doppel-Hauptrolle Klassikerstatus, indem er die Verwandlung teilweise ohne Zuhilfenahme der exzellenten Maskenarbeit bewältigte. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DR. JEKYLL AND MR. HYDE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
1920
Regie
John S. Robertson
Buch
Clara S. Beranger
Kamera
Roy Overbaugh
Darsteller
John Barrymore (Dr. Henry Jekyll / Mr. Edward Hyde) · Brandon Hurst (Sir George Carewe) · Martha Mansfield (Millicent Carewe) · Charles Lane (Dr. Lanyon) · Cecil Clovelly (Edward Enfield)
Länge
65 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Horror | Literaturverfilmung | Stummfilm

Heimkino

Verleih DVD
AL!VE Studio Hamburg (Kolorierte Fassung)
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Stummfilmadaption der berühmten Erzählung von Robert Louis Stevenson um den jungen Arzt Henry Jekyll, der sich durch Experimente in sein böses Alter Ego Edward Hyde verwandelt.

Diskussion

Die Begegnung mit dem eigenen Ich, das bestürzende Zusammentreffen mit einem Doppelgänger zählt zu den stärksten Horrormotiven überhaupt. Das hat jüngst erst Jordan Peele mit Wir demonstriert, in dem eine US-amerikanische Durchschnittsfamilie von lebenden Spiegelbildern ihrer selbst terrorisiert wird.

Mit „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ hat Robert Louis Stevenson Ende des 19. Jahrhunderts einen Klassiker der Gruselliteratur geschrieben. In diesem Roman findet keine Begegnung des Helden mit seinem Doppelgänger statt, sondern der edle, aber ehrgeizige Arzt und Wissenschaftler Dr. Jekyll verwandelt sich selbst in den bösartigen Mr. Hyde. Zunächst ist es ein von Jekyll gemixtes Elixier, das dieser im Selbstversuch zu sich nimmt und dadurch zu seinem Alter Ego Mr. Hyde mutiert. Doch bald kann Jekyll die Verwandlung nicht mehr kontrollieren; sie findet auch ohne Droge statt. Am Ende hat Hyde gänzlich von Jekyll Besitz ergriffen, und nur durch Hydes gewaltsamen Tod kann auch der Arzt erlöst werden.

Im Unterschied zu als fast alle Verfilmungen des Romans – Wikipedia listet über 30 Kurz- und Spielfilme sowie Fernsehadaptionen auf – enthüllt Stevenson die Tatsache, dass Jekyll und Hyde ein- und dieselbe Person sind, erst am Schluss seines Romans. Das Buch wurde aber schnell so berühmt, dass die Personalunion von Held und Schurke in den Filmen kaum als finale Überraschung getaugt hätte. So zeigen die Stevenson-Adaptionen inklusive des verschollenen Murnau-Films „Der Januskopf“ (1920) – in dem Conrad Veidt kein Gebräu trinkt, sondern durch eine rätselhafte Janusbüste verwandelt wird – von Anfang an die Identitätsstörung und den moralischen Verfall der Hauptfigur.

Jekyll & Hyde fast ohne Make-up

Aus dem Jahr 1920 stammt auch die erste abendfüllende US-amerikanische Adaption, der Stummfilm „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, für dessen Rang vor allem der Schauspieler John Barrymore sorgte. Barrymore spielte während der Dreharbeiten Shakespeares „Richard III.“ am Broadway und musste nach Drehschluss (auf Long Island) regelmäßig zum Broadway aufbrechen. Die Doppelbelastung soll zu einem Nervenzusammenbruch geführt haben, wovon im Film aber nichts zu spüren ist: Mit Leib und Seele wirft sich Barrymore in die Doppelrolle; keinem Darsteller davor und danach ist eine derart beklemmende Jekyll-und-Hyde-Performance gelungen, wobei Barrymore weitgehend ohne Make-Up und Kameratricks auskam, wenn sich der blendend aussehende Doktor in den verkrüppelten, schiefgesichtigen Triebtäter verwandelt.

Ungefähr um dieselbe Zeit erlebte auch Lon Chaney, der „Mann mit den 1000 Gesichtern“ seinen Durchbruch als Star des Horrorfilms, und mutmaßlich hat Chaneys Ruhm es verhindert, dass Barrymore weitere Rollen in diesem Fach spielte – dank seiner charismatischen Stimme zählte er jedoch in der Tonfilmzeit zu Hollywoods großen Charakterdarstellern.

Die von John S. Robertson inszenierte Adaption ist nicht die gelungenste aller „Jekyll and Hyde“-Verfilmungen. Die von Rouben Mamoulian 1931 inszenierte Version mit Fredric March in der Titelrolle gilt zu Recht als beste Hollywood-Version. Der Film mit John Barrymore wirkt im Vergleich mit der Mamoulian-Version uneben und kann in der Retrospektive auch nicht mit dessen Atmosphäre und filmischer Eleganz mithalten.

Unterschicht-Frauen als Lockvögel wider Willen

Das Drehbuch von Clara S. Beranger, die sich nicht sklavisch an die Romanvorlage hielt, ist allerdings interessant. Beranger schärft die Gesellschaftskritik der Vorlage, indem sie die psychosexuelle Motivation der Hauptfigur herausarbeitet. Stevenson überlässt es der Fantasie des Lesers, welchen Gelüsten sich Jekyll als Hyde im Londoner Nachtleben hingibt. Beranger hingegen etabliert zwei Frauenfiguren, Jekylls engelhafte Verlobte und eine aus einfachen Verhältnissen stammende Frau, der Hyde nachsteigt.

1920 ist es die Tänzerin Gina (Nita Naldi), 1931 die Prostituierte Ivy (Miriam Hopkins), die Jekyll auf die sündige Seite zieht. Die Unterschicht-Frau als Lockvogel wider Willen – Gina oder Ivy sind letztlich nur Opfer des schurkischen Hyde – hat Beranger eingebracht. Ihr Drehbuch integriert Züge der moralisch schillernden Welt von Oscar Wilde. Entsprechend scheint auch Barrymore anzudeuten, dass weniger der Forschungsdrang denn die pure Ödnis einer aufopferungsvollen Existenz Jekyll in sein desaströses Rollenspiel treibt.

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